
Das wesentliche am Bio-Landbau ist, dass die Bio-Bauern selbst keine synthetischen Pestizide und Düngemittel ausbringen, sondern vielmehr die Bodenqualität und Bodengesundheit durch ihre landwirtschaftlichen Praktiken erhöhen, wie Fruchtfolgen, Agroforst, Gründüngung etc.
Aber: Biowaren sind nicht automatisch rückstandsfrei, und das fordert die EU-Bio-VO auch nicht. Das ist beim langjährigen und weiter wachsenden Pestizidverbrauch durch die konventionelle Landwirtschaft auch nicht möglich. Es gibt zahlreiche Studien, die die Verbreitung der Pestizidabdrifte in Luft, Wasser und Böden, die steigende Gewässerbelastung in Flüssen und auch im Grundwasser nachweisen. Auch entpuppen sich immer wieder langjährig ausgebrachte Pestizide als Ewigkeitschemikalie. Natürlich spiegelt sich der Zustand unserer Umwelt in Spuren auch in den Biolebensmitteln wider, vor allem, weil die Analysetechniken zudem immer feiner werden. Nach unserer Erfahrung, auch nach Kollegenaustausch, weisen ca. 40-50% der Biowaren Kontaminationen im Spurenbereich auf. Im Moment läuft eine Studie durch RELANA-Labore, die in den Pestizidanalysen durch verbesserte Techniken bis weit unter die Nachweisgrenze gehen können. Nach deren Schätzung, sollten die Verfahren breiter angewandt werden, werden bei ca. 80% aller Biowaren minimale Spuren von Pestiziden gefunden werden.
Zurzeit (2026) findet die erste Revision der EU-Bio-VO statt. Schwächen der Verordnung sollen behoben und Bürokratiemonster leichter gemacht werden, sodass es für Bio-Bauern und -Importeure mehr Rechtssicherheit gibt. Aber: an das Thema Rückstände traut sich die EU-Kommission nicht klar ran. Mit der Begründung: „der Verbraucher erwarte ja Rückstandsfreiheit bei Bio“. Status quo ist ein Flickenteppich in den Mitgliedsstaaten bei der Interpretation der Artikel 27 bis 29, die von Maßnahmen bei Verdacht auf Verstöße bei Kontaminationsbefunden handeln. In einigen EU-Ländern wird Nulltoleranz praktiziert, was regelmäßig zu ungerechtfertigten Lebensmittelvernichtungen und Existenznot bei Bio-Bauern/-Unternehmen führt.
Unsere Bemerkung (am Rande der BioFach 2026), dass die EU-Kommission eben auch für Verbraucheraufklärung über den Zustand der Umwelt sorgen soll, lief gegenüber dem Head of Unit „Organic“ der Kommission aber ins Leere.
Den Vorwurf an die Naturkostbranche, „der Verbraucher erwarte ja Rückstandsfreiheit“, gab es schon viel früher. Ob „der Verbraucher / die Verbraucherin“ dies wirklich erwartet?
— Ein Ausflug ins Jahr 1983. —
Es gab noch keine EU-Bio-Verordnung, aber die bekannten Anbauverbände.
Im Münchener Raum entstand der Verein „Freunde der Erde“ aus engagierten Bioläden, -Großhändlern und Importeuren, ab und zu erschien dessen Zeitschrift „Zopf“. Im Umfeld des Vereins war auch die Heuschrecke aktiv – die erste Bio-Messe Frankfurter Körnerkongress wurde geplant und dafür der Naturkost e.V. gegründet.
1983 urteilte ein Amtsgericht in Baden-Württemberg, dass Bio-Produkte Verbrauchertäuschung seien, da Analysen Spurenbefunde zeigten, aber es die Verbrauchererwartung wäre, dass in Bio nichts drin sein darf.
Also machten sich die Naturköstler an die Aufklärung der VerbraucherInnen:
Eine Million Flugblätter wurden 1983 gedruckt und in den Bioläden verteilt. Es wurden kleine Aufkleber auf die Produkte geklebt mit dem Text: „Aufgrund der hohen Schadstoffbelastung der Luft, des Wassers und der Erde kann selbst bei kontrolliert biologischem Anbau Rückstandsfreiheit nicht immer garantiert werden“.

Was danach geschah:
1991/92 gab es die erste EU-Bio-Verordnung. Der Begriff „Bio“ wurde nicht verboten, wie es damals aus der CDU vorgeschlagen wurde, sondern geschützt.
Seit 1990 hat sich der Pestizidverbrauch weltweit um 80% erhöht. (Pestizidatlas 2022).
EU-Präsidentin von der Leyen rief den ambitionierten Green Deal ins Leben, der allerdings im Angesicht vieler Krisen (Corona, Inflation, Kriege) ziemlich dezimiert wurde. So ist z.B. nicht nur die Pestizidreduktionsstrategie verschoben worden, sondern im Gegenteil soll die Zulassung von Pestiziden erleichtert und regelmäßige Risikoüberprüfungen abgeschafft werden.

Ihr seht, liebe NaturkostkollegInnen, es gibt weiter viel zu tun.
Fotos: Texte der Zeitschrift Zopf zur Flugblattgeschichte
Hier nochmal als PDFs zum besseren Lesen:

wk
hier ein test der kommentare
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