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Japan, Jahrestag
Zum Gedenken an das Tohoku-Erdbeben und die Folgen
Nachtrag 28.3.2012: Gestern erschien in der TAZ wieder so ein wunderbarer Gabriele-Goettle-Bericht, der in seiner uneitlen, ernsthaften, warmherzigen Erzählweise (Oral History) sehr gut die Umstände in Fukushima für uns nachvollziehbar macht:
http://www.taz.de/Das-Krisenmanagement-der-Atomindustrie/!90340/
Angesichts der Tragödie in Japan wirken die nicht seltenen, besorgten Kundenfragen, ob der Tee wirklich noch aus 2010 oder bereits aus 2011 stammt, befremdlich und selbstfokussiert, auch jetzt besonders im Zeichen des Jahresgedenkens.
Ein Zeichen der Verbundenheit zu setzen könnte helfen, dieses Dilemma zwischen persönlichem Sicherheits-, aber eben auch Vorteilsdenken und den menschlichen Dramen vor Ort und der gesamtgesellschaftlichen japanischen Tragödie etwas aufzulösen.
Gerade weil offensichtlich die rücksichtslos-kapitalistische Prioritätensetzung der modernen Industriegesellschaften die Verseuchung erst derartig verheerend gemacht hat.
Wie das Zeichen aussehen kann, muss jede(r) selbst entscheiden, Trauerkultur muss nicht plakativ sein.
In Gedenken an das Tohoku-Erdbeben-, Tsunami und Atomunglück am 11.3.2011 in Japan möchten wir hier wie Gedankensplitter Eindrücke aus Japan darstellen, wie eine Collage mithilfe von Zitaten aus einem Beitrag der Japan Times und aus Essays von 2 japanischen Schriftstellerinnnen, einmal aus der TAZ, und einmal aus der ZEIT zitiert (danke dafür).
Wir haben keine Fotos eingestellt - die Texte rufen bereits starke Bilder hervor.
In den deutschen Medien heißt es: Jahrestag Fukushima, aber in Japans Gesellschaft ist es der Jahrestag des Tohoku-Erdbebens. Das Erdbeben und der folgende Tsunami haben mehr als 15.000 Menschen in den Tod gerissen.
Unser Partner in Tokio machte uns auf diesen Unterschied aufmerksam, und sandte uns einen Artikel aus der Japan Times, worin der Gedenktag beschrieben wird. Hier einige Auszüge, danach folgen Auszüge aus den sehr lesenswerten Essays der Schriftstellerinnen Akira Kurida und Banana Yoshimoto:
Japan prepares to commemorate Tohoku tragedy
By PHILIP BRASOR
Special to The Japan Times
This Sunday is the first anniversary of the earthquake and tsunami that devastated the coastline of northeastern Japan and killed more than 15,000 people.
Die zentrale Gedenkveranstaltung findet in Tokio im National Theater statt, in Anwesenheit des Premierministers:
In any case, there are plans to set up a video link on March 11 in the National Theater with the official ceremonies to be held simultaneously in the three prefectures that were most affected by the disaster - Fukushima, Miyagi and Iwate.
The ceremony starts at 2:30 p.m., and though the general public is not invited, anyone can offer floral tributes at the National Theater from 4:30 p.m. Prime Minister Yoshihiko Noda has suggested everyone in Japan - "wherever they may be" - observe a minute of silence at 2:46 p.m., the time at which the earthquake struck on Friday, March 11, 2011. Conveniently, the anniversary happens to fall on a Sunday, so most people who wish to observe it in their own way will be able to do so without having to worry about interfering with work.
However, some people may prefer to observe it by not observing it. At this point, it's understandable if they feel overloaded by the tragedy. It's one thing to acknowledge the ongoing work of rebuilding lives in the Tohoku region and determining who was responsible for any lack of preparedness, but it's quite another to have to relive those terrifying moments over and over again. (...)
Hier werden nun alle einzelnen TV-Programme zum Gedenktag beschrieben, und auch fast alle buddhistischen Tempel haben eine eigene Zeremonie, sowie die Lokal-Regierungen. In Kunst, Musik und Literatur wird die Tragödie und die Trauer ebenfalls dargestellt.
Der Artikel betont einerseits, dass wirklich niemand dem Gedenken entkommen kann, aber auch das uns beeindruckende Gemeinschaftsgefühl der Menschen in Japan wird immer wieder angesprochen - und die Notwendigkeit für die Japaner zu wissen, dass auch die anderen Länder mit ihnen trauern. Die Solidarität der Welt ist stärkend.
(...) The German writer Thomas Mann once pointed out that a person's "dying is more the survivor's affair than his own," and there's no dishonor in acknowledging that a huge component of grief is the mixture of guilt and relief one feels at outliving those you mourn. The official ceremony on Sunday is meant to have collective resonance, so when the prime minister mentions that people can observe the anniversary in their own way wherever they are, he means to say that they all participate. Though as a concept group mourning is hardly limited to Japan, in Japan it could be said to have the approbation of authority.
(...) Unlike annual observances of that other great tragedy in Japan's recent history, World War II, the March 11 ceremonies recognize an act of God rather than a deed of men and therefore lie outside the scope of controversy. Despite that, the nuclear disaster, which many people believe was man-made, not to mention the country's perceived lack of preparedness for this and future disasters, certainly isn't going to be banished from consciousness while the mind tries to concentrate on remembrance. In that respect, the "Peace on Earth" event, which takes place in Hibiya Park on March 10 and 11 starting at 11 a.m., will attempt a more flexible approach to mourning, making the act of prayer something that connects repose for the victims to the well-being of the planet and its inhabitants. Associated with the Earth Day movement, the festival facilitates "citizen appeal" to make "the future a better place.
(...) If you want just music with your remembrance there's American pop star Cyndi Lauper performing all weekend at Orchard Hall in Shibuya. She happened to be here when the earthquake hit a year ago, and stayed to carry out her tour - a gesture that did more for national morale than 100 "ganbaro!" (Do your best!) speeches by Japanese public figures. Her return for the anniversary reconfirms her solidarity with Japan and connects this special day to a larger world that feels the need to mourn as well.
Der gesamte Artikel ist hier zu lesen:
http://www.japantimes.co.jp/text/fd20120309r1.html
Direkt nach dem Atomunglück in Fukushima erschien in der TAZ vor etwa einem Jahr ein berührender Brief der japanischen Autorin AKIRA KURODA, der universelle Aktualität hat. Hier der link zum Artikel auf der TAZ-Seite, im Folgenden einige Ausschnitte (aus dem Englischen von Dominic Johnson):
http://www.taz.de/Brief-einer-japanischen-Autorin/!67610/
Akira Kurida: Brief einer japanischen Autorin: Ich entscheide mich zu leben
Es gibt im Leben entscheidende Momente. Man könnte auch sagen: Jeder Moment im Leben ergibt sich aus Entscheidungen. Gestern war ein seltsamer Tag, und ich musste mir über meine Entscheidungsprozesse klar werden; obwohl seit dem Erdbeben jeder Tag ziemlich merkwürdig ist, fühlt es sich fast so an, als habe unsere Wirklichkeit eine zusätzliche Ebene erhalten.
