Ohrenkuss: Verdienstkreuz am Bande

Bundesverdienstkreuz für Ohrenkuss-Gründerin Katja de Bragança

  • "Ohrenkuss ...da rein, da raus" - ein künstlerisch-literarisches Magazin, gemacht von Menschen mit Down-Syndrom. Ein einzigartiges Projekt der downtown - Werkstatt für Kultur und Wissenschaft, vor über 10 Jahren gegründet und seither herausgegeben von Dr. Katja de Bragança. Wie es dazu kam, und warum, erzählt die Laudatio zur Ordensübergabe.
  • Gestern, am Montag, dem 23.8.10 war die Übergabe des "Verdienstkreuzes am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland" an Dr Katja de Bragança, für ihre innovative Arbeit und langjähriges Engagement im sozialen Bereich. Noch nominiert von Horst Köhler - wurde die Verleihung des Ordens vom Oberbürgermeister der Stadt Bann vorgenommen.
  • Hier nun die vollständige, offizielle Laudatio, gehalten von Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch, darunter folgen Fotos des festlichen Nachmittags im Bonner Kapitelsaal. Wir freuen uns !  Herzlichen Glückwunsch, liebe Katja !!

 

Laudatio anläßlich der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes

"Frau Dr. Katja de Bragança hat durch ihr langjähriges Engagement im sozialen Bereich auszeichnungswürdige Verdienste erworben.

Frau Dr. Katja de Bragança ist Mutter von vier Kindern im Alter zwischen 16 und 28 Jahren. Während ihres Studiums der Biologie an der Universität Bonn wurde 1982 ihr erstes Kind geboren. Zur Zeit ihrer Dissertation arbeitete sie halbtags als wissenschaftliche Angestellte am Humangenetischen Institut der Universität Bonn und hatte bereits zwei Kinder. Kurz vor der Geburt ihres dritten Kindes 1991 beendete sie ihre Dissertation zum Thema "Fingerabdrücke und das Down-Syndrom". 1994 brachte sie ihr viertes Kind zur Welt.

Während Frau Dr. Katja de Bragança von 1995 bis 1997 am Institut für Parasitologie der Universität Bonn mit einer halben Stelle als wissenschaftliche Angestellte arbeitete, knüpfte sie Kontakte zu Down-Syndrom Selbsthilfegruppen und zu dem Netzwerk gegen Selektion durch vorgeburtliche Diagnostik. Sie beschäftigte sich weiterhin mit den gesellschaftlichen Konsequenzen der vorgeburtlichen Diagnostik und der Lebensqualität von Personen mit dem Down-Syndrom.
Mit der Hilfe der zwei Bonner Künstler Gabriele Lutterbeck und Peter Kurenbach wurde ein wanderndes Atelier von Künstlern mit und ohne Down-Syndrom gegründet. Die Ergebnisse wurden unter ihrer Leitung auf einer fünfzigtägigen Wanderausstellung in Deutschland und Österreich der Öffentlichkeit präsentiert. Der Arbeitsaufwand in dieser Zeit ging vom frühen Morgen bis zum späten Abend und umfasste die logistische Planung, den Auf- und Abbau der Zelte sowie das Verpacken der Kunstwerke und die Öffentlichkeitsarbeit. Während der Ausstellungstage stellte sich Frau Dr. Katja de Bragança vielen Gesprächen mit Besuchern und Pressevertretern, um das Anliegen des Projektes zu erläutern. Sie bot gemeinsame kreative Workshops an und führte mit den begleitenden Künstlern mit und ohne Down-Syndrom ein ausführliches Logbuch über die Reise. Das Projekt "Arche Noah" wurde von der Aktion Mensch finanziert und nahm an der "Aktion Grundgesetz für Gleichstellung und Teilhabe von Menschen mit Behinderung" im Jahre 1997 teil.

Neben Beruf und Familie begann Frau Dr. Katja de Bragança jede freie Minute in die Erarbeitung eines Forschungsprojektes zu investieren. Das Projekt mit dem Titel "Wie erleben Menschen mit Down-Syndrom die Welt - wie sieht die Welt Menschen mit Down-Syndrom? Eine Gegenüberstellung." wurde von 1998 bis 2000 von der Volkswagenstiftung gefördert und am Medizinhistorischen Institut der Universität Bonn durchgeführt. Dabei gelang es Frau Dr. Katja de Bragança zu belegen, dass Menschen mit Down-Syndrom durchaus schreiben und lesen lernen können, denn im Zusammenhang mit diesem Projekt entstand 1998 auf ihre Veranlassung ein weltweit einzigartiges Magazin, genannt "Ohrenkuss", dessen AutorInnen alle vom Down-Syndrom betroffen sind.

