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Gastbeitrag
09.11.2017
18:00

Ohrenkuss: Mütter

Klar hat meine Mutter Superkräfte!

 

Ohrenkuss Magazin: Mütter

Heuschrecke und Ohrenkuss haben schon über 15 Jahre eine freundschaftliche Verbindung.

 

Wer oder was ist Ohrenkuss?

 

Ohrenkuss ...da rein, da raus - ist ein Magazin, gemacht von Menschen mit Down-Syndrom, unter der Leitung von Herausgeberin Dr. Katja de Bragança. Und zugleich ein einzigartiges und vielfach prämiertes Projekt der downtown - Werkstatt für Kultur und Wissenschaft gGmbH.
 
Es gibt 2 Ausgaben im Jahr, die man abonnieren kann, jeweils zu einem speziellen Thema. Die Vorbereitungen dazu sind intensiv, mit Workshops, Interviews, Recherche-Reisen, was gute Journalisten so machen.Die AutorInnen schreiben poetisch, mit einem feinen Witz und einer Portion Lebensweisheit. Die Hefte sind liebevoll gestaltet, und auf hohem ästhetischen Niveau.
 
 
In unserem Blog stellen wir regelmäßig das neue Ohrenkuss-Magazin vor, oder berichten über andere aktuelle Dinge aus dem Projekt.

 

 
In der neuen Ohrenkuss-Herbstausgabe schreiben die AutorInnen über ihre Mütter (nachdem es schon eine Väter und Großeltern-Ausgabe gab), und in einem zweiten Teil berichten die Mütter dann in einer Mütterrunde über ihr Leben mit einem Kind mit Down Syndrom.
 
Doch lesen Sie selbst ... hier Ausschnitte aus dem Mütter-Magazin:

 


 

 

 

 

 

 

 

Claudine Egli, diktiert Martin Wesers Mutter

Mütter
Die Mütter, sie bücken sich.
Das Bücken ist mühsam.
Sie trinken Kaffee.
Sie sticken.
Sie häkeln.
Sie lesen.
Sie schwatzen – wie eine Ente.



Marley Thelen, diktiert

Meine Mutter hat eine wunderschöne, elegante Zauberkräfte von alle Welten. Meine Mutter ist stark. Weil meine Mutter stark ist, ist sie auch unschlagbar gegen wilde Wölfe. Sie ist mutig. Ich bin so mutig wie sie. Das habe ich von ihr gelernt. Das macht mich stolz von meine Herzen.


Marley Thelen, diktiert

Also überhaupt nicht kann die – das sage ich ganz klar: kochen. Manchmal probiert sie es trotzdem. Aber das schmeckt dann nicht so richtig doll.


Natalie Dedreux, diktiert

Klar hat meine Mutter Superkräfte! Sie hat politische Kräfte. Die zeigt sie auch. Sie sagt ihre Meinung. Sie präsentiert sich und sagt, womit sie nicht einverstanden ist. Das findet sie wichtig. Und ich finde es gut, wie sie das macht.


Maria Trojer, handgeschrieben und dann abgetippt

Meine Mutter ist wie ein bunter Regenbogen und leuchtet wunderschön, so wie bunte Seifenblasen.
Meine Mutter ist wie eine Rose die mich lieb hat oder gar ein Kaktus, was auch stechen kann.
Meine Mutter könnte eine Geigenmusik sein und leitet einen Chor, spielt auf der Flöte und Geige und singt.
Meine Mutter kann auch ein Marillenbaum sein, mit wunderbaren Blüten.
Wenn sie grantig ist dann kommt ein Donnerwetter.


Verena Günnel und ihre Mutter
Verena Günnel, diktiert

Ich hab Dich lieb.
Das ist mein Satz.
Ich hab Dich auch lieb.
Das sagt sie zu mir, immer, da sie an mich denkt.
Da sie mich kennt.
Das berührt in mein Herz und das pocht, wenn ich diesen Satz sagen würde. Für jeden Mensch das zu kennen, zu lassen und auszusprechen.

Ich schreibe nicht, ich sage das.
Dann merkt sie das, dass sie das liest und dann wird sie mich genauso liebhaben.





julian Göpel und seine Mutter
Julian Göpel, diktiert

Meine Mutter heißt Eva. Was ich gut an meiner Mutter finde: Ich bin ihr Lieblingssohn. Und ich mache sehr viel mit meiner Mutter Bastelstunden. Ich gehe viel mit ihr in Museen und Kinobesuche und so weiter. Was ich mit meiner Mutter nicht mag: SMS schreiben, WhatsApp schreiben. Sie stresst mich. Wenn ich zu viele Anrufe von ihr bekomme. Meine Mutter hab ich sehr lieb. Ich höre ihre Konzerte an und manchmal sind die auch total langweilig.
Ich hab einfach meine Mutter lieb. Manchmal muss ich ihr auch sagen, was mir nicht passt, aber ich hab sie beide trotzdem lieb.
Bald geht meine Nichte mit zum Stadion. Mütter lieben auch sportliche Arten.
Meine Mutter ist anstrengend. Ich mache selbst heldenhafte Sachen, was ihr nicht passt. Ich war ja beim Kirchentag in Berlin, da war ich durch ein Tränengas reinspaziert. Musst ich. Das war heldenhaft von mir. Ich durfte nicht zu meinen Lieblingskonzerten. Ich kann’s auch erklären. Ich wollte zu Yvonne Catterfeld. Meine Mutter sagt nein. Diesmal wird es anders bei dem Kirchentag, das möcht ich alleine machen, die Johanniter mit mir. Ich fahre bald zum Kirchentag nach Dortmund, mach ich Dortmund unsicher. Ich war noch nie in Dortmund gewesen, nie. Ich durfte nicht zu der Eröffnungsfeier von Barak Obama gehen, alles voll in Berlin gewesen. Ich wollte hin, ich wollte ihn zum ersten Mal sehen. Aber nein, bla bla bla. Ich wollte unbedingt in Blue Man Group gehen, das hat nicht geklappt und das gleiche bei den Klöckner von Notre Dame. Da bekomm ich unterschiedliche Anrufe, die mich stören. Diesmal wird es anders - ohne Mutter. Meine Zukunft: Ich will diesmal nach Dortmund, um meine Lieblingskonzerte anzusehen und die Eröffnungsfeier, aber ich hab sie trotzdem lieb. Meine Mutter ist lieb. Ich habe Rechte dafür.
Meine Mutter ist Oma geworden und manchmal ist sie auch streng. Ich als Onkel auch. Meine Familie, die brüllen sich manchmal gegenseitig an. Mit Wortgefechten. Meine Mutter hört gerne Klassik. Mein Vater und ich nicht. Ich höre meine eigene Musik, mein Vater auch. Mein Vater ist Opa.
Ich habe schon viele Praktikumsstellen besucht mit meiner Mutter und ich bring nur gutes Wetter. Nur. Und nette Blumen, die ich am Straßenrand finde.

David Bläser und seine Mutter
David Bläser, handgeschrieben

Es war einmal ein Mutter, sie hat mich auf mich aufgepast.
Meine Mutter hat mal gepicknikt mit mein Vater.
Mein Mutter ist wunderschön, sie hat mit mein Vater geheiratet.
Mein Mutter ist toll, manchmal auch besofen.
Mein Mutter schümpft manchmal mit meiner, auch mit mein Vater, das finde ich blöd.
Meine Mutter und ich Entschuldigen wir auch.
Meine Mutter erlaubt mir manchmal, eis zu essen.
Meine Mutter erlaubt mir manchmal, dass ich Süßigkeiten kaufen darf, wenn ich es auch esse.
Meine Mutter ist so schön, wie eine Fee, auf gar keinen fal, ist meine Mutter ein Apfel, sonst kann ich meine Mutter essen, dass finde ich blöd.
Meine Mutter hat ein Herz volle Liebe.


Nora Fiedler, selbst am Computer geschrieben

Was ich nicht so gut finde an sie bei mir oder bei philine die nervennarung kontrolle zu machen. Das finde ich nicht so toll von ihr. Was ich an meine mutter toll finde oder gut finde das sie mein vater gehiratet hat da rauf bin ich stolz auf sie entlich hat sie ihre grosse liebe gefunden mein richtigen vater. Endlich ein mann der sehr gut für sie past. Da rauf bin ich sehr dang haft und sehr stolz auf sie die haben sich in einen bar kennen gelrnt da hat es gefungelt bei die beiden die haben sich gesucht und gefunden. Es wahr die liebe auf den ersten blick. Darauf sind wir kindern und ich sehr stolz. Auf die eltern kann ich sehr stolz  sein.


Daniel Rauers Mutter

Von der Mutter gelernt



Nora Fiedler, selbst am Computer geschrieben

Wie man selbstständig wird.


Christina Groß, handgeschrieben

Langsam sprechen, Sauberkeit, Haushalt.


Achim Reinhardt, handgeschrieben

Rad fahren und lesen und schreiben.


Ansgar Peters, selbst als E-Mail geschrieben

Ich habe viel gelernt und zwar habe ich das Aufräumen. Und Putzen Kochen und Andere Dinger gemacht.


Michael Häger, diktiert

Zusammen helfen. Wir haben ein großen Garten. Wir haben zu Hause ein Wäscheleine. Wäsche aufhängen hat sie mir gezeigt. Und Wäsche zu waschen. Bügeln kann ich. Saugen mache ich auch alleine. Abwechselnd – Mama und ich. Sie hat mir gezeigt, wie man Frikadellen macht.

 


Tobias Wolf, diktiert


Von meiner Mutter habe ich gelernt, was richtig und falsch ist.


Martin Weser, handgeschrieben

Meine Mama kann alles. Sie kann kochen, putzen, Wäsche machen, stricken, im Garten arbeiten – und ich habe das alles von ihr gelernt. Ich bin dankbar.


Jeanne-Marie Mohn, diktiert (als Sprachnachricht per WhatsApp gesendet)

Ich habe von ihr Sachen andübeln gelernt. Schwimmen und Ski fahren. Ich kann auch richtig Ski fahren. Und was noch? Schwimmen gelernt und Seepferdchen gemacht.
Sie hat mir gezeigt, Wäsche zu waschen und zu bügeln. Alles gemacht.




Jeanne-Marie Mohn, diktiert (als Sprachnachricht per WhatsApp gesendet)

Jetzt möchte ich erwachsen leben. Mein Leben.
Ich kann die Frage verantworten: Selbständig zu werden. Viel Selbständig. Und viel Sonnenschein.


Matteo und seine Mutter


Selbst Mutter werden / Kinder bekommen



Andrea Halder, selbst am Computer geschrieben

Nein. Für mich nicht, das gehört sich nicht in meiner jetzigen Welt. Und später auch nicht. Eigentlich habe ich keine Vorstellungen davon, wie es sein wird, als eine Mutter mit eigenen Kindern. Meine Kinder hätten nämlich (vielleicht) auch das Down-Syndrom, deswegen kommt es bei mir nicht in Frage. Und ich bin selbst zu jung um Mutter zu werden.


Anne Feldmann, diktiert

Auf jeden Fall gerne. Wir wollen gerne Kinder machen. Ich und mein Freund. Aber es geht im Moment leider nicht bei mir, denn ich habe die Spirale.
Vielleicht können wir auch eins adoptieren.
Aber ich stelle es mir schön vor, eine Mutter zu sein. Denn ich kann schon so vieles: Einkaufen, Wäsche aufhängen und gelegentlich mal saugen oder wischen. Ich habe gerne kleine Kinder und freue mich immer, ein paar Kinder in der Familie zu haben. Auch wenn es eins mit Down-Syndrom wird, bin ich offen und ehrlich und könnte mich auch um das Kind kümmern, mit allem was zu tun ist. Mit trösten, Windeln wechseln, Beulen kühlen oder in die Kita bringen.


Verena Elisabeth Turin, handgeschrieben und dann selbst abgetippt

Ja, ich möchte viel später Kinder haben. Auch wenn es niemals geschehen wird. Ich habe meinen Freund mein Kinderwunsch schon gesagt. Und ich würde meine Kinder Michelle, Gabi, Jasmin, Felix, Armin, Tobias nennen. Sie sollen meine Lernschwierigkeit das Down Syndrom haben. Und nicht auf der Vaterseite. Ich würde gerne eine Mutter sein. Also ich werde meine Kinder ganz normal und gerecht, ein wenig streng, sehr lieb erziehen. Ganz anders als wie meine Mutter.




Ohrenkuss-Gruppenbild in Weiß: Die AutorInnen und ihre Mütter

Mütter-Interview


Viele wissen nicht: Wie lebt es sich als Mutter eines Kindes mit Down-Syndrom? 5 Mütter trafen sich zu einem Gespräch in der Ohrenkuss-Redaktion. Hier eine Geschichte:


Michaela Dedreux

Es gibt eine Geschichte, an die denke ich immer wieder. Das ist schon einige Jahre her, da war Natalie 12 oder 13. Ich weiß noch genau, wir haben im Auto gesessen auf dem Weg zur Schule und Natalie hatte gerade die Astronauten-Phase.
Wie Ihr ja sicherlich alle wisst, können unsere Kinder sich ja intensiv mit Themen beschäftigen und da auch sehr ausdauernd dabei bleiben.
Es war das Weltall und sie wollte Astronautin werden und das auch schon sehr lange. Und ich hab ihr versucht zu erklären, im Laufe von Wochen und Monaten, dass das vielleicht aufgrund ihres Herzschrittmachers usw. nicht möglich ist. Wir saßen an der Ampel und da guckte sie mich an und sagte dann auf einmal:
"Mama, dann kannst Du doch Astronaut werden."
Da hab ich zu ihr gesagt, also bei aller Liebe, um Astronaut zu werden, da darf man nicht zu jung und nicht zu alt sein, man muss superklug sein, muss total sportlich sein, da muss man kerngesund sein - das wird nichts mehr.
Da guckte sie mich an und sagte: "Wieso, das sind wir beide doch alles."
Und da hab ich wirklich gedacht: Ich beneide diese jungen Menschen um diese positive Einstellung und diesen Glauben an sich und auch an mich.
Wir werden jetzt beide nicht Astronaut. Ich fand, das war etwas, was ich mir immer wieder sage, wenn es schwierig wird oder Dinge kompliziert sind, dann denke ich: "Komm, du wirst Astronaut."

 

 

 

 

 

 

 


Einige Ohrenkuss-AutorInnen in einem Kölner Hinterhof. Marc Lohmann (mit Mütze), Karoline Spielberg (vorne), Susanne Kümpel (hinten mit weißer Jacke), Angela Fritzen (auf dem Zaun), Antonio Nodal (vorne), Svenja Giesler (mit der roten Jacke) und ein Gast aus Berlin.


... mongolisch ist mongolisch und klingt wie mongolisch ...

Ohrenkuss ...da rein, da raus, das Magazin, gemacht von Menschen mit Down-Syndrom gibt es seit fast 20 Jahren.
Das Projekt ist einmalig auf der ganzen Welt und mehrfach preisgekrönt.
Es erscheint zweimal jährlich - mit jeweils einem Thema, Texten der bis zu 50 AutorInnen mit Down-Syndrom und professionellen Fotos, und man kann es abonnieren: Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.ohrenkuss.de

Im August 2010 wurde das Bundesverdienstkreuz dafür an Gründerin Katja de Bragança verliehen - der Bericht ist hier: Öffnet externen Link in neuem Fensterhttp://www.heuschrecke.com/blog/blog-post/2010/08/24/ohrenkuss-verdienstkreuz-am-bande.htm

Newsletter:  Wer regelmäßig über Ohrenkuss informiert werden möchte, kann hier den Ohrenkuss-Ipeschl abonnieren: Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.ohrenkuss-ipeschl.de.

Fotos und Texte © Ohrenkuss
Fotos: Britt Schilling, www.brittschilling.de
Grafik und Gestaltung der gedruckten Ausgabe: Maya Hässig

 
 

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