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Tomas Tranströmer, Lyrik (1)
Morgenvögel
Als im Jahr 2011 der Literaturnobelpreis an den Schweden Tomas Tranströmer verliehen wurde, waren viele Leute irritiert: nur Lyrik, und ein ganz schmales Gesamtwerk.
Wir waren jetzt im Frühjahr auf der LitCologne und haben ihn - mit seiner Frau Monica, seinem Verleger Michael Köhler und dem Übersetzer Hanns Grössel - erlebt. Hier haben wir verstanden, warum er den Nobelpreis bekommen hat.
Tranströmer konnte selbst leider nicht vortragen - er ist seit ca. 20 Jahren durch einen Schlaganfall gelähmt. Aber es war berührend, dass er da war, mit seiner lichten, freundlichen Präsenz.
Die Sprache ist kraftvoll, mutig, mit eigener Ästhetik. Beim Zuhören spürt man förmlich, wie sich Grenzen im Kopf öffnen. Es war eine richtige Freude, diese für uns neue Poesie zu hören.
Im Internet oder in den Medien findet man leider wenige der Gedichte Tranströmers veröffentlicht, deshalb haben wir mal beim Hanser-Verlag, der die Rechte innehat, angefragt. So teuer ist das nicht - also aufgepasst: wir spendieren Euch / Ihnen mit freundlicher Genehmigung in lockerem Abstand drei Gedichte, die uns besonders gut gefallen haben. Lesen, merken, ggfs. auswendig lernen - nach 6 Monaten werden sie wieder von unserer Website verschwinden.
Danach gibt es aber immer noch das schöne Buch: "Sämtliche Gedichte" ... (s.u.)
MORGENVÖGEL
Ich wecke das Auto,
dessen Windschutzscheibe mit Blütenstaub überzogen ist.
Ich setze die Sonnenbrille auf.
Der Vogelgesang dunkelt.
Während ein anderer Mann eine Zeitung kauft
auf dem Bahnhof
in der Nähe eines großen Güterwagens,
der um und um rot ist vor Rost
und flimmernd in der Sonne steht.
Keine Leerräume irgendwo hier.
Quer durch die Frühlingswärme ein kalter Korridor,
durch den jemand eilends kommt.
und erzählt, man habe ihn verleumdet
bis hinauf in die Direktion.
Durch eine Hintertür in der Landschaft
kommt die Elster
schwarz und weiß. Hels Vogel.
Und die Amsel, die sich kreuz und quer bewegt,
bis alles eine Kohlezeichnung wird,
außer den weißen Sachen auf der Wäscheleine:
ein Palestrina-Chor:
Keine Leerräume irgendwo hier.
Phantastisch zu spüren, wie mein Gedicht wächst,
während ich selber schrumpfe.
Es wächst, nimmt meinen Platz ein.
Es verdrängt mich.
Es wirft mich aus dem Nest.
Das Gedicht ist fertig.
Aus: Tomas Tranströmer: Sämtliche Gedichte. Hanser Verlag München 1997.
Das Gedicht "Morgenvögel" ist auf S. 87. Übersetzung: Hanns Grössel.
Lyrik aus Peru: José Ruiz Rosas
José Ruiz Rosas: Einsames Zwiegespräch II
Teresa Ruiz Rosas lebt in unserem Kölner Stadtteil und ist Schriftstellerin.
Ihr Vater José Ruiz Rosas ist in Peru ein bekannter und geehrter Lyriker.
Geboren 1928 in Lima, ließ er sich in der südperuanischen Stadt Arequipa nieder (dort stammt auch Mario Vargas Llosa her), hat die Buchhandlung Trilce geführt, später die Zweigstelle des nationalen Kulturinstituts und die Stadtbiobliothek. Das war der Umkreis, wo (auch in dunklen Zeiten) ein wichtiger Teil des kulturell-intellektuellen Lebens Perus stattfand.
Bisher gibt es wenig deutsche Übersetzungen der Gedichte von José Ruiz Rosas. Ein Übersetzercolloquium um Teresa Ruiz Rosas hat nun eine zweisprachige Anthologie veröffentlicht. Teresa erzählte sehr anschaulich von der intensiven und berührenden Arbeit des Ringens um die Sprache. Das Ergebnis hat etwas Perfektes, als wäre die Poesie eine Blüte im vollsten Moment der Entfaltung - wer Sprache liebt, kann es hier zweisprachig nachempfinden ...
In unserem Blog stellen wir mit und mit einige der Gedichte vor.
Einsames Zwiegespräch II
Das symmetrische Reich der Zufälle,
das bisweilen mein Zeitvertrieb ist,
Verschwendung von Farbe, Zahl und Prunk
tanzend zwischen den Händen und den Bars.
Wie viele Welten fremder Abenteuer
des Goldes, Rausches, Piks und Kreuzes,
wo ich versinke, wollüstig und keusch,
in Kabalen freudiger Duelle.
Ich bin der Magier und der König, bin die Zahl,
manchmal den unendlichen Filz bereisend,
der Elle den Wert des Oberarms zu geben.
Und die höfische Welt entspannt sich
mit überlieferter Sorgfalt, heftigem Eifer,
auch mir das gleiche Kartenlos zu ziehen.
Diálogo o solas II
Este reino simétrico de azares
con el que a veces mi transcurso gasto,
derroche de color, número y fasto
danzando entre las manos y los bares.
Cuántos mundos de extraños avatares
del oro, la embriaguez, la espada, el basto,
donde me hundo, lujurioso y casto,
en cábalas de duelos jubilares.
Soy el mago, y el rey y soy el número
que el tapete infinito a veces viaja
dándole al cúbito el valor del húmero.
Y el palaciego mundo se relaja
con atávico afán y celo innúmero
por darme igual destino de baraja.
Aus: José Ruiz Rosas: El viento donde tus ques exclamas / Der Wind, der dein Staunen trägt. Gedichte, 1950 - 2009, eine Anthologie.
Gedicht: Einsames Zwiegespräch II. S.16/17
Übersetzercolloquium: Ines Hagemeyer, Teresa Ruiz Rosas, Rainer Maria Gassen, Monika Driller, Monika Winterson
Wir danken für die freundliche Genehmigung von Teresa Ruiz Rosas und dem Verlag Ralf Liebe.
Zwiegespräch. Poesie aus Peru
José Ruiz Rosas: Einsames Zwiegespräch
Teresa Ruiz Rosas lebt in unserem Kölner Stadtteil und ist Schriftstellerin.
Ihr Vater José Ruiz Rosas ist in Peru ein bekannter und geehrter Lyriker.
Geboren 1928 in Lima, ließ er sich in der südperuanischen Stadt Arequipa nieder (dort stammt auch Mario Vargas Llosa her), hat die Buchhandlung Trilce geführt, später die Zweigstelle des nationalen Kulturinstituts und die Stadtbiobliothek. Das war der Umkreis, wo (auch in dunklen Zeiten) ein wichtiger Teil des kulturell-intellektuellen Lebens Perus stattfand.
Bisher gibt es wenig deutsche Übersetzungen der Gedichte von José Ruiz Rosas. Ein Übersetzercolloquium um Teresa Ruiz Rosas hat nun eine zweisprachige Anthologie veröffentlicht. Teresa erzählte sehr anschaulich von der intensiven und berührenden Arbeit des Ringens um die Sprache. Das Ergebnis hat etwas Perfektes, als wäre die Poesie eine Blüte im vollsten Moment der Entfaltung - wer Sprache liebt, kann es hier zweisprachig nachempfinden ...
In unserem Blog stellen wir mit und mit einige der Gedichte vor.
Einsames Zwiegespräch I
Manchmal hören wir Stimmen,
die uns wie Brisen erscheinen
hergeweht von einem Strand des Lächelns,
die nach Pollen duften und nach Lust schmecken.
Manchmal, du kennst sie auch,
hören wir nur noch Echos aus Asche,
uns das Trommelfell schmerzhaft verletzend,
mit erstauntem Wiehern und Hufschlägen.
So wiegt uns das Bild, sich schnell ändernd,
im Pendel der Zweifel hin und her,
in den aufgezeichneten Hirnströmen.
So erfassen wir aus allen Stimmen
keine, vielleicht in Erwartung
Der ersten und einzigen.
Diálogo o solas I
A veces esuchamos unas voces
que más que voces nos parecen brisas
venidas de una playa de sonrisas,
oliendo a polen y sabiendo a goces.
A veces, tú también ya los conoces,
solo esuchamos ecos de cenizas
que nos hieren los tímpanos en prisas
de relinchos atónitos y coces.
Así, la imagen que veloz se altera
en péndulo de dudas nos acuna,
electroencefalógrafo que fuera.
Así de tantas voces, no ninguna
es la que asimilamos, en espera
quizá de la primera y sola una.
Aus: José Ruiz Rosas: El viento donde tus ques exclamas / Der Wind, der dein Staunen trägt. Gedichte, 1950 - 2009, eine Anthologie.
Gedicht: Einsames Zwiegespräch I. S.14/15
Übersetzercolloquium: Ines Hagemeyer, Teresa Ruiz Rosas, Rainer Maria Gassen, Monika Driller, Monika Winterson
Wir danken für die freundliche Genehmigung von Teresa Ruiz Rosas und dem Verlag Ralf Liebe.