Das inzwischen vielfach prämierte Ohrenkuss Magazin (u.a. 2005 Der Deutsche PR-Preis und "Ausgewählter Ort 2006" im "Land der Ideen") erscheint zwei Mal im Jahr mit professionellen Fotos und einem zeitgemäßen Layout, das in seiner Ästhetik an Kunst- oder Musikmagazine erinnert.
Die Redaktionsmitglieder legen das jeweilige Schwerpunktthema selbst fest und präsentieren in ihren Texten ihre zum Teil andere Sicht zu Alltagsthemen. Dabei werden ihre Texte weder in Rechtschreibung noch in Satzstellung korrigiert. Neben den zweiwöchig stattfindenden Redaktionssitzungen in Bonn gibt es auch viele Termine am Wochenende, um mit den Redaktionsmitgliedern Recherchen durchzuführen und Lesungen der eigenen Texte in der Öffentlichkeit abzuhalten. Diese Recherchetouren führten das Team an die verschiedensten Orte: zum Beispiel in die Mongolei, in das historische Grüne Gewölbe in Dresden, in die Lutherstube auf der Wartburg und in den Schießkeller der Bonner Polizei.
Der Arbeitseinsatz von Frau Dr. Katja de Bragança ging in der Zeit des Forschungsprojektes weit über die bezahlte Stelle hinaus.
Die Auflage des Magazins, die von Angehörigen, Fachleuten wie Kinderärzten, Gynäkologen, Humangenetiker, Therapeuten, Germanisten, Fotografen und Designern abonniert und gelesen wird, stieg von anfänglich 150 auf mittlerweile 3000.

Dank der Zuversicht, dass Wissenschaft und Kultur in einer Gesellschaft sich nicht ausschließen, sondern sogar gegenseitig inspirieren können und dank des Mutes, des Ideenreichtums, der Kompetenz und der Zuversicht von Frau Dr. Katja de Bragança sowie durch ihren Verzicht auf eigene Bezahlung war das Ohrenkuss-Projekt mit Auslaufen der Finanzierung im Jahr 2000 nicht zu Ende. Trotz der noch nicht ausreichenden Abonnentenzahlen wurde die fünfte Ausgabe des Magazins geplant und durchgeführt. Zusammen mit ihrer Partnerin Dr. Bärbel Peschka gründete sie die Firma "Downtown Werkstatt für Kultur und Wissenschaft", die fortan das Magazin Ohrenkuss herausgab.

Da die Ohrenkuss-Redaktion durch inhaltliche und gestalterische Qualität überzeugen möchte und nicht aus Wohltätigkeitsgründen Unterstützung sucht, verzichtete man bewusst auf die Gründung der gemeinnützigen Vereinsform für das Ohrenkuss-Projekt: Interessierte Menschen sollten den Ohrenkuss "kaufen" und eine Rechnung bezahlen - und nicht eine Spendenquittung erhalten. Ohrenkuss möchte Respekt und kein Mitleid. Weiterhin wurde, um die künstlerische Qualität zu erhalten, auf die Einnahmequelle "Werbung" in dem Magazin verzichtet. Neben der Erstellung von zwei Ausgaben pro Jahr sind in der Downtown Werkstatt viele Ohrenkuss-Kalender und - zum zehnjährigen Bestehen 2008 - das Ohrenkuss Wörterbuch entstanden, das für den Designpreis Deutschland 2011 nominiert wurde.

Neben der umfangreichen Arbeit für die jeweilige Ausgabe bietet die Ohrenkuss-Redaktion immer wieder Lesungen in ganz Deutschland an, u.a. im Literaturhaus Köln, in der Gedenkstätte Buchenwald und im Arpmuseum Rolandseck. Bis heute fanden viele so genannte "Schreibwerkstätten" statt, bei denen Menschen mit und ohne Down-Syndrom die Gelegenheit haben, über die gemeinsame kreative Arbeit Vorurteile abzubauen und voneinander zu profitieren".

Fotos (mit Klickvergrößerung): Heuschrecke


... mongolisch ist mongolisch und klingt wie mongolisch ...

Ohrenkuss ...da rein, da raus, das Magazin, gemacht von Menschen mit Down-Syndrom gibt es seit mehr als zehn Jahren.
Das Projekt ist einmalig auf der ganzen Welt und mehrfach preisgekrönt.
Es erscheint zweimal jährlich - mit jeweils einem Thema, Texten der bis zu 50 AutorInnen mit Down-Syndrom und professionellen Fotos. www.ohrenkuss.de
Ohrenkuss bloggt einmal im Monat hier auf www.heuschrecke.com zu einem aktuellen Thema.

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