Letzte Nacht bin ich im Haus einer Freundin (Anm.: in Tokio) geblieben. (...) Auf dem Weg zu ihrem Haus entdeckte ich, dass ich die Dinge anders wahrnehme. Schauen Sie sich um: Sind Sie im Büro? In einem Café? Im Zug? Sind es Fremde? Wenn etwas passiert, sind das Ihre Mitspieler. Das ist Ihr Team. Völlig Fremde bekommen eine ganz neue Bedeutung.
Wie auch immer. Sie kennen die Nachrichten, es geht ja nicht mehr nur um das Erdbeben, sondern um Radioaktivität. Bisher kannte ich das Wort "Radioaktivität" nur als Song von Kraftwerk, aber nun bekommt es einen anderen Klang. Ich bekomme mit, wie alles stündlich ernster und heftiger wird. Trotzdem weiß ich ehrlich gesagt nicht, ob ich die Situation "voll" verstehe.
Ich bekomme viele Anrufe und E-Mails von meinen Freunden. Sie sagen mir alle, ich soll mich sofort in Sicherheit bringen, viele meiner Freunde haben die Stadt verlassen (...) . (...) Worst-Case-Szenarien. Von all diesen Mails oder Tweets und dem Gespräch mit meinen Eltern wurde mir schwindlig, mir wurde schlecht, richtig körperlich schlecht. Ich dachte, ich müsste mich übergeben. Also betrachtete ich aufmerksam meinen Gemütszustand und merkte, dass ich sehr angespannt war. Völlig gestresst.
(...) Gleich nach dem Erdbeben entschied ich mich zu leben. Ich wählte das Leben. Sicher, ich liefere mich vollständig aus, aber das heißt nicht, dass es mir egal ist, ob ich lebe oder nicht. Es ist mir NICHT egal. Es war nicht "Ich will leben", sondern: Ich ENTSCHEIDE mich zu leben. Auch wenn ich das nicht ganz allein entscheiden kann, sollte ich wenigstens eine Forderung an das Universum und das Schicksal stellen, oder? Mein ganzer Körper fordert Leben. Und ich fühle den Drang, mit Ihnen weiter darüber zu reden, was ich fühle und denke, denn ich will es teilen.
(...) Ich versuchte, nicht linear zu denken, mich von all den Informationen nicht ablenken zu lassen, sondern primitiver vorzugehen: meinen Instinkt zu nutzen. Und dann fand ich zum Glück meine eigene Antwort. Ich bleibe bis zum Wochenende in Tokio, dann fahre ich nach Nagano, wo meine Eltern sind.
Warum gehe ich nicht sofort? Ich werde es Ihnen sagen.
Dieses Wochenende ist Vollmond. Wegen Stromknappheit sind in Tokio jetzt die meisten bunten Neonlichter abgeschaltet. Zum ersten Mal in meinem Leben gibt es in Tokio annähernd richtige Dunkelheit. Ein Freund, der auch in Tokio bleiben will, möchte mit mir in der Vollmondnachtausgehen. Wir werden unter dem Mondlicht spazieren gehen. Cool, nicht wahr?
Dieser Plan kann sich schnell wieder ändern, denn ich folge einfach meinem Instinkt. Ich erlaube mir, so flexibel zu sein wie möglich. Ich verspreche, nichts außer ehrlich zu sein. Vielleicht werde ich morgen in Nagano sein. Ich weiß es nicht.
Was auch immer geschieht: Ich werde Ihnen weiter schreiben. (...) Ich muss Ihnen nochmals danken, denn Ihnen zu schreiben hilft mir, in diesen außergewöhnlich gewöhnlichen Tagen mein Gleichgewicht und meinen Verstand zu bewahren. Danke!
Die TAZ stellt die Autorin vor: "AKIRA KURODA geboren 1977 im Großraum Tokio, ist eine japanische Schriftstellerin. Für ihren Roman "Made in Japan" erhielt sie 2000 den Bungei-Debüt-Preis. Sie lebt in Tokio."
Für DIE ZEIT schreibt die auch hier bekannte japanische Schriftstellerin Banana Yoshimoto (geb. 1964) am 7.3.2012 einen Bericht. Sie beschreibt aus dem Abstand von einem Jahr die Tage des Erdbebens und Atomunglücks in Tokio. Der vollständige Beitrag ist hier zu lesen:
http://www.zeit.de/2012/10/DOS-Fukushima-Yoshimoto
Es folgen nun einige Auszüge:
Mein Leben nach Fukushima
Ein Jahr nach dem Erdbeben und der Atomkatastrophe in Japan beschreibt die Schriftstellerin Banana Yoshimoto, wie sie das Unglück erlebte und wie es ihren Alltag verändert hat.
DIE ZEIT stellt sie vor: "Die Schriftstellerin Banana Yoshimoto, 1964 geboren unter dem Namen Mahoko Yoshimoto, gehört zu den populärsten Autoren Japans. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Erzählung Kitchen von 1988. Soeben ist bei Diogenes ihr Roman Ihre Nacht erschienen, übersetzt von Thomas Eggenberg, der auch dieses Dossier ins Deutsche übertragen hat."
Am 11. März 2011, dem Tag des Unglücks, wollte ich eigentlich nach Okinawa im Süden Japans fliegen. Ich hatte vor, das Konzert eines bekannten Ukulele-Spielers zu besuchen - eine dreitägige Reise zusammen mit meinem acht Jahre alten Sohn und einer meiner Freundinnen. Das Hotel war reserviert, meine Freunde in Okinawa erwarteten mich, alles war vorbereitet.
Ich wollte das Kind von der Schule abholen, nach Hause fahren, unsere fertig gepackten Sachen ins Auto laden und dann zum Flughafen aufbrechen. In einem Restaurant, das wir oft besuchen, aßen mein Mann und ich zu Mittag, tranken einen Tee und stiegen ins Auto.
Alles selbstverständliche, alltägliche Dinge.
Was für ein Glück dieses Selbstverständliche und Alltägliche im Leben ist, wie dankbar ich dafür bin, kann ich mit Worten nicht beschreiben.
Es mag eine banale Feststellung sein, aber Alltag ist etwas Wunderbares und ganz und gar Unersetzliches. Ein buntes, unübersichtliches, sinnloses Gewusel, das kein Ende nimmt. Wer weiß, ob es nicht der eigentliche Sinn unseres Daseins ist, diesen Reichtum schätzen zu lernen und auszukosten?
(...) Es geschah, als mein Mann und ich mit dem Auto unterwegs waren.
Das Auto fing auf einmal an zu rutschen. Was ist los, fragten wir uns, und da merkten wir: Es war ein Erdbeben. Im ersten Moment dachte ich: Gut, dass mein Mann bei mir ist. Aber das Kind! - Der Gedanke lähmte mich. Das Auto rutschte wie von Geisterhand bewegt seitlich weg, sogar das Steuerrad entglitt meinem Mann, der den Wagen irgendwie an den Straßenrand lenkte. Auch danach, auf dem Weg zur Schule unseres Kindes, mussten wir immer wieder anhalten.
Selbst aus großer Entfernung war zu sehen, wie die Antennen auf den Häusern schwankten. Da muss ziemlich was los sein, dachten mein Mann und ich.
(...) Ich dachte auch an Okinawa. Ob es mit der Reise noch klappen würde? Im Innersten ahnte ich, dass ich meine Pläne wohl begraben konnte. Nicht nur Okinawa - alles würde nicht mehr so sein wie vorher. Ein Ereignis von diesem Ausmaß in meiner Lebenszeit - unfassbar! Das Leben würde von jetzt an ein anderes sein, im Guten wie im Schlechten. Das empfand ich ganz stark und deutlich.
(...) In solchen Momenten möchte man dieses und jenes viel deutlicher wahrnehmen können, doch es funktioniert nicht. Wahrscheinlich eine Art Selbstschutz, um den Schmerz nicht zu spüren.
Endlich hatten wir es geschafft und waren bei der Schule angekommen. Ich kann meine Erleichterung gar nicht beschreiben, als ich unser Kind sah, wie es uns entgegenrannte.
Das Gefühl der Dankbarkeit gegenüber dem Lehrpersonal, das Gefühl der Dankbarkeit gegenüber Gott - es war so überwältigend, dass mir fast die Tränen kamen. Von mir aus konnte zu Hause alles in Scherben liegen. Was war das im Vergleich zum Glücksgefühl, dass wir alle beisammen und wohlauf waren?
(...) Doch die Bilder vom Tsunami und von den Atommeilern, die das Fernsehen an jenem Abend zeigte, wurden immer erschreckender. Es war ungeheuerlich. Allein der Gedanke, wie viele Menschen dem Tsunami zum Opfer gefallen sein mochten, ließ mich erstarren. Und mir war auch sofort bewusst, dass ein havariertes Atomkraftwerk je nach Windrichtung furchtbare Konsequenzen haben würde.
Ob es gut war, sich in den Fernsehnachrichten diese Bilder des Schreckens wieder und wieder anzusehen, weiß ich heute nicht.
(...) Menschen, die den Krieg erlebt haben, sind anders. Mein Schwiegervater war am Leben, es ging ihm gut. Ich war sprachlos und zugleich so erleichtert, dass mir die Tränen kamen. Wir wissen ja nie, wenn es plötzlich zu spät ist und wir jemanden nicht mehr sehen können. Wie sehr ich meinen Schwiegervater mochte, wie viel er mir bedeutete, wurde mir in diesem Moment einmal mehr bewusst.
(...) Doch die Ungewissheit der Situation und die fortwährende nervliche Anspannung waren nicht leicht zu ertragen. Eines Abends, als uns alles zu viel wurde, trommelten wir ein paar Leute aus der Nachbarschaft zusammen und brieten im Schein von Kerzenlicht Fleischhäppchen und aßen Brot dazu. Jemand erzählte, dass unser Freund, der Überlebenskünstler, aus irgendeinem Grund nur Butter horte, einen ganzen Berg davon! Worauf wir in schallendes Gelächter ausbrachen.
Darüber habe ich später einen Essay geschrieben und ihn anlässlich der Verleihung des italienischen Literaturpreises Capri Award im Juli 2011 vorgetragen. Es war ein seltsames Gefühl, an einem zauberhaften sonnigen Spätnachmittag auf der Insel Capri jenen kalten, düsteren Abend in Tokio wiederauferstehen zu lassen. Seltsam schön, so wie das Leben eben ist.
Seither habe ich immer wieder einen merkwürdigen Traum.
Da stehen mehrere schwarze Kästen nebeneinander, wobei vor allem der zweite Kasten in schwarzen Nebel gehüllt ist. Auf diese Szenerie schaue ich jedes Mal von weit oben herab.
Zuerst dachte ich: Ein Friedhof? Aber dann wurde mir klar: Es ist ein Atomkraftwerk. In meinem Traum sehe ich sozusagen, wie Fukushima mit dem Tod ringt. Ich kann nur hoffen, also hoffe ich, inständig.
(...) Wenn ich im Park spazieren gehe, sehe ich Mütter, wie sie mit geliehenen Geigerzählern die Radioaktivität in der Sandkiste und im Boden messen. "Hier ist es okay. Diese Gegend scheint ziemlich sicher zu sein, nicht wahr?" So reden die Mütter miteinander, als ginge es ums Wetter. Und ich denke: Das Leben nicht aufgeben, weiterkämpfen! Wie die Helden im Film.
Es gibt auch viele wunderbare Menschen. Menschen, die helfen, wo sie nur können; Menschen, denen man vertrauen kann; Menschen, die trotz des Verlusts ihrer Familie ihren Lebensmut nicht verloren haben.
(...) Meinem Gefühl nach gibt es zwei deutlich unterscheidbare Verhaltensweisen in Tokio: Für die einen war die Katastrophe ein Anlass, das eigene Leben zu überdenken; sie sind netter, offener, zugänglicher geworden. Anderen sitzt der Schreck noch immer in den Knochen: Sie haben sich eingeigelt, wirken abweisend und wie erstarrt.
Ich aber will in dieser Stadt leben und schreiben. Ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass Tokio sich wieder normalisiert, dass Japan ein schönes, friedliches, Natur und Umwelt schützendes Land wird, dass die Menschen wieder lernen, etwas bescheidener zu leben. Und so wie man mir Mut macht, will auch ich den Mitmenschen Mut machen und meiner geliebten Heimat treu bleiben.
Auch wenn jeder anders damit umgeht, besteht kein Zweifel, dass die meisten Japaner sich wegen der radioaktiven Verseuchung Sorgen machen. Sie haben allen Grund dazu. Da die Zahlenwerte je nach Ort der Messung immer noch sehr hoch sind, ist es wichtig, zum Beispiel das Gemüse gut zu waschen, unbelastetes Wasser zu trinken und die veröffentlichten Messdaten im Auge zu behalten.
Ich trage immer ein Gerät bei mir, das meine Strahlenbelastung kumulativ über ein ganzes Jahr anzeigt. Und wenn ich im Internet sehe, dass die Strahlenbelastung besonders hoch ist, gehe ich nur mit Schutzmaske aus dem Haus.
(...) Unser neuer Hund wurde nach dem März 2011 geboren. Er kommt aus Saitama und hat sicher eine große Dosis Radioaktivität abgekriegt. Die Muttermilch, das Futter, der Boden - alles wird viel stärker radioaktiv belastet gewesen sein als vor der Katastrophe. So mische ich dem Hund Seetang, Pilze und Bierhefe ins Futter, weil das den Abbau schädlicher Stoffe fördern soll. Das ist die Aufgabe einer Mutter. Bei meinem Kind mache ich es genauso. Ich will, dass sie beide gesund aufwachsen und stark werden.
Nach der Katastrophe gab ich mir alle Mühe, nach vorne zu schauen, jeden Tag mit frischem Elan anzugehen. Es gelang mir nicht schlecht, doch gegen den kleinen Hund, gerade mal ein paar Monate auf der Welt, hatte ich keine Chance.
Endlich waren die Impfungen überstanden, und ich durfte mit ihm rausgehen. Es war Herbst, der Himmel hoch und blau, ein kühles Lüftchen wehte - das ideale Wetter für stundenlange Spaziergänge.
Der Hund sprang so ungestüm herum, dass er sich dauernd in seiner Leine verfing, und bellte lauthals. Ein flatternder Schmetterling, Blätter im Wind, Autos, andere Hunde, alte Männer, Kinderwagen - alles erregte seine Aufmerksamkeit, und wenn er zu mir aufblickte, funkelten seine Augen. Hey, ein Riesenspaß! Warum ist die Welt nur so aufregend und schön? Nie hätte ich geglaubt, dass es so was Tolles gibt. Was für ein Glück, geboren zu sein! Aus seinen Augen sprach unbändige, überschwängliche Lebensfreude. Und auf einmal spürte ich, dass ich großen Respekt für dieses kleine Lebewesen empfand.
Die Schönheit dieser Welt ist nicht dahingegangen. Sich vor den Gefahren schützen oder aber die Schönheit der Welt preisen - das sind zwei völlig verschiedene Dinge. Liebe Welt, es tut mir leid. Sieh nur, ich freue mich auch, da zu sein, so viel Schönes erleben und den heutigen Tag genießen zu dürfen, wirklich!
Zusammengestellt von Ursula Stübner und Heinz-Dieter Gasper
Heiliger des Monats Februar: Paul Miki
6. Februar: Paul Miki
Schöne Geschichten für das Unterbewusstsein bzw. die archaische Psyche. Das katholische Christentum und insbesondere der rheinische Katholizismus bietet mit seinen unzähligen Heiligen einen ähnlich guten psychologisch-spirituellen Service wie unser altes Kelten- und Germanentum (zum großen Teil wurden deren (Natur-) Gottheiten dem spröden Monotheismus zunutze gemacht).
Und manche Geschichten zeigen, wie sehr Religion von Politik durchwoben ist.
Einer der Schutzpatrone Japans.
Als am 09. August 1945 um 11.02 Uhr über der japanischen Stadt Nagasaki eine amerikanische Atombombe explodiert, ist das Hauptziel eigentlich ein Rüstungsbetrieb der Firma Mitsubishi. Tatsächlich liegt im Zentrum der alles tötenden, alles zerstörenden Explosion eine der wenigen katholischen Kirchen Japans, erst 20 Jahre zuvor fertiggestellt. - Zwei Botschaften des Westens an die Welt, die spirituelle der Liebe unter den Menschen, und die politische der Dominanz durch technische Überlegenheit, treffen in der Vernichtung aufeinander.
400 Jahre vor diesem Tag des Schreckens war Japan auf dem besten Weg, ein ganz und gar christlicher Staat zu werden. Nach den Anfängen durch Franz Xaver (siehe Heiliger des Monats Dezember 2011) hatten sich Jesuiten und Franziskaner sehr bemüht, und die Message der Liebe, des Ausgleichs, der Gemeinschaft der Gotteskinder gefiel im Land der aufgehenden Sonne so ganz und gar, daß die Missionare mit der gewünschten Unterrichtung kaum hinterherkamen. Ganze Gegenden im Süden Japans wenden sich dem Christentum zu, von den einfachen Bauern bis hin zu den herrschenden Schichten. Gepredigt wird in der Landessprache, japanische Sitten werden integriert, einige Jahrzehnte geht das so erstaunlich friedlich.
Zwei Botschaften des Westens an die Welt - die eine will man schon, die andere jedoch nicht. Die autokratischen Militärmachthaber Japans schauen irritiert auf die südlich benachbarten Philippinen. Auch dort breitet sich das Christentum mit überwältigendem Tempo aus - aber zugleich werden diese Inseln mehr und mehr zu spanischen Kolonien. Diese Entwicklung läuft dabei weniger als Eroberung ab, die Spanier integrieren die alten Eliten in Ihr System - und die Wirtschaft kommt dabei mächtig in Schwung. Importe quer über den Pazifik aus dem ebenfalls spanisch beeinflußten Mexiko, Handel mit China und ganz Südostasien, Exporte in alle Welt.
Die Bürger Japans wollen genau das auch: Christentum und mehr Wohlstand für alle durch Globalisierung. - Bis hier hin ein Märchen, fast schon zu schön. Die Realität holt uns ein. Angst vor zu großem Einfluß fremder Mächte, Neid auf den neuen Reichtum der christlichen Provinzen, die Möglichkeiten purer Gewalt: der Shogun, Japans Herrscher, beschließt die Ermordung der führenden Köpfe der christlichen Gemeinden, die Ausweisung aller Ausländer, die Unterdrückung der daraufhin teils aufständischen südlichen Provinzen. Wie in den schlimmsten Zeiten des römischen Reiches ist das Christsein unter Todesstrafe verboten. In den nächsten Jahrzehnten sterben zehntausende, ein kleiner Rest (die "verborgenen Christen") bleibt durch die Jahrhunderte beim Glauben, offenbart sich erst in freieren Zeiten.
Paul Miki, unser Heiliger des Monats, ist nur einer von vielen Märtyrern. Sein Vater, ein in Japan bekannter Kriegsheld, ist unter den ersten Getauften, sein Sohn wächst schon als Christ auf, wird Jesuit und erfolgreicher Prediger. Nach der Verhaftung treibt man ihn und zwei Dutzend andere japanische und fremde Christen unter ständigen Quälereien in bitterer Kälte von Kyoto über 900 Kilometer barfuß nach Nagasaki, der Hochburg des christlichen Japan. Dort werden sie alle am 05. Februar 1597 um 10 Uhr morgens öffentlich gekreuzigt. Trotz Ausgangssperre an diesem Tag kommen 4.000 Menschen, um mit den Märtyrern zu beten.
In der Folge isoliert sich das Land komplett, igelt sich ein, hegt und pflegt einen völlig überspannten Nationalismus (man hat ja keinen Vergleich), der im 20. Jahrhundert schließlich die Grundlage für eine Herrenmenschen-Ideologie bildet, die ganz Ostasien unter die Fuchtel zu zwingen versucht, nur in Hitler einen Verbündeten findet - und, siehe den Anfang des Artikels, katastrophal scheitert.
Der lange, tödliche Bann gegen alles Christliche wirkt in Japan heute noch nach - in kaum einem Land der Welt gibt es so wenige Christen, wohl nur 1% der Bevölkerung.
Gern wird heute ja "regional" als positives Gegenbild zur bösen Globalisierung verstanden - und natürlich ist es wahr, daß das Zusammenwachsen der Welt Streß macht. Aber genau dieses Einswerden unseres blauen Planeten ist der Traum für unsere Zukunft, nicht dumpfbackig-engstirniges Hinter-dem-Ofen-hocken, schon gar nicht sich abschottender Nationalismus.
Peter Kirwel

Peter Kirwel
macht hauptberuflich den Vertrieb bei
Viana/Tofutown.com, und hält nebenberuflich die traditionellen katholischen Prozessionsbräuche (die eigentlich die ganz alten Kulte fortführen) in seinem Eifeldorf am Laufen, auch eine Punkzeit soll es gegeben haben.
Ohrenkuss: Zum Erdbeben in Japan
"Erdbeeben ist wie Krieg"
Ohrenkuss ...da rein, da raus - das Magazin, gemacht von Menschen mit Down-Syndrom, unter der Leitung von Herausgeberin Dr. Katja de Bragança. Ein einzigartiges und vielfach prämiertes Projekt der downtown - Werkstatt für Kultur und Wissenschaft. Die Ohrenkuss-AutorInnen bloggen einmal im Monat bei uns zu aktuellen Themen.
Heute möchten die Ohrenkuss-AutorInnen den Menschen in Japan nach der Erbeben- und Atom-Katastrophe im März 2011 ihr Mitgefühl ausdrücken. Die Lage in Japan ist weiterhin brisant, obwohl das Thema hier aus der Presse so ziemlich verschwunden ist. Deshalb finden wir es gut, dass Ohrenkuss Japan als Thema für den Monat September gewählt hat.

Am 11. März 2011 gab es in Japan ein großes Erdbeben mit vielen Toten und Verletzten. Viele Häuser sind eingestürzt und viele Städte wurden überschwemmt.
Die Ohrenkuss-Redaktion hat sich mit dem Erdbeben in Japan und dem Unglück in Fukushima beschäftigt. Alle Redakteure waren sehr betroffen und hatten großes Mitgefühl mit den Japanern.
Martin Weser hat genau verfolgt, was in Japan passiert ist. Er schreibt:
"Japen ist Ort da wo ganz viele Leute umsteben kamen von der Welle.
Das ist schlim schlim genug.
Es gibt viele Leute in Japen die sind alle traurig.
In Japen ist alles kaput auch die Häuser von der Welle getrümmt und die Leute in den Häuser sind ums Leben gekommen. Die haben nichts zu Essen sie müssen alle auf dem Boden schlafen das war grausam gewesen in Japen.
Die alle Leute haben geweind von der Welle und von Erdbeeben. Sie haben kein zu Haus,... Es ist alles kaput in Japen sie haben mitleid.
Erdbeeben ist wie Krieg das ist traurig genug und das ist grund in Japen."

Antonio Nodal haben die schrecklichen Bilder aus Japan sogar in seine Träume verfolgt. Er diktiert dazu:
"Japan, sehr Häuser und alle kaputt.
Hohe Wasser, schwarze Wasser hat ein gutes Schiff, alles kaputt gemacht.
Alle, viele Leute sterben.
Das ist schwer.
Ich fühle, nachdenke.
Nachdenke, Liebe Nacht geträumt.
Träumt er für: nicht gut."
Auch Katharina Müller ist unglücklich über das Erdbeben. Sie weist aber auch darauf hin, dass nicht nur in Japan, sondern überall auf der Welt Menschen in Armut leben. Sie schreibt:
"Ich habe eine Meinung. Ich habe auch ein Wunsch die Welt in Orgnung bringen. Ich habe ein Recht auf die Welt. Ich bin traurig das die Welt aus sind die Armen Leute die geinen Zuhause haben sind Armen weill es Edbeben und Wasserfluten in Küsten gibt. Große Flutwellen über die Küste in Japan und in den Neuseland."
Die Ohrenkuss-RedakteurInnen haben darüber nachgedacht, wie sie sich aus dem Gefühl der Ohnmacht und Untätigkeit lösen könnten. Sie kamen auf die Idee, ihr Mitgefühl auszudrücken indem sie Ideen für Trostpakete entwickelten.
Martin Weser hat sich genau überlegt, was er in ein solches Trostpaket packen würde. Er schreibt:
"Ich würde gerne denen helfen das die Leute nicht mehr traurig sind. Das die Leute nicht mehr arm sind. Und denen die Häuse und andere alle wieder aufbauen.
Man kann alles zu schicken beispiel Anziehsachen.
Trostpaket.
Man kann ganz viel rein tun beispiel gestrickten Socken oder gestrickten Schal das ist selbst gemachte.
Dann haben die Japen schönen warm um den Hals.
Man kann auch Anziehsachen sein in den Paket.
Ich bin über Japen traurig mit der Welle und die Leute nicht mehr da sind das ist zum weinen."

Tobias Wolf hat sogar schon eine Idee, an wen er sein Paket schicken würde, und möchte auch einen Brief an den Empfänger mit hineinlegen. Er diktiert:
"Es war einmal ein Junge irgendwo in Japan, einfach irgendwo. Der Junge hieß MiPang oder so ähnlich, der seine Familie in dem schrecklichen Erdbeben verloren hatte, der durch ein Wunder seine Bekannten von der Familie zufällig gefunden hat, die ihn dann übernommen haben für sein weiteres Leben. So was nennt man auch ein Trost-Paket.
Zum Trost würde ich ihm Sachen für die Schule schicken, was er so braucht. "Schade, dass du deine Familie verloren hast. Ich weiß, dass dies hart ist. Das ist mein Beileid." Das würde ich so in den Brief schreiben."
Auch Martin Weser weiß schon, was in sein Paket kommt und an wen er es adressieren wird. Außerdem hat er viele gute Wünsche, die er mit ins Paket stecken wird. Martin diktiert:
"Yue Hopu, der ist ein Mann, der lebt in Japan.
Der ist siebzig Jahre alt und lebt auf dem Land.
Da gibt gefährliche Dinge, die sind gefährlich.
Die Häuser sind Trümmer geworden mit Welle.
Da drin sind viele Leute gestorben.
Das ist sehr traurig auf dem Land.
Schleife und Ansichtskarte, dass er sich freut.
In einem Karton und dann werde ich das verpacken.
1000 Geld.
Blumensträuße.
Anziehsachen.
Ich wünsche Yue Hopu ein neues Leben.
Und sein Frieden.
Und sein Hoffnung.
Und die Welt beherrscht.
Und die Welt Ordnung ist."
Horst Kolbitz, mit 57 Jahren der dienstälteste und somit auch der lebenserfahrenste im Ohrenkuss-Team, diktiert die Packliste für ein besonders verlockendes Paket:
"Paket von Horst
Kartoffeln und Bockwurst.
Erbsen und Möhren. Dann gut.
Hinterher Eis drauf und Eierlikör. Dann besser wieder."
Zusammengestellt von Angelika Frey
Fotos © Ohrenkuss

... mongolisch ist mongolisch und klingt wie mongolisch ...
Ohrenkuss ...da rein, da raus, das Magazin, gemacht von Menschen mit Down-Syndrom gibt es seit mehr als zehn Jahren.
Das Projekt ist einmalig auf der ganzen Welt und mehrfach preisgekrönt.
Es erscheint zweimal jährlich - mit jeweils einem Thema, Texten der bis zu 50 AutorInnen mit Down-Syndrom und professionellen Fotos.
www.ohrenkuss.de
Im August 2010 wurde das Bundesverdienstkreuz dafür an Gründerin Katja de Bragança verliehen - der Bericht ist hier:
http://www.heuschrecke.com/blog/blog-post/2010/08/24/ohrenkuss-verdienstkreuz-am-bande.htm
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Japan (3): Shincha-Fest
Shincha - der erste Tee des neuen Jahrgangs

Shincha heißt Japans erster Tee des neuen Jahres - wie bei Darjeeling wird eine kleine Menge der hochwertigsten ersten Pflückungstage als Vorbote per Flugzeug eingeflogen. Aller anderer Tee des Jahrgangs folgt dann ab Sommer per Schiff.
Wenn die Tee-Ernte im April beginnt, gibt es ein Teefieber im ganzen Land - der typische Duft von frischen Teeblättern ist in den Teeregionen allgegenwärtig, und in den Teeläden werden Shincha-Feste gefeiert.
Der Geschmack des Shincha wird "wie ein Spaziergang durch die dampfenden Teefelder am frühen Morgen" beschrieben. Dieser Tee wird weniger stark endgetrocknet als anderer Sencha-Tee, und schmeckt dadurch unglaublich frisch und aromatisch bei sehr grüner Tasse.
Dieses Jahr nach dem Atomunglück wurde die Ernte natürlich mit besonderer Spannung erwartet. Die Analysen der ersten Tees im Teeanbaugebiet Kagoshima, ganz im Süden Japans, weisen sie jetzt als unbelastet aus, ebenso im bei Kyoto gelegenen Anbaugebiet Uji.
Shincha-Fest bei Shimodozono International Deutschland
Wir arbeiten seit über 15 Jahren mit dem Familienunternehmen Shimodozono in Kagoshima zusammen.
1954 vom Vater gegründet, wurde sie von den Brüdern Yutaka und Hiroshi Shimodozono weitergeführt und mit einigen Vertrags-Teefarmern auf kontrolliert biologischen Anbau umgestellt. Gerade bereitet Yutaka die Übergabe an die nächste Generation, an seinen Sohn, vor.
Jetzt, am vorletzten Mai-Wochenende, fand in Diepholz ein großes Shincha-Fest bei der deutschen Partner- und Importfirma Shimodozono International von Markus und Katharina Hastenpflug statt. Gleichzeitig feierten die Gäste dort die Einweihung des neuen Firmengebäudes mit, und das Fest umschloss außerdem ein Benefizkonzert für die Betroffenen in der Region Fukushima. Die Spenden gehen an das Japanische Rote Kreuz. (Wer ebenfalls etwas spenden möchte - hier die Konto Nr.: 0191059567, BLZ 25651325, Kreissparkasse Diepholz, Stichwort:Japanhilfe)
Yutaka und Hiroshi Shimodozono, Permakultur
Wir freuten uns sehr, Yutaka Shimodozono dort wiederzutreffen, den wir zuletzt 1998 bei unserem Besuch in Kagoshima gesehen hatten. Die Außenkontakte hatte in erster Linie sein jüngerer Bruder Hiroshi wahrgenommen, der leider vor 2 Jahren verstorben ist. In seinen letzten Jahren hatte Hiroshi sich stark mit einer noch radikaleren Philosophie innerhalb des biologischen Anbaus, permakulturartig, ohne Zufuhr von Dünger, beschäftigt. Ein Teefeld von Shimodozono ist so bewirtschaftet und konnte dieses Jahr zum ersten Male beerntet werden - natürlich sind die Erträge noch geringer als beim "normalen" Bio-Anbau. Wir haben leider noch nicht probiert - die Qualität soll ungewöhnlich sein, sodass die Japaner "jeden Preis" dafür zahlen, und dieser Tee es wohl nicht bis nach Deutschland schaffen wird.
Verkostung der Arachas, Rohtees der neuen Ernte
Im Gepäck brachte Yutaka den neuen Rohtee 2011, Aracha, von verschiedenen Teefeldern mit. Wie typischerweise bei deutschem Wein wird Grüntee in Japan nach engsten Regionen separiert gefertigt und vermarktet. Markus hatte uns schon erzählt, dass die Ernte 2011 außergewöhnlich gut ausfällt. In der Verkostung, die Yutaka auf dem Shincha-Fest durchführte, konnten wir in den Aromen ganz frischen Grüntees schwelgen. Wie bei Wein sind die Tees mal kraftvoller oder feiner, verspielter oder geradliniger, vorder- oder hintergründiger, mit schnellem oder nachhaltigerem Abgang.
Teezeremonie
Alwin studiert seit etlichen Jahren bei einem Teemeister, von denen es nur wenige in Deutschland gibt, die Kunst der japanischen Teezeremonie.
In den abgezirkelten Handbewegungen, der genauen Reihenfolge der einzelnen Handlungen und sogar im Teegeschirr verstecken sich viele Bedeutungen. Früher zu Samuraizeiten war die Teezeremonie auch entscheidender Bestandteil diplomatischer oder auch Kriegshandlungen. Das berühmte Buch "Der Tod des Teemeisters" von Yasushi Inoue erzählt z.B. eine dramatische politische Begebenheit zur alten Zeit der Teezeremonie. Heute ist die politische Bedeutung aus der traditionellen Teezeremonie herausgenommen.
Auf dem Shincha-Fest waren die rituellen Gäste der Teezeremonie keine Shogune, sondern Yutaka Shimodozono und Katharina Hastenpflug. Alwin bereitet beiden mit den vorgeschriebenen, an Zen-Meditation erinnernden Handbewegungen eine Schale Matcha-Tee (gemahlener Grüntee, der schaumig geschlagen wird) zu, eine Zeremonie, die pro Schale etwa 10 Minuten dauerte. Damit war nun das kleine japanische Teehaus im neuen Firmensitz eingeweiht.
Der Steingarten
Wer wollte, durfte seine Spuren hinterlassen im Kies, und mit einer großen Holzharke den Steingarten im Firmengelände neu dekorieren. Man fühlt sich in die Wellenbewegungen des Lebens oder des Wassers ein, und zieht die Harke auf den intuitiv gewählten Wegen hinter sich her, immer die eigenen Fußspuren verwischend. Körperlich ein bisschen anstrengend, aber das Ergebnis sieht immer schön aus. Eine meditative Übung ...
Das Tee-Menue
Das Abendmenue von Koch Ulrich stand natürlich im Zeichen des Grüntees. Sowohl in China als auch in Japan ist Grüntee traditionell Bestandteil vieler kunstvoller Gerichte.
Zum Grundnahrungsmittel Reis gab es verschiedene Gemüse, Salate mit Matcha-Balsamico-Dressing, mit Teeblättern gedünsteter Stör, und als Dessert Erdbeeren mit grünleuchtender Matcha-Sahne und Genmaicha (Tee mit gepufften Reiskörnern) "on Top". Dazu grellgrüne Cocktails mit Matcha-Pulver, Sekt und Fruchtschorlen. Die Masse an den verzehrten teein-reichen japanischen Tees in verschiedenster Form (auch als Schokolade) ließ die folgende Nacht hellwach werden.
Benefizkonzert mit Masa Daiko
Wenn man die japanische Teezeremonie beobachtet hat, versteht man auch die Besonderheit der japanischen Trommelmusik. Das professionelle japanische Trommler-Ensemble Masa Daiko aus Bremen (http://www.masa-daiko.de/) führte in der leergeräumten Halle des Betriebsgebäudes traditionelle Trommelstücke verschiedener Regionen vor, teils mit Flöte und (Sprech-) Gesang, und auch Neukompositionen oder -entwicklungen. Die Stücke werden von den hier 6 SpielerInnen an großen und riesengroßen, mit Tierhäuten bezogenen Holztrommeln gespielt, mit ausholenden, choreographischen Bewegungen, die wiederum Bedeutungen in sich verbergen (Morgenerwachen, der Drache ...). Die tieftönenden Trommeln haben einen archaischen Reiz, in Gedanken wurden wir in Donnergrollen der Natur, von Wind und Wasser, stampfende Tierherden oder auch in zarte Töne des erwachenden Tages mitgenommen. Laut Yutaka ist das japanische Trommeln eine richtig lebendige Tradition in Japan. Es gibt viele professionelle und Laien - Gruppen dort.
In Diepholz gab es tosenden Applaus des staunenden Publikums.
Ausblick auf Japan Tee nach der Atomkatastrophe in Fukushima

Auf dem Shincha-Fest bei Shimodozono in Diepholz standen japanische Tee- und auch andere Traditionen im Vordergrund, auch die strenge, ästhetische Schönheit der japanischen Kultur - z.B. sind Außen und einige Innenräume des Betriebsgebäudes traditionell gestaltet.
Das Fukushima-Unglück war aber auch präsent. Yutaka Shimodozono berichtete, dass junge Menschen in Kagoshima, das selbst nicht von radioaktiver Verseuchung betroffen ist, dieses Jahr ihren Urlaub dafür hergaben, im Krisengebiet zu helfen. Er hofft, dass in der momentanen kritischen Energie-Diskussion auch das Bewußtsein für Umweltschutz und Bio-Landwirtschaft steigen wird.
In den letzten Wochen sind alle Naturkostfirmen, die mit japanischen Lebensmitteln handeln, mit den Ängsten der EndverbraucherInnen vor radioaktiver Belastung konfrontiert worden.
Hier haben wir nun Glück: bei der Analyse der ersten Pflückungen in Kagoshima liegt die Radioaktivität sogar unter der Nachweisgrenze.
Wie bei vielen Lebensmitteln aus Deutschland und anderen Herkünften auch, leben wir mit einer radioaktiven natürlichen Belastung, die einige wenige Bequerel betragen kann. Es ist unabhängig von Atomunfällen also davon auszugehen, dass Messwerte bei Lebensmittel oder Tee natürlicherweise nicht immer bei 0, sondern auch leicht darüber liegen.
Wir haben uns gefreut, dass auf dem Fest das Gefühl einer globalen Familie spürbar war. Und auch, ein Fest in japanischer Tradition feiern zu können, einer alten, bemerkenswerten Kultur, die wir in unserer Arbeit als Bio-Gewürz- und Teehersteller als bereichernd kennengelernt haben.
Heinz-Dieter Gasper, Ursula Stübner
Bio - Halbschatten-Tees aus Kagoshima von Shimodozono in unserem Sortiment:
- Fuka-Tenbu (frühe erste Pflückung, Rarität. Neu: ersetzt Tenbu-Sencha)
- Soshun (Sencha 1. Pfl.)
- Shunshi (Sencha 1. Pfl.)
- Haruno (Sencha 1. Pfl.)
- Natsu Cha (Sencha 2. Pfl.)
- Aki Cha (Sencha 3. Pfl.)
- Shuto Ban (Sencha 1. Pfl.)
... und aktuell Shincha (Flug-Sencha, erster Tee der neuen Ernte, Rarität)
Fotos: Steingarten, Nachtisch und Gruppenfoto Masa Daiko: Shimodozono International GmbH
Alle anderen Fotos: Heuschrecke Naturkost GmbH
Zwischen-Nachrichten aus Japan ...
... Grenzwertdiskussionen und Sencha Tee
Wir bleiben mit Japan in Verbindung, fragen regelmäßig nach, wie es dort geht.
Seit Beginn der Atomkatastrophe in Fukushima veröffentlichen wir auf unserer Website
www.heuschrecke.com Informationen, die regelmäßig aktualisiert werden.
Gesetzlich gilt der Grenzwert von 500Bq/kg (EU-VO vom 11.4.2011).
In einer firmeninternen Leitlinie haben wir uns für die Empfehlung des Umweltinstituts München entschieden, als oberen Grenzwert 50 Bq einzuhalten.
Noch gibt es begrenzte Mengen Tee aus Ernte 2010.
Wie es für die Ernte 2011 ab Mai aussehen wird, weiß noch niemand, aber momentan scheinen die Teeregionen Uji und Kagoshima noch keinen Fall Out zu haben.
Wir denken einerseits, dass wir uns bei Radioaktivität von der Erwartung "Null-Werte" verabschieden müssen. Auch aufgrund Tschernobyl und vieler, ungemeldeter und / oder spät entdeckter Störfälle in anderen AKWs haben in Deutschland viele Lebensmittel, oder z.B. auch Atlantik-Lachs durch Sellafield, ein "Grundrauschen". Dazu kommt eine natürliche Radioaktivität, sowie eine Messfehlertoleranz der Labore, sodass Zahlen im einstelligen Bereich schwer interpretierbar sind. Eine vollständige Freiheit von Radioaktivität wird uns wahrscheinlich niemand mehr garantieren können.
Hier in Deutschland stecken wir als Hersteller der Marke Heuschrecke im Konflikt: alles ist vorbereitet, um japanische Produkte sicher und gut analysiert zu importieren und weiterzuhandeln.
Uns erreichen natürlich besorgte Anfragen der KonsumentInnen nach evtl. belasteter Ware. Die vielen Zahlen, mit denen die Medien jonglieren, sind nicht nur für Laien verwirrend.
Wir wissen zwar, dass wir auch natürlicherweise immer mit Radioaktivität leben, aber haben kein Gefühl dafür, was wir wegstecken können (auch "Die Wissenschaft" weiß es noch nicht genau): daher stützen wir uns auf den vorsichtigen Grenzwert von 50 Bq/Kg, der in kritischen Diskussionen nach Tschernobyl entstanden ist und vom Umweltinstitut München vertreten wird.
Und da gibt es noch die "German Angst". Irrationale Anfragen der Industriekunden (die u.a. für die großen Bio-Filialisten produzieren), ängstliche Naturkostkunden, die überall versteckte Japan-Zutaten vermuten, Stimmen aus Verbänden und Parteien, die nicht nur einen Importstopp aus Japan fordern, sondern gleich mit aus China und anderen ostasiatischen Ländern.
Das wird der derzeitigen Lage nicht gerecht und missachtet die Menschen dort. Uns ist es wichtig, die Zukunft für unsere Partner zu erhalten, und Warenströme weiter fließen zu lassen, solange es geht. Es fließen nicht nur Warenströme, sondern auch Kultur und Beziehungen.
Gero Plath von der Firma Mitoku (Japan Sencha extra fine) in Tokio berichtet:
"Hier im Buero geht es von frueh morgens bis spaet abends eigentlich nur um 297/2011.Was wir da den Behoerden an Dokumenten vorlegen muessen, ist der Wahnsinn. Es wird nie wieder eine EU Verordung geben die so genau bis ins Detail beachtet wird, das kann ich jetzt schon versprechen. Und das muessen wir ja mit ca. 25 verschiedene Behoerdenstellen koordinieren...
Der Teegarten dann, also ich glaube die haben genug Bestellungen von uns fuer ca. 3-4 Monate und dann faengt dann noch im Mai die Ernte an. Die werden die naechsten Wochen jeden Sa & So arbeiten.
Zum Teegarten, da kann ich aus erster Hand berichten, da ich vor ca. 10 Tagen da war. Da hat sich nichts geaendert, da kein Erbeben, kein Tsunami, keine Strahlung, keine Benzinknappheit, keine Wasserknappheit ...
Ca. 70% von Japan ist doch von der ganzen Geschichte nur indirekt betroffen. Die kennen das doch auch wie ihr auch nur aus dem Fernsehen.
Die machen sich natuerlich Sorgen um die Menschen in Tohoku und Sorgen um unsere Produkte (weil seit dem Erbeben nichts mehr rausgegangen ist = null Umsatz)."
Markus Hastenpflug von Shimodozono International, Kabusé-Sencha Tees aus Kagoshima:
"Mir zeigt das - alle Zahlenangaben, egal wie niedrig sie auch sind (selbst wenn sie unter den natürlichen radioaktiven Werten liegen), werden ins Negative interpretiert. Sobald gedruckte Werte veröffentlicht sind, ist eine "Belastung" augenscheinlich.
Was bleibt nach der Lektüre eines solchen Berichtes hängen?
Die Frage bleibt: Gibt es für verantwortungsvoll handelnde und um Aufklärung bemühte Lebensmittelhändler eine Lösung für dieses Dilemma?
Vielleicht hilft "Abwarten und Tee trinken". Und wenn nicht ..."
Ein Teekonsument und Japan-Teeliebhaber antwortete uns:
"ich halte Ihren internen Grenzwert von 50 Bq/kg durchaus für vertretbar.
Eine 50g-Packung hat dann max. 2,5 Bq, d.h. wir würden 2,5*26 (eine Packung alle 2 Wochen) =65 Bq pro Jahr konsumieren. Emotionslos betrachtet im vertretbaren Bereich. Wenn man bedenkt welche Strahlung man noch so zu sich nimmt, dass ver- bzw. bestrahlt wurde.
Radioaktivität ist sicherlich eine sehr komplizierte Materie. Angefangen von den verschiedenen Strahlungsarten, Strahlungsleistungen und Strahlungsdosen. Dies wurde in den allgemeinen Medienberichte nur sehr wage angesprochen und erläutert. Daher kam die "German Angst" natürlich auch sehr schnell auf, die nur durch den lapidaren Satz "die Wolke kommt nicht bis zu uns" etwas gedämpft wurde."
In Deutschland vergessen wir leicht, dass Japan ein unheimlich langes Land ist, und die Winde bisher meist günstig wehten. In den Teeanbauregionen Uji (Präfekturen Kyoto, Nara u. angrenzende) und Kagoshima (= Präfektur Kagoshima), wo unsere Japan Sencha Tees herstammen, werden zur Zeit (Mitte April) keine erhöhten Werte festgestellt.
Wir hoffen, dass der (heroische - kann man schon sagen -) Kampf um die Reaktoren nützt, und dass Japan weiter für seine entlegeneren Anbaugebiete und Regionen Glück haben wird.
Hier die Werte für alle Präfekturen, Update 2x am Tag
http://www.mext.go.jp/english/radioactivity_level/detail/1303986.htm
Weitere informative Internetseiten zum Thema Japan:
http://www.bundesregierung.de/Webs/Breg/DE/Japan/japan.html
http://www.bmu.de/allgemein/aktuell/160.php
http://www.bmelv.de/DE/Startseite/startseite_node.html
http://umweltinstitut.org
Im Mai treffen noch Schiffe mit Tee-Ernte 2010 ein. Die Ernte 2011 wird per Schiff nicht vor Juni / Juli
eintreffen.
Shincha-Tee ist ein Kult. In den Teeanbaugebieten liegt der süßherbe Duft des frischgeernteten Tees über dem Land. In den Teeläden werden Shincha-Feste gefeiert, und auch hier erwarten Japan-TeeliebhaberInnen diesen Tee als Vorboten des neuen Teejahres. |
Heinz-Dieter Gasper, Ursula Stübner

























