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Gedanken zur Biobranche heute - Dokumentenwahn und Zertifizierungsdruck

Gedanken zum 40jährigen Firmenjubiläum

Stichwörter: übermäßige Dokumentenanforderungen durch Foodstandard-Zertifizierungen und die Folgen bei Bio-KMU versus Konzerne
Fotos: Impressionen unserer Lieferantenreise 2014 nach Simbabwe, Nepal und Indien

 

 

Heuschrecke, Pionier der Bio-Branche

Seit ca. 1967 hat der Gründer sich Gedanken über eine bessere Welt gemacht. Nach einigen interessanten Versuchen, was in der Richtung zu initiieren, ist dann 1977 über die kollektive Gründung des Bioladens „Was die Bäume sagen“ ein Großhandel entstanden, der sich bald „Heuschrecke“ nannte.
Es ging (und geht) um verantwortlichen Handel mit guten Bio-Lebensmitteln für alle, um eine gesunde Umwelt und ein gerechtes Sozialgefüge der Gemeinschaften. Bauern und Händler sollten im Geschäft ihre Würde behalten – wenn auch die Einkommen in dieser Nische sehr einfach waren.
Heuschrecke hat die erste Vernetzung der Branche mit-initiiert: Qualitäts-Initiative Zeitschrift ‚Zopf’, die erste Bio-Messe (Müsli 1983) und die Gründung des ersten Naturkost e.V.s, dem Vorläufer des BNN (1983).

 

 

Die Heuschrecke heute

Heute, im 2. Halbjahr 2016, werden wir geschätzt als ein renommierter Importeur, Hersteller und Großhändler für Bio-Kräuter, -Gewürze und –Tees. Unsere Betriebsgröße zählt zu den kleinen KMUs, aber wir sind absolut spezialisiert auf Qualität mit einem Programm von ca. 800 Mono-Sorten und eigenen Mischungen. Die Mono-Drogen führen wir meist aus mehreren Ländern in unterschiedlichen Qualitäten, sodass wir auf über 2000 Produkte Ware kommen. Wir setzen ca. 250 Tonnen um, das sind meist ca. 2,3 Mio EUR Jahresumsatz; Tendenz bewusst nicht steigend.

 

 

Rohwaren-Einkauf und Produktion im Haus

Wir handeln bevorzugt mit einzelnen Bauern (Verbandsbauern – wir haben seit 08/2016 endlich einen Demetervertrag) und mit Kleinbauernprojekten. Diese kennen wir natürlich gut. Etliche Produkte müssen weiterhin über lang bekannte, als zuverlässig eingestufte Bio-Importeure eingekauft werden – hier erfahren wir verständlicherweise nicht viel über die Lieferkette. Hier stehen entweder Farmen oder Einzelbauern bzw. Sammler dahinter, sowie teilweise Exportpartner, die wir im Einzelnen nicht kennen ‚sollen’. Einige Herkünfte können wir transparent machen, bei anderen ist das aus Wettbewerbsgründen nicht erwünscht.
Allgemeiner Tendenz-Wechsel zu transparenten Strukturen – wir streben an, die Anzahl der Lieferantenberichte zu vergrößern.
Bio-Gewürze, -Kräuter und –Tees sind inzwischen ein Nachfragemarkt. Es gibt nicht mehr genug Mengen für den europäischen Markt plus den steigenden Bedarf in den produzierenden Ländern. Die konventionelle Industrie, die ein bisschen Bio macht, ist zunehmend auf der Jagd.
Wir haben geschätzt Ware von ca. 40.000 Bauern. Inzwischen sind wir einer der wenigen Gewürzbetriebe, die noch im eigenen Haus mahlen und mischen, und zwar hochwertig und handwerklich, ohne Roboter, aber gemeinwohlorientiert: viele Handarbeitende.
Dies alles meistern wir und rechnet sich auch nur mit effizienter innerbetrieblicher Kommunikation, ohne Zwischenhierarchie in unserer kleinen Betriebsstruktur mit relativ wenigen Verwaltungs-MitarbeiterInnen.


Foodindustrie: Zertifizierungsdruck und Verantwortungsdelegation

Aktuell: Die zunehmende Schlagwort- und Zertifizierungskultur in der deutschen Lebensmittelindustrie hat auch die Naturkostbranche gefangen genommen, obwohl die Arbeit und Kosten dafür viele Bio-Betriebe und Bio-Anbauer überfordern: Klimazertifizierungen, Fairtrade-, Nachhaltigkeits- und Sozialstandard-Zertifizierungen verursachen Ausgaben auf jeder Handelsstufe, die dann für die eigentliche Aufgabe – nachhaltige Beschaffung guter und fairer Ware – fehlen. Oder: Konzentration auf die Papieranforderungen würde bei uns eher dazu führen, bei Beschaffung und Qualität deutliche Abstriche machen zu müssen und nur noch bei Betrieben einzukaufen, die papiermäßig gut aufgestellt sind, inhaltlich aber nicht unseren Kriterien entsprechen.

 

 

Multinationale Konzerne beherrschen dieses Spiel, kleine Betriebe nicht.

Teilweise hysterische Züge nimmt die Welle der IFS-Zertifizierungen an. Bio-Betriebe, die nicht mit der Power und Macht konventioneller Lebensmittelunternehmen mithalten können, fordern von ihren oft noch kleineren Vorlieferanten für dann natürlich eine relativ kleine Menge Ware eine Dokumentation, die locker einen Wert von 1000,- EUR hat, aber nicht bezahlt werden will/kann. In der Tendenz dominieren die formalisierten Papieranforderungen unsere eigentlichen Qualitätsanforderungen, sie fördern das zertifizierbare Mittelmaß.
Unter unseren ca. 600 Verarbeiterkunden existieren eine Fülle von individuellen Rohstoff-, Sozialstandard- und Nachhaltigkeitsfragebögen ab 6 Seiten aufwärts (bis 16 Seiten) pro Produkt, die zur „einheitlicheren“ Ablage auch individuell ausgefüllt werden sollen, und mit weiteren zig Seiten Anlage zu ergänzen sind.
Im laufenden Betrieb eines Unternehmens wie unseres ist das nicht zu stemmen und erscheint konsequent gedacht auch absurd: unsere Betriebshaftpflicht fordert die juristische Überprüfung aller Fremddokumente, die wir in dieser Hinsicht unterschreiben und die die Betriebshaftpflicht aushebeln könnten. Dann müssten die Fragebögen ja wahrscheinlich in ca. 40 lokale Sprachen bei 40.000 Bauern übersetzt werden. Und warum sollten die Anbauer der Drittländer diese Dokumentationen ebenfalls kostenlos machen? Dem gutwillig gemeinten Vorschlag, dann doch einfach irgendetwas einzutragen, können wir nicht folgen.
Harald Welzer, Sozialpsychologe und Zukunftsforscher, sagte zu uns: Betriebe, die wirklich nachhaltig sind, haben nicht die Zeit, Nachhaltigkeitsberichte zu schreiben.

 

 

Sozialkontrolle der Drittland-Produzenten trägt neokolonialistische Züge

Das ist der eine Aspekt. Der andere ist politisch: die eingebildete Macht des Westens über Drittland-Produzenten, die neokolonialistische Züge annimmt. Das beginnt mit hohem Zertifizierungsdruck - außer der EG-Bio-Zertifizierung finanzieren unsere Kleinbauernpartner selbst noch bis zu 12 weitere Zertifizierungen -, bis hin zur Geo-Überwachung per Satellitenkamera. Unsere Bauern verhalten sich hier eindeutig: „Wenn Ihr anfangt, uns auf den Feldern zu überwachen, könnt Ihr Eure Lebensmittel selber produzieren.“ Internationale Konzerne haben begonnen, zur Rohstoff- und Qualitätssicherung, gleich selber die Plantagen zu kaufen – die absolute Vereinnahmung, aber total nachhaltig und maximale Kontrolle über Sozialstandards.

 

 

Unerfüllbare Ansprüche an kleinteilige Bio-Landwirtschaft in Drittländern

Alle unserer Ursprungsländer haben die ILO-Kernarbeitsnormen unterzeichnet. Auch Schulpflicht besteht überall, und wir haben bei unseren Besuchen auch im entlegendsten Dorf die Schulkinder gesehen und unsere Projekte danach interviewt (aber keine Fragebögen ausfüllen lassen). Viele dieser Ursprungsländer tauchen aber auf der BSCI-Länderliste auf (hierzu gibt es eine Sozialstandard-Erklärung von uns). Hintergrund ist die generelle politische Instabilität, grassierende Korruption, fehlende Kataster, politische Widerstände aller Art – und berücksichtigt nicht die Kriterien, wie wir Projekte auswählen. Offizielle Prüfung von Sozialstandards wird in vielen Staaten als Landesverrat eingestuft.
Wir haben es nicht mit Steinbrüchen, Bergwerken, Textilfabriken, extremer Plantagenwirtschaft oder Recycling von umweltproblematischen Stoffen zu tun, auch nicht mit billigproduzierenden Konzernen, sondern mit kleinteiliger Bio-Landwirtschaft. Wir gehen davon aus, dass Kinder im elterlichen Klein-Betrieb mithelfen müssen. Bei uns sind übrigens die Sommer- und Kartoffelferien aus diesem Grund entstanden.

Wir bezahlen jeweils relativ hohe Preise für die Ware, so wie es von den Bauern benötigt wird ohne zu handeln, wissen aber natürlich nicht im Einzelnen die Einkommenssituation, und auch nicht, wie oft unsere Bauern ihre Kleidung wechseln.

 

 

Verschwendung der Betriebs-Ressourcen in Formalismus senkt Qualität und Vielfalt

Von einer sinnvollen Lebensmittelstandard-Zertifizierung erwarten wir, dass zuverlässige Lieferanten, die sich nicht selber zertifizieren lassen wollen oder können, nach weichen Kriterien als zuverlässig eingestuft werden können. Hier mithalten zu wollen, würde uns in unserem eigentlichen Tun lähmen.
Wenn einmal alle Naturkosthersteller Foodstandard-Nachhaltig-Sozial-etc.-zertifiziert sind, wird die Branche merken, dass darüber die Rohstoffqualitäten sehr gesunken sind, viele Spezialitäten verschwunden sind (das passiert bereits jetzt), die kleineren Bauern und Betriebe abgehängt wurden, und es der Bio-Landwirtschaft insgesamt nicht besser geht – es hört sich nur hübsch an.

 


Heinz-Dieter Gasper, Ursula Stübner

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  • 2 Kommentar(e)
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Jens Witt
30.09.2016
11:34

Papiertiger auf dem Vormarsch

dass die Anzahl wild lebender Tiger in den letzten Jahren zugenommen hat, ist eine erfreuliche Tatsache. Die Zunahme von wild gewordenen „Papiertigern“ in teuren Zertifizierungsbüros ist es allerdings überhaupt nicht. Der allgemeine Trend alles und jedes auf dieser Welt schriftlich zu erfassen, zu protokollieren, zu verifizieren, zu kontrollieren in dem Glauben man hätte dann alles auf dieser blauen Murmel im dunklen Weltall „im Griff“ nimmt zuweilen groteske Züge an. Indexsem Sinne Gruß aus Hamburg

Conrad Thimm
07.11.2016
18:37

Kontollwahn beschleunigt Strukturwandel

Ihr habt vollkommen recht! Auch in Deutschland sind "Richtlinien/Kontrolle" der mit Abstand wichtigste Grund der Bauern für die Rückumstellung von bio auf konventionell (Sanders et. al. 2013). Naturlandbauer Everhard Hüseman aus der Grafschaft Bentheim hat im März 2016 berichtet über "Bürokratie und Kontrollprobleme als Beschleuniger des Strukturwandels", siehe wwwbio203.de, Ergebnisbericht S.38-42. Und der Trend geht leider weiter in Richtung mehr Kontrollen, mehr Analysen ... Die Problemlösung ist sicher nicht leicht. Das ist aber noch lange kein Grund, nicht danach zu suchen. Die besten Chancen hätte m.E. ein echter Dialog aller Beteiligten, aber ich weiß nicht, wer ihn initiieren könnte?

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