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Nicht gespritzt und doch belastet

Unterstützung bei unverschuldeten Verunreinigungen für Bio-Bauern ist notwendig


Konventionelle Nachbarfelder mit Pflanzen, die einen hohen Pestizideinsatz brauchen (Wind-Abdrift),
schwierige, feuchte Wetterlagen, wo im konventionellen Bereich wie verrückt gespritzt wird,
Hubschraubereinsätze,
Überschwemmungen, die pestizidhaltigen Schlamm in die Bio-Felder spülen
... die Alpträume von Biobauern. In unserem Bereich, Kräuter, Gewürze, Tee, haben wir häufig damit zu tun und haben auch schon öfter darüber geschrieben.

Das unten erwähnte Biphenyl ist nicht nur ein Pestizid, sondern entsteht z.B. auch bei unsachgemäßer Trocknung von Chili in Entwicklungsländern durch die Rauchentwicklung, also auf natürlichem Wege. Da die Analytik immer feiner wird, aber die Interpretationsfähigkeit der differenzierteren Messergebnisse hinterherhinkt, werden schon mal Produkte als pestizidbelastet interpretiert, wo der Eintrag auf natürlichem Wege zustandegekommen ist, oder sogar ein natürlicher Inhaltsstoff ist.

Nicht einfach: es wird also nie so sein, dass bio = rückstandsfrei ist. Dazu haben wir zuviel giftige Chemie in die Welt gesetzt (ca. 1350 Mittel lt. Katalog), und es sieht so aus, als würde es immer noch doller getrieben (Thema Gentechnik-Verseuchungen).

Deshalb fanden wir folgenden Artikel aus unserer Branchenzeitung BNN-Nachrichten (Ausgabe III, Sept. 2011) sehr informativ und möchten ihn auch EndverbraucherInnen zugänglich machen.

Der BNN (Bundesverband Naturkost Naturwaren Herstellung + Handel) leistet neben seiner Öffentlichkeitsarbeit wertvolle Qualitätsarbeit im Hintergrund. So wurde wegen der unten beschriebenen Problematik schon 2001 der BNN-Orientierungswert geschaffen, der heute ein weit anerkannter Standard ist.

Der BNN-Orientierungswert ist 0,01 Milligramm eines Wirkstoffs in einem Kilogramm des unverarbeiteten Ausgangsprodukts. Liegen die Werte darunter, handelt es sich mit Sicherheit um die unvermeidbare ubiquitäre Belastung aus der Umwelt.
Wird der Orientierungswert überschritten, löst seine Überschreitung eine Einzelfallprüfung unter Einbeziehung der zuständigen Öko-Kontrollstelle aus. Untersucht wird dabei, ob die Vorschriften für den ökologischen Anbau eingehalten wurden. In der Regel werden jedoch unbeabsichtigte Prozessfehler aufgedeckt und in der Folge abgestellt, selten dagegen illegales Verhalten.

Unsere Anmerkung zum unten beschriebenen, neuen Instrument der öffentlichen Stellungnahme: wir würden dafür plädieren, das Problem nicht nur wirtschaftlich, sondern auch öffentlich gesellschaftlich / politisch zu behandeln (die konventionelle Landwirtschaft und die Chemiekonzerne sind das Problem - und die Politik folgt den Lobbyisten), und schlagen deshalb vor, das entscheidende Gremium zu erweitern mit Menschen aus kritischen (Naturschutz-)Verbänden, grünen Parteien, Ökotest, Foodwatch usw.



Heinz-Dieter Gasper, Ursula Stübner





Unterstützung bei unverschuldeten Verunreinigungen           

 

Nicht gespritzt und doch belastet



Biobauern setzen keine Pestizide ein, aber dennoch kommt es immer wieder vor, dass in ihrer Ernte Rückstände zu finden sind, die aus der konventionellen Landwirtschaft stammen.


Manchmal bedroht das die Existenz ganzer Betriebe, denn selbst wenn die Belastung weit unter dem gesetzlichen Grenzwert für konventionelle Ware liegt, sind die Produkte oft unverkäuflich. Der BNN Herstellung und Handel wird daher künftig öffentlich Stellung nehmen, wenn der BNN-Orientierungswert aus nachweisbaren und unverschuldeten Gründen nicht eingehalten werden konnte und davon mehrere Unternehmen betroffen sind.


Letztes Jahr standen 300 Kleinbauernfamilien in Brasilien vor einem Scherbenhaufen. Ihre komplette Biosoja-Ernte war in Folge einer ungewöhnlichen Wetterlage und eines massiven Pestizideinsatzes auf konventionellen Feldern in der Region mit dem Insektizid Endosulfan verunreinigt. Die Belastung lag zwar nur bei durchschnittlich 0,03 bis 0,06 Milligramm pro Kilogramm Soja und war damit zehn Mal geringer als zugelassen. Doch selbst diese Rückstandsspuren machten die Ernte auf Biomarkt unverkäuflich.


Die Bauern und Unternehmen, die Bio-Soja verarbeiten, suchten händeringend nach einer Lösung. Auch im Bundesverband Naturkost Naturwaren, der vor zehn Jahren den BNN-Orientierungswert für Pestizide eingeführt hat, rauchten die Köpfe. Wie lässt sich vermeiden, dass Bio-Erzeuger und Bio-Verarbeiter unverschuldet auf Ware sitzen bleiben, wenn nachweislich Dritte für eine Belastung leicht über dem Orientierungswert verantwortlich sind?


Orientierungswert ist kein Grenzwert


Für den Orientierungswert gilt normalerweise: Ist er bei einer Probe überschritten, veranlasst das betroffene Unternehmen - oder im Rahmen des BNN-Monitorings die Koordinationsstelle -  eine Einzelfallbetrachtung. Denn eine Belastung von mehr als 0,01 Milligramm eines Wirkstoffs pro Kilogramm kann ein Hinweis auf unerlaubte Anwendung und damit Betrug sein. Meist stellen sich jedoch ungewollte Verunreinigungen beim Transport oder beim Verpacken oder Abdrift von konventionellen Flächen als Ursache heraus. In solchen Fällen führt die Anwendung des Orientierungswerts regelmäßig zu einer Verbesserung im Prozess, oft durch einfache Maßnahmen wie konsequente räumliche Trennung der biologischen und konventionellen Verarbeitung.


Dennoch wird der BNN-Orientierungswert nach wie vor von vielen auf dem Biomarkt als Grenzwert interpretiert, obwohl er eine "Auslöseschwelle" für die Ursachenrecherche ist. Selbst Bescheinigungen der Kontrollstellen reichen daher meist nicht aus, um davon zu überzeugen, dass Bio-Ware mit Verunreinigungen im leicht überhöhten Spurenbereich immer noch Bio-Ware ist, wenn die Belastung nachgewiesenermaßen unverschuldet und unvermeidbar erfolgt ist. Denn Bio-Produkte werden nicht durch Rückstandsfreiheit definiert, sondern über den besonderen Prozess ihrer Erzeugung und Herstellung sowie ihre gesetzliche Kontrolle. Die gesetzlichen Vorschriften für den Ökolandbau sehen bewusst keinen eigenen Grenzwert für Pestizide bei Bio-Produkten vor.


Niemand kann Wind und Regen stoppen


Das Beispiel der brasilianischen Bio-Soja zeigt deutlich, warum das nicht anders sein darf: Manchmal lässt sich die Ursache für eine Kontamination eben schlicht nicht abstellen. Niemand kann Regen abschalten, der zu stark mit Insektiziden verschmutzt ist, und niemand kann den Wind beschwören, der ungewöhnlich viele Pestizidpartikel mit sich trägt.
Wird in solchen Fällen der BNN-Orientierungswert überschritten, ohne dass Betrug oder Fehler in Erzeugung und Verarbeitung nachzuweisen sind, ist Biobauern kein Vorwurf zu machen. Sie sind Opfer der allgemeinen Belastung der Umwelt mit Schadstoffen aus der konventionellen Landwirtschaft. Solange die Belastung unter den gesetzlichen Grenzwerten liegt und keine Gesundheitsgefahr besteht, sollten ihre Produkte weiter verkauft werden dürfen.


Damit sie künftig auch gekauft werden, hat der BNN Herstellung und Handel beschlossen, ein neues Instrument einzuführen: die "Öffentliche Stellungnahme zur Anwendung des BNN-Orientierungswerts für Pestizide". Einen Antrag können betroffene Unternehmen an den Verband richten. Erforderlich sind eine ausführliche Schilderung des Sachverhalts, Analysen eines anerkannten Labors und in der Regel eine Stellungnahme der zuständigen Kontrollstelle. Der Wissenschaftliche Beirat verfasst zum jeweiligen Fall eine Stellungnahme, die alle wichtigen Argumente zusammenfasst und bewertet. Am Ende entscheidet der Vorstand des Verbandes, ob die Anforderungen in Bezug auf den BNN-Orientierungswert eingehalten wurden oder nicht. Es ist auch möglich, dass keine Stellungnahme zustande kommen kann, weil entscheidende Informationen fehlen oder der Fall nicht verallgemeinert werden kann.


Stellungnahme, die erste!


Die erste "Öffentliche Stellungnahme" ist bereits veröffentlicht, denn für die brasilianischen Bio-Sojabohnen ließ sich eine unvermeidbare Kontamination aus der Umwelt zweifelsfrei nachweisen. 2010 war in der Anbauregion fast doppelt so viel Endosulfan verkauft worden wie in den Vorjahren. Bis zu 70 Prozent des sehr flüchtigen Stoffes verdunsten in den ersten beiden Tagen nach der Anwendung, und über Regen und Wind hat er sich dann über weite Strecken in der Umwelt verteilt. Im regenreichen und heißen Jahr 2010 gelangte Endosulfan so auch auf die Felder der Biobauern, wo die ölhaltigen Sojabohnen es aufnahmen und anreicherten.


Weil Endosulfan vor allem im direkten Kontakt die Gesundheit der Menschen gefährdet, hat die 5. Vertragsstaatenkonferenz zum Stockholmer Übereinkommen über persistente organische Schadstoffe (POPs) den Wirkstoff jüngst zur  Nummer 22 des einst "Dreckigen Dutzends" deklariert. Endosulfan darf danach nicht mehr für den Pflanzenschutz eingesetzt werden. Allerdings gelten mehrjährige Übergangsfristen. Andere längst verbotene Pestizide tauchen immer noch in der Nahrungskette auf, zum Beispiel Biphenyl in deutscher Petersilie. Mit weiteren Fällen unverschuldeter Kontamination im Biosektor  muss also gerechnet werden, bis eines schönen Tages alle Pestizide von der Erde gebannt sind.





Katja Niedzwezky (aus: BNN-Nachrichten III/2011, Öffnet externen Link in neuem FensterBundesverband Naturkost Naturwaren Herstellung + Handel)





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Bildbetrachtung, Bio

Impressionismus: Bio-Kamillefeld in Kroatien



10 Dinge, die man sieht, und die man nicht sieht.



Kroatien: Bio - Kamillefeld

 


1) Felder - 3 Farben, sanft wie Schleier: weiß, grün, rot.
Links ziehen sich Kamilleblüten in die Tiefe des Bildes (100m? 300m?). In der Mitte ein schmaler grüner Streifen Gras. Rechts leuchtend roter Mohn, soweit das Auge reicht.


2) Sieht man genau hin, ist auch das weiße Kamillefeld von roten Tupfern durchzogen: Klatschmohnblüten. Im grünen Streifen gibt es rote und weiße Flecken, und auch im roten Mohnfeld gibt es weiße Punkte.


3) Eigentlich ist das Ganze ein Kamillefeld. Der Bio-Bauer in Kroatien hat das Land erst recht spät von der Gemeinde gepachtet, gepflügt, und auf den letzten Drücker noch ausgesät, jedenfalls den linken Teil, der gut aufgegangen ist. Im mittleren Teil liegt eine Drainage zur Entwässerung, deshalb wenig Blüten und sattes Grün. Der rechte Streifen wurde zu spät mit Kamille eingesät, sodass der Mohn das Rennen gewonnen hat.


4) Jetzt ist das Feld abgeerntet. Die Blüten werden getrocknet, und der Mohn von Hand aussortiert - eine Arbeit, die wir uns in Deutschland nicht mehr vorstellen können - oder fast unbezahlbar wäre. Leider konnte in dieser Situation nicht mehr realisiert werden, auch Abnehmer für die getrockneten Mohnblüten zu finden. Mohnblüten sind auch bei uns Bestandteil von Kräuterteemischungen.


5) Ganz kurze Zeit später kam der Hagel und hat innerhalb von 10 Minuten die anderen Felder dieses auf Kamille spezialisierten Bio-Bauers verwüstet, die noch nicht abgeerntet waren. Im Wert macht das ca. 0,5 Mio. EUR aus. Die Häufung solch heftiger Wetterlagen ist Zeichen des Klimawandels (das hören wir auch von unseren anderen Bio-Bauern).


6) Hier die Fotos eines "voll erblühten" Kamillefeldes, aufgenommen ein paar Tage nach dam Hagel, verwüstet.


Kroatien: Kamillefeld nach HagelKroatien: Kamillefeld nach Hagel


 















7) Das ist eine typische Gefahr für die Bio-Landwirtschaft. Bei extremen Wetterlagen verwenden konventionelle Bauern mehr Pestizide. Sie kommen einmal durch Abdrift, zum anderen gelangen kontaminiertes Wasser und Schlamm bei den Überflutungen in die Bio-Felder. Und übrigens auch ins Grundwasser und zunehmend in unsere Mineralwasserbrunnen, wie Ökotest in seiner Ausgabe 7/2011 warnt. Das zunehmende Problem durch die Agrochemie kann kein einzelner Bio-Bauer mehr lösen, sondern gehört auf die politische Ebene.


8) Wenn unser Bio-Bauer uns erzählt, seine Kamillefelder liegen nun weiter von konventionellen Tabakfeldern entfernt, ist das wieder weniger Risiko. Kamille ist ein Sammler - diese Pflanzen speichern mehr Pestizide als andere Pflanzen bei Belastung. Deswegen wird jede Charge analysiert.


9) Im Moment werden die Felder zu einem 2. Versuch vorbereitet. Es wird alles untergepflügt und als Zwischensaat Raps eingesät.


10) Im Spätsommer wird dann wieder Kamille eingesät. Wenn das Wetter mitspielt und mit etwas Glück gibt es noch mal eine Ernte.





Ursula Stübner, Heinz-Dieter Gasper



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Tags: kroatien, terra magnifica, bio-kräuter, kamille, klimawandel, hagel
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Hintergrund: Biotee - Fairbiotea

Aktuelle Folgen im Bio-Teebereich: Klimawandel und soziale Situation

 

 

Unser langjähriger Teeimporteur Wolfgang Wilhelm berichtet uns ausführlich über das Tee-Erntejahr 2010 in Indien und China, und beschreibt anschaulich die problematische klimatische und soziale Situation.

Weiter unten ist sein Bericht in Ausschnitten zu lesen, doch zunächst möchten wir das neue Siegel Fairbiotea, das in Kürze auf einem Teil unseres Sortiments angebracht wird, vorstellen.

 

Logo Fairbiotea, Biotee nach Fairbiotea-QualitätsstandardDer Hintergrund von Fairbiotea: Wegen der besonderen politischen und sozialen Lage in China ist die Beschaffung von zuverlässiger, fairer Bio-Ware von dort erschwert. Bekannt ist (siehe auch TAZ Artikel vom 3.3.2011 Öffnet externen Link in neuem Fenster„Pestizide in Bioware aus China“, S.9), dass Bioware von dort aus den unterschiedlichsten Gründen häufig belastet ist, und deshalb eine aufwendige Analytik für Bio-Importeure notwendig ist.

Unseren Tee-Importeur, mit dem wir seit über 30 Jahren zusammenarbeiten, hat dies veranlasst, über den Bio-Standard hinaus ein "fairbiotea"-Qualitäts-Management-System zu schaffen, der die EG-Bio-Verordnung, besonders für den Teebereich, ergänzt und sicherer und transparenter für beide Seiten macht.

Das System ist auf praktisches Qualitätsmanagement ausgerichtet, und bietet kostenlose, qualifizierte Schulung und analytische Beratung für Bio-Tee Bauern.

Neben zusätzlichen Sicherheitsstandards hat das System die ökosoziale Entwicklung zum Ziel: Entwicklung von Nährstoffkreisläufen, Prämiensysteme zur Einkommensverbesserung und Motivation der Bauern, Abnahmegarantien, faire Preise u.v.m.. 

 

Zur Zeit ist das Fairbiotea-System in 4 chinesischen Teefarmen installiert, von denen wir schon einige Zeit bevorzugt Ware beziehen: die Qingshan-Farm in der Provinz Hunan, und die Farmen Hecheng, Xinayuan und Mingzhou in der Provinz Anhui.

Diese Tees werden ab Frühjahr mit nebenstehendem Logo gesiegelt.

Auf der Website Öffnet externen Link in neuem Fensterhttp://www.fairbiotea.de werden für KonsumentInnen ausführlich Hintergründe erklärt und die Teefarmen vorgestellt.

 

Auch wenn es jetzt noch etwas dauert, bis das Logo im Handel präsent ist – die Teefarmen geben wir schon immer auf den Rücketiketten unserer Ware bekannt. Bei den 4 genannten Farmen ist auch unser noch-nicht-gesiegelter Tee schon nach Fairbiotea-Standard produziert. Darunter sind einige unserer Aktionstees: China Grüntee, China Sencha und Chun Mee in der grünen Tüte, sowie der Klassiker Temple of Heaven China Gunpowder, einige Jasmin-Teespezialitäten, einige gehobene Grün- und Weißtees, z.B. der neue White Monkey, und unsere aromatisierten Grüntees.

 

Das Konzept soll langfristig ausgeweitet werden, was nicht so ganz einfach ist: es erfordert für unseren Teeimporteur eine starke Präsenz vor Ort, und eine hohe Bereitschaft der Teefarmen, mitzumachen (kultureller Konfliktstoff ist vorprogrammiert). Die Kosten für das ganze Qualitätsmanagement-Gerüst inkl. Maßnahmen sind sehr hoch, sodass bei einer Teefarm natürlich entsprechende zuverlässige Mengen und Umsätze dahinterstehen müssen. Eine Zertifizierung dieses Systems ist geplant.

 

Natürlich entsprechen auch alle anderen Biotees unseres Sortiments der EU-Bio-Verordnung und werden lückenlos analysiert. Im Zusammenhang mit Gewürzen aus China hatten wir bereits einmal über den Umgang mit Pestiziden in der Naturkostbranche berichtet: Öffnet externen Link in neuem Fensterhttp://www.heuschrecke.com/blog/blog-post/2009/11/12/hintergrund-pestizide.htm





Und hier nun zum Erntebericht 2010:

 Ernte von Bio-Grüntee in China

Wolfgang Wilhelm beschreibt ein zurückliegendes Jahr, "das in Bezug auf die Warenbeschaffung ein ganz anderes Jahr ist als Jahre zuvor."


"Das Jahr hatte viele Negativrekorde zu bieten. So hatten wir extremes Klima in Darjeeling und in Assam. Die Klimaveränderung scheint deutlich greifbar zu sein. Wenn im Frühling Feuchtigkeit und mäßige Temperaturen für einen guten First Flush Tee gewünscht sind, gab es sehr kaltes und sehr trockenes Wetter in Darjeeling. Ein Wetter, das nicht nur schlechtere Qualitäten und schlechte Erträge hervorbringt, sondern auch Pflanzenschädlinge begünstigt.

 

Im Sommer gab es dann dauerhaft zu nasses Wetter, während der Second Flush Darjeeling trockene und warme Temperaturen benötigt.

 

In den meisten Teeplantagen in Assam gab es einen extremen Befall von Helopeltis, der nur mit Pflanzenschutzmittel bekämpft werden kann. Die Erträge in Assam waren verglichen mit anderen Jahren sehr gering. Konventionell wirtschaftende Plantagen konnten ihre Produkte kaum noch in die EU vermarkten, weil die chemischen Rückstände nach der Schädlingsbekämpfung oft zu hoch waren und nicht mehr der Höchstmengenverordnung entsprachen."

 

 

 

Ebenfalls in indischen Biotees wurden laut Wolfgang Wilhelm im letzten Jahr ungewöhnlich häufig Spuren von DDT und Endosulfan gemessen, meistens unterhalb der BNN-Orientierungswerte, den Warnwerten der Naturkostbranche. Nach damaligem jahrzehntelangem Einsatz von Pestiziden mit langen Halbwertzeiten (damals der Stolz unserer Chemie-Industrie - der Westen hat die Büchse der Pandora geöffnet  - wir bekommen nur zurück, womit der (ehemalige) Exportweltmeister jahrelang die Welt verseucht hat, eigentlich gerecht), sind ubiquitäre Spuren nicht mehr zu vermeiden, und werden fairerweise natürlich innerhalb der Orientierungswerte akzeptiert.

Wir bekommen die Problematik im Zusammenhang mit dem Klimawandel auch bei Kräuter- und Gewürzbauern mit. Durch den El Niña-Effekt mit seinen plötzlichen flutartigen Regelfällen werden z.B. Böden von konventionellen Feldern bis in die Biofelder hineingeschwemmt, was zur erhöhten Pestizidbelastung von Bioware führt. Bzw.: die konventionellen Nachbarn spritzen in Panik in diesen Zeiten auch wie verrückt gegen den wetterbedingten Schädlings- und Beikräuterdruck.



 

 Verarbeitung von Bio-Grüntee in ChinaWeiter zur Ernte-Situation in China:


"Auch in China hatten wir im Frühling, nach dem ersten Austrieb der Blattknospen eine strenge Frostperiode, die fast die gesamte Ernte weißer Blattknospen vernichtet hat.

Danach folgte monatelanger Dauerregen, Überschwemmungen, Taifune.

 

Dennoch übernimmt die chinesische Regierung viele Anstrengungen im Rahmen des Programms gegen Armut die brachliegende Teeflächen wieder zu rekultivieren. Der Staat fördert z.B. private Investitionen und die Anschaffung von Verarbeitungsmaschinen in der Teeindustrie. de.wikipedia.org/wiki/Volksrepublik_China . So konnten im Jahr 2010 auf ca. 1,95 Mio. Hektar Teefläche 1.4 Mio. Tonnen Tee hergestellt werden; im Jahr 2005 dagegen waren es ca. 1,35 Mio. Hektar und nur 0,94 Mio. Tonnen Tee.

Pro Hektar  werden also durchschnittlich 700 kg Tee erzeugt. Das ist ein sehr geringer Ertrag. In anderen Teeanbaugebieten der Welt sind bis zu 5000kg pro Hektar möglich. D. h die chinesische Teeindustrie hat noch Optimierungsbedarf.

 

Trotz der Produktionssteigerung steht den bisherigen Exportmärkten immer weniger Tee zur Verfügung. Der Inlandsbedarf Chinas ist stark gestiegen. Andere Nationen in Afrika, Asien, Russland und Osteuropa sind zu mehr Wohlstand gekommen und importieren deutlich mehr Tee aus China. Grüner Tee aus China wird auch deutlich stärker von der Kosmetikindustrie benötigt, und die Pharmabranche benötigt grünen Tee zur Absorbierung von Wirkstoffen. Grüner Tee ist wegen seines guten Images als Gesundheits- u. Wellnessgetränk begehrt.

 

Die Teeindustrie in Indien und China  hat damit zu kämpfen, dass immer mehr junge Leute die Teefarmen verlassen und ihr Glück in den Städten suchen. Die Städte sind nicht nur Anziehungspunkt wegen der besseren Verdienstmöglichkeiten, sondern auch deshalb, weil sie für junge Leute mehr Freizeitangebote bereithalten. In beiden Ländern nimmt die Landflucht zu.

 

So gibt es in China viele Teefarmen in denen nur noch alte Menschen leben, die oft die körperliche Arbeit nicht mehr verrichten können. Sowohl die Bauern in kleinbäuerlichen Strukturen als auch Betreibergesellschaften der Teeindustrie in der Plantagenwirtschaft sind mehr und mehr darauf angewiesen, Saisonarbeiter zu beschäftigen und zu bezahlen.

 

Die Arbeitsangebote in wirtschaftlich aufstrebenden Gesellschaften sind vielfältiger und größer geworden auch für Wander- und Saisonarbeiter und das Arbeiten und Leben in den Farmen während der Teeernte ist unattraktiv. So sind die Löhne in der Teeindustrie insbesondere in den Verarbeitungsfabriken explosionsartig gestiegen. Die Lebenshaltungskosten steigen jährlich in einem zweistelligen Bereich. Die Teebauern leben immer noch an der Armutsgrenze und die Einkommen aus der Teeproduktion beträgt meist nicht mehr als 500 Euro im Jahr. 

 

Für den nachhaltigen biologischen Anbau  sind hohe und langfristige Investitionen nötig, die ebenso wie deutlich bessere Einkommen der Teebauern und der Saisonarbeiter aus den Teepreisen finanziert werden müssen.

 

Der Export in die traditionellen Märkte in Europa und USA leistet hierbei den geringsten Beitrag. Die dort zu erzielenden Exportpreise sind, gemessen an den nötigen Investitionen für den nachhaltigen ökologischen Anbau, Qualitätsmanagementsysteme und eine bessere soziale Entwicklung, zu gering.

 

Leider werden in diesen Märkten immer schlechtere bzw. billigere Qualitäten nachgefragt. Das steht in keinem gesunden Verhältnis zu den ökologischen, ökonomischen und sozialen Entwicklungen, die von Verbrauchern und Händlern aus diesen Ländern nachgefragt wird.

 

Wir leisten mit unserem Fairbiotea Programm unseren Beitrag zu mehr Qualitätssicherheit, die vom Markt gefordert wird, und zu mehr sozialer Verantwortung im Sinne der Teebauern und der Verbraucher.

Wir versuchen, eine nachhaltige, langfristige und faire Partnerschaft mit unseren Partnern und Teebauern in China zu praktizieren. Das ist ein schwieriger Balance-Akt, weil wir einerseits die Preisforderungen des Europäischen Marktes befriedigen müssen und andererseits deshalb zu wenig Geld für eine konsequentere Entwicklung zur Verfügung steht.

 

Die oben beschriebenen Entwicklungen sind für die im Jahr 2010 extrem gestiegenen Importpreise verantwortlich. Die allgemeinen Preissteigerungen sind mit 30-40% sehr hoch. Weitere Preissteigerungen werden in der Zukunft vermutlich unvermeidbar sein. Aber um auch die öko/soziale Entwicklung für die Teebauern fair zu gestalten, wird mehr als diese Preissteigerungen nötig sein.

 

Hierfür bitte ich um Unterstützung unserer Kunden."

 

Mit freundlichen Grüßen       

 

Wolfgang Wilhelm




Heinz-Dieter Gasper und Ursula Stübner

Heuschrecke-Geschäftsleitung

 

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Tags: bio-tee, indien, china, erntebericht, klimawandel, analytik, qualitätsmanagement, fairbiotea
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Erntebericht 2010

Bauern und Bäuerinnen: Helden des Alltags

 

Im Moment ist die Zeit, wo die alten Ernten zur Neige gehen, u.U. mit Lieferlücken, und dem Warten auf die neuen Ernten.

Bioland-Kräuterbetrieb Alfred Hammann: Blühendes Korianderfeld am Mittelrhein

Bei Kräutern passen unsere Bauern gerade die niederschlagsfreien Zeiten ab, und ernten dann, soviel wie geht. Die frischgeerntete Ware wird erst mal so getrocknet, wie sie vom Feld kommt, eingelagert, und erst, wenn alle Ernten abgeschlossen sind, weiterverarbeitet: gereinigt, geschnitten, gesiebt usw.. Daher werden viele Kräuter und Gewürze der Ernten 2010 erst im Oktober oder sogar November eintreffen. In Deutschland werden Kräuter bei mildem Herbst sogar bis in den Oktober hinein geerntet.


Auch Grün- und Schwarztees sind zwar jetzt schon zum größten Teil geerntet, aber wir müssen noch etwas warten. Außer den Flugtees, die Anfang Mai als Vorboten in kleiner Menge per Flugzeug kommen (ein Kult - die allerersten Pflückungen der hochwertigsten Tees wecken die Vorfreude auf den neuen Jahrgang) werden alle anderen Pflückungen zwar bis fast zuende verarbeitet, aber dann erst mal kühl gelagert, bis die Containerschiffe ihre Reise antreten, ab Mitte Juli / August nach und nach eintreffen und die Tees dann im Herbst in den Handel kommen.


Das Klima bestimmt Menge und Qualität der Ernte. Ab Frühjahr immer ein beliebtes und wichtiges Small-Talk-Thema in Telefonaten mit unseren Bauern oder Importeuren.


Im europäischen Raum verzögerten sehr nasse Perioden im Frühjahr und Sommer die Reifung und die Ernte, wie jetzt z.B. der Koriander noch auf dem Feld warten muss. Normalerweise wäre er schon bei uns. Ein größeres Problem gibt es bei den empfindlicheren Blüten. Ein Großteil unserer Blüten wie Kamille, Kornblume und Ringelblume kommt aus Kroatien. Hier haben starke Regenfälle einen Teil der Blüten zerstört, und wir wissen noch nicht, welche Mengen es tatsächlich geben wird.


Anis aus Italien ist sehr knapp bei gleichzeitig riesiger Nachfrage, sodass der Preis sich fast verdoppelt hat. Knapp auch deshalb, weil die Alternative Bio-Anis aus der Türkei weggefallen ist wegen immer wieder nachgewiesener Pestizidbelastungen.


Indien, PDS: Bio-Curcuma, TrocknungsflächePreissteigerungen wird es bei Überseeware geben. In Indien gab es flutartige Regenfälle, die einen Teil der Pflanzen zerstört haben, und einige Gewürze werden knapper und/oder teurer, z.B. Curcuma und Pfeffer.
In Guatemala gab es starke Ernteausfälle bei Cardamom, und Muskatnüsse aus Sri Lanka werden ebenfalls sehr knapp, weil dieses Jahr einige Chargen herausfallen wegen zu hoher Mykotoxinbelastung.


Tee wird teurer: Fluten und Trockenheit in Darjeeling und Assam haben als Folge sehr knappe Ernten ergeben. China verbraucht immer mehr Tee selber, zudem hat unser Teemakler bei seinen Partner-Teefarmen die sozialen Bedingungen und das Qualitätsmanagement sehr stark verbessert (hierüber werden wir noch einmal gesondert berichten), daher auch hier Preissteigerungen.


Südafrika leidet unter Trockenheit, allerdings sind generell die Läger noch voll, da die Nachfrage in Europa. In den letzten Jahren gesunken ist. Eigentlich sind die Preise im Keller, eine schwierige Situation für unsere Wupperthaler Cooperative, die tatsächlich weniger ernten konnten und nicht auf Vorräte zurückgreifen können (siehe auch unser Südafrika-Reisebericht). Höhere Preise entstehen auch durch die Währungskurse.


Neben normalen Jahrgangsunterschieden schwebt über allem der Klimawandel. Die Wetterlagen sind oft etwas heftiger, Fluten oder Dürren stärker. Alle Bauern stellen fest, dass es insgesamt wärmer wird.


Es gibt natürlich noch andere Gründe, weshalb Agrarprodukte knapper oder teurer werden. In Schwellenländern wie Indien und China, auch in einigen afrikanischen Ländern (aktuell Lohnkämpfe in Südafrika), erwarten die Menschen zu Recht nun auch ein besseres Einkommen. Dabei gehören Bauern leider zu der Gruppe Selbstständiger, die nur schwierig ihren Verdienst erhöhen können, daher geben viele jungen Menschen das Land auf und suchen sich lieber einen Job in der Stadt.
Arbeitskraft wird teurer, zudem werden einfach mehr Nahrungsmittel im Inland verbraucht. Das ist eigentlich positiv, und die westliche Welt muss sich damit auseinandersetzen, dass die Zeiten extrem günstiger Rohwaren aus Entwicklungsländern zuende gehen.


Die hohen Getreidepreise aufgrund der Biospritentwicklung (und Rohstoffspekulationen) haben zur Folge, dass viele mittel- und nordeuropäische Kräuter teurer werden. Der Hektarerlös ist entscheidend, der bei den arbeitsintensiven Kräutern im Verhältnis zu niedrig ist, sodass die Gefahr besteht, dass zu viele Kräuterbetriebe aufgeben und nur noch Getreide "gemacht" wird.


Bis vor Kurzem war der Trend, für billige Rohware einfach immer weiter in den Osten zu gehen, nun ist es interessant, was in Russland geschieht, nach den Bränden und Missernten dort - es wird schon spekuliert. Der Kreis schließt sich, und Bauern werden wie Lehrer und Ärzte eine Berufsgruppe werden, die großen Respekt verdient.

 


Heinz-Dieter Gasper, Ursula Stübner

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