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Stoffliste und Regulierungswahn

Neue Einstufung von traditionellen Pflanzen - viele jetzt endlich wieder als Lebensmittel zugelassen

Biozertifizierte Wildsammlung in Kroatien.
Biozertifizierte Wildsammlung in Kroatien.
Die Firma Terra Magnifica hat über 200 Pflanzen auf seiner Liste,
Königskerze - die Blüten dürfen in den Tee, nicht die Blätter.
... die gesammelt werden können. Viele waren vorher in der Grauzone der Verordnungen - jetzt geklärt.
Die Firma Terra Magnifica hat über 200 Pflanzen auf seiner Liste. ... die gesammelt werden können. Viele waren vorher in der Grauzone der Verordnungen -
Wasserminze
Es gibt unheimlich viele Minzarten - nur 4 sind in der Stoffliste, Wasserminze ist ok.
Kornblume
Kornblume, ...
Malve
Malve, ...
Ringelblumen - waren aber schon immer in vielen Teesorten.
und Ringelblumen waren schon immer in vielen Teesorten - als Schmuckdroge.
Wildsammlung in den Bergen Liguriens
Wildsammlung in den Bergen Liguriens
Monchspfeffer - auf Liste B, keine Novel Food, aber in ganz alten Zeiten schon als Pfefferersatz benutzt.
Monchspfeffer - auf Liste B, keine Novel Food, aber in ganz alten Zeiten schon als Pfefferersatz benutzt.
Es werden weiterhin neue Varietäten entdeckt, hier haben wir Lavendelminze gefunden ...
Es werden weiterhin neue Varietäten entdeckt, hier haben wir Lavendelminze gefunden ...



  • Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit veröffentlichte am 10.9.2014 die neue Stoffliste des Bundes und der Bundesländer, Kategorie "Pflanzen und Pflanzenteile"

  • Was bedeutet das für Hersteller, Handel und VerbraucherInnen?




Seit den späten 90er Jahren bemerkt man einen mitunter verzweifelten Regulierungswahn der Behörden, um den Alltag der Bürger in den Griff zu bekommen. Hilfestellung bekommen sie von den leider 'normalen' Denaturierungsanstrengungen der Lebensmittelwirtschaft und einer zunehmenden Hilflosigkeit (oder Trägheit) der Konsumenten die eigene (gesunde) Ernährung vernünftig zu gestalten. Der mündige Verbraucher hat ja eigentlich die Souveränität, sich seinen Warenkorb passend zusammenzustellen.


Ein Diskussionsfeld, mit dem wir Kräuter- und Gewürzhändler zu tun hatten, waren übereifrige Lebensmittelkontrolleure, die uns die Verwendung traditioneller Kräuter verbieten wollten. Ein ziemlich altes Menschheitswissen, dass bis ins Mittelalter durch Weitererzählen, und seit Erfindung des Buchdrucks in relativ hohen Auflagen in volksheilkundlichen Kräuter-Büchern beleghaft verbreitet wird.
Viele der damals beliebten Kräuter haben auch immer als Haustee oder Küchengewürz eine Rolle gespielt. Apotheker-Interessen sehen sie lieber als Arzneimittel eingestuft und monopolisiert, da musste man sich schon mal wehren. Der Höhepunkt der aus dem Ruder gelaufenen Bevormundung war dann das Anbau- und Verkaufsverbot für Bauern in einem der neuen Bundesländer für Melisse, Kamille & Co, die zukünftig nur noch für pharmazeutischen Handel vorbehalten werden sollten.
Fiskalisch geht es auch noch um weitere Begehrlichkeiten, den Mehrwertsteuersatz, der da seltsame "Blüten" treibt: Beifuß (z.B. für die Gans..) hat in Kleinmengen 7 % und bei mehr als einem Kilo 19 % MWSt. - und noch weiterer Unsinn kann da verbürgt werden (das Innere der Zitrone 7%, die geriebene Schale für den Kuchen 19%).


Wir bekamen das bei unseren Kräuterteemischungen zu spüren. Heimische, traditionelle, aber heute in Vergessenheit geratene Pflanzen wurden vom Lebensmitteluntersuchungsamt in unseren Rezepturen abgemahnt. Da sie angeblich nicht nachweisbar in nennenswertem Umfang vor 1997 verzehrt sein sollten, so das wichtigste Kriterium, wurden sie kurzerhand als "Novel Food" eingestuft und waren damit unzulässig im Tee verwendet. Die EU-Novel-Food-Verordnung für neuartige Lebensmittel bezog sich ursprünglich auf Alien Food ... nein, auf gentechnisch veränderte Lebensmittel. Im Laufe der damaligen Gesetzgebung haben es wahrscheinlich einige Lobbyisten verstanden, ein paar entsprechende Formulierung einzubringen. Letzlich fiel das traditionelle südamerikanische Süßungsmittel Stevia darunter (bis heute ist nur der Extrakt freigegeben, nicht die grünen Pflanzenblätter): Die Hetzjagd auf das grüne Blättchen mit zweiwöchentlicher Lagerkontrolle haben wir hautnah miterlebt.


Unsere Verfahren wegen Augentrost und Ehrenpreis in unseren keltischen Hausteemischungen zogen sich von 2010 bis 2014 hin - langgezogen durch unsere mehrfachen Einsprüche, da wir nicht kampflos unsere eigene Kräutertradition unter dem Novel Food-Monster begraben sehen wollten. Auch diese Verordnung wird jetzt überarbeitet zum hoffentlich Besseren.


Die Rigidität der Behörden zum Schutz oder eher Bevormundung der Verbraucher hat mehrere Aspekte.
Der Übergang zwischen Lebensmitteln und Heilmitteln ist und war schon immer fließend. Während in den wohlgeordneten und -behüteten Nationen die VerbraucherInnen sich eher von der gesunden Ernährung / Selbstmedikamentierung entfremdeten, schulen unsere Kleinbauern-Projektpartner in Übersee intensiv ihre Mitglieder, damit sie autark in ihrer Umgebung die richtigen Heilpflanzen sammeln und anwenden können.


Anlaß zur Hoffnung:

 

Letzte Woche wurde vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit die sogenannte "Stoffliste für Pflanzen und Pflanzenteile" vorgestellt. Die Stoffliste stuft Pflanzen und Pflanzenteile als Lebensmittel, Arzneimittel, Novel Food oder traditionelles Arzneimittel ein.
Ferner wird für einige der Pflanzen und Pflanzenteile angegeben, ob eine Verwendung als Lebensmittel oder Lebensmittelzutat nicht empfohlen wird (Liste A), für eine Verwendung als Lebensmittel oder Lebensmittelzutat eine Mengenbