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Himbeerkerne
Balkan-Habsburg-Connection
Es begann mit der harmlosen Anfrage eines netten Kunden, der für einen Kunden was besorgen wollte. Ein alltäglicher Fall.
Für Kosmetikzwecke - Ölpressung - sollten wir 10 - 20 Tonnen Bio-Himbeerkerne besorgen und nach Österreich liefern. Das feine Öl der Himbeerkerne ist der neueste Coup der Naturkosmetikindustrie.
Weil wir gut vernetzt sind, und immer neugierig, können wir so etwas meist lösen. In diesem Fall läuft der Kontakt über unseren kroatischen Lieblings-Lieferanten, dessen fitte Bio-Inspektoren der französischen Biokontrollstelle, Sektion Osteuropa (Bukarest, leider nicht fit), zufällig Serben sind. Diese zertifizieren zufällig auch in Serbien große Bio-Fruchtbetriebe, wo die Kerne nach der Fruchtverarbeitung anfallen. Gut, wenn man damit noch etwas Geld in einem nicht gesegneten Land verdienen kann, einigen einen Gefallen tun kann - eine schön gedachte Win-Win-Situation.
Nach hektischen Recherchen und Abstimmungen mit den betroffenen ca. 7 Firmen (schließlich ist die Himbeersaison kurz), sind die Beteiligten übereingekommen, die Kerne nicht vor Ort zu trocknen, sondern frisch gekühlt oder auch tiefgekühlt zu transportieren (Schimmeln vermeiden).
Soweit war alles klar - die Himbeerkerne würden im Kühlhaus bis zum Transport zwischengelagert bis genug zusammengekommen wäre, und dann für 800 EUR nach Österreich in die Provinz zum Kunden transportiert, incl. Verzollung. Ein ganzer, verplombter Bio-TK- oder Frisch Sattelzug - viele Grenzen.
Doch da bestand der Kunde des Kunden in Österreich auf einem Vorabmuster.
Nun ist es nicht vorgesehen, einfach Frischwaren-Muster ohne Wert aus Serbien in die EU herauszuschicken. Das Plastiktütchen voller Bio-Himbeerkerne als Ware in die EU zu exportieren hätte schon mehr als ein Viertel dessen gekostet, was für die komplette LKW-Fahrt veranschlagt war, weil der serbische und der österreichische Zoll jeder auf seine Weise, in der Transportszene berüchtigt sind.
Natürlich gibt es auf dem vorkriegs- und nachkriegsgebeuteltem Balkan pragmatische Lösungen für so etwas, den Jugo-Koffer und den internationalen Busfahrer. Natürlich wissen das auch die Gegner des freien Warenverkehrs, die Behörden. Und es geht wegen der Animositäten der Balkanesen auch nicht in jede Richtung. Am besten können es die Serben noch mit den Bosniern.
Der Transport via Belgrad-Wien-Bus über Kroatien wurde als komplett unmöglich eingeschätzt. Der Busfahrer wusste, wie der serbische Zoll ihn filzen und mit ihm und dem Tütchen umgehen würde. Logische Lösung: der Sarajewo-Wien-Bus würde wahrscheinlich keine Probleme haben beim Übergang Bosnien-Kroatien usw. .... Also schaffte der serbische Vermittler das Tütchen Himbeerkerne irgendwie zum bosnischen Busfahrer.
In Wien würde ein Kontaktmann warten, ein in Wien lebender Serbe, und das Tütchen nachts um 0:30 im Empfang nehmen. Eine Kopie des Ausweises des Kontaktmanns beim Busfahrer sollte gewährleisten, dass er in Wien als berechtigter Empfänger erkannt würde.
Der Bus kam mitten in der Nacht mit mehreren Stunden Verspätung an, der Kontaktmann war schon nach Hause, ins Bett gegangen.
Hektische Telefoniererei zwischen uns Kölnern und den anderen ca. 7 Beteiligten, unserem Kroaten in Zagreb, der Fruchtfirma in Serbien und dem Kunden in Wien.
Der Busfahrer konnte tagsüber nicht erwischt werden, der schlief.
Letzte Hoffnung: Der bosnische Busfahrer würde am selben Abend vom Busbahnhof wieder starten, und der in Wien lebende serbische Kontaktmann wollte zufällig am selben Abend vom selben Busbahnhof in seine alte Heimat Belgrad reisen. Wir hatten gehofft, die beiden würden sich treffen, die Himbeerkerne noch schnell irgendwo deponieren können, wo sie dann an unseren Kunden weitergeleitet hätten werden können.
Die beiden haben sich verfehlt, alles ist irgendwie anders gelaufen, die Synchronizitäten waren gegen den Deal, und nachdem alle Seiten soviel Energie in diese Geschäftsidee gesteckt hatten, und es wirklich eine innovativ-positive Idee war, mit der man in Deutschland reihenweise Nachhaltigkeitspreise hätte abräumen können, waren wir in Köln, in Zagreb, in Serbien, in Wien und anderswo in Österreich doch enttäuscht. Dem Kunden konnten wir angesichts des drohenden Ernte-Endes nur noch sagen, dass das Geschäft nur laufen würde, wenn er 300,-EUR in sein Vorabmuster investieren wollte. Die Himbeerkerne sind, nachdem die Kühlhausrechnung stieg und stieg, längst wie in den anderen Jahren zum Trocknen (und Schimmeln) nach draußen gebracht worden und dienen wieder als Brennmaterial.
Ursula Stübner, Heinz-Dieter Gasper (haben gerade einen wundervollen Urlaub auf dem Balkan verbracht)









