Ländliche Bildbetrachtung

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Portrait: Indigener Gewürzbauer in Kannampady, Indien

10 Dinge, die man sieht, und die man nicht sieht.

1) Ein älterer Herr – weiße Haare und Bart, rosé-weiß gestreiftes Hemd – im Zentrum. Der Gesichtsausdruck: präsent, etwas distanziert und leicht amüsiert.

2) Farben: die leuchtend-tiefbraune Hautfarbe vor dem satten Grün im Hintergrund. Das helle Hemd gibt Luftigkeit. Kontraste, gleichberechtigte Farbintensitäten. Ein herausblinzelnder Farbfleck: die rote Tüte.

3) Der Hintergrund: Dschungel. Dichtes Grün. Wir waren frappiert von gefühlten 240 Grüntönen, die sich erst beim näheren Hinsehen in verschiedene Gewürz- und andere Nutzpflanzen differenzieren sollten. Nichts war zufällig, alles wurde erklärt.

4) Der Herr, Mr. Kadatha, ist von Beruf Gewürzbauer, seit Generationen. Hier neben ihm: sein Sohn, Mr. Raghavan, der mit ihm zusammenarbeitet. Die Großfamilie bewirtschaftet ca. einen Hektar Fläche.

5) Der Ort: wir sind in Indien, im Bundesstaat Kerala im Süden, ca. 250km von der Hauptstadt Trivandrum entfernt in den Bergen. Hier in unzugänglichen Urwaldregionen gibt es “Reservate” oder “Tribal Settlements”, geschützte Gebiete für die indischen Ureinwohner, Adivasi oder indigene Stämme. Kannampady ist eine solche Adivasi – Niederlassung im Idukki Bezirk (Kerala), 8 km inmitten des Urwaldes gelegen.

6) Mr. Kadatha ist mit 251 anderen Gewürzbauern aus Kannampady Mitglied im Sahyadri Spice Farmers Consortium für Bio-Gewürze. Wir beziehen seit mehr als 15 Jahren Gewürze von ihnen.

7) Kunst in Zahlen:
Anzahl der biozertifizierten Farmer in Kannampady:        252
Durchschnittl. Landbesitz / Farm:                    1 ha
Gesamte biozertifizierte Fläche in Kannampady:        253,34 ha
Zertifizierungs-Status:    USDA NOP (USA), EU, NPOP (Indien),JAS (Japan), Naturland, Biosuisse (was eine sehr große Formular- und Dokumentenmenge bedeutet, und viele viele Arbeitsstunden mit Bürokratie).
Erntemengen in Kannampady für die Gruppe der biozertifizierten Farmer (auf 253,34 ha):
1. Schwarzer Pfeffer:   90000 kg
2. Weißer Pfeffer:          7000 kg
3. Ingwer, frisch:          14000 kg
4. Curcuma, frisch:      14000 kg
5. Nelken:                          600 kg
6. Cardamom, frisch:     5000 kg
7. Muskatnüsse:               10 kg
8. Tee (Grünes Blatt):   9000 kg
9. Kaffee Robusta (getrocknet, mit Schale):    40000 kg

8) Daneben werden dort zur Selbstversorgung verschiedene Früchte und Gemüsesorten angebaut, sowie einige Tiere gehalten. Dieser relativ kleine Flecken Erde gibt reichlich, in einer gesunden Diversität. Deshalb hat der Weltagrarbericht 2009 ausdrücklich festgestellt, dass diese kleinbäuerliche (vorsintflutliche) Bio-Landwirtschaft mehr zur Zukunftssicherung der Welternährung beiträgt als die Agroindustrie, die vor allem viele Umweltschäden verursacht.

9) Im Jahr 2009 haben wir Kannampady besucht. Später entstand dort die Idee, den Urwaldpfeffer von Kannampady separat zu trocknen und zu verarbeiten, sodass er mit genauer Herkunftsangabe vermarktet werden kann. Normalerweise werden die Gewürze der insgesamt ca. 2000 Kleinbauern des Sahyadri Spice Farmers Consortium nicht getrennt. Mit der genauen Herkunftsbezeichnung entsteht bei den KonsumentInnen in unserem Land ein genaueres Bild, welche Menschen denn den Pfeffer angebaut und in den Händen gehabt haben, den man gerade isst.

10) Und jetzt kommt per Email ein konkretes Bild zurück: unser Kannampady – Urwaldpfeffer in den Händen des Kannampady-Bauern.

Ursula Stübner, Heinz-Dieter Gasper

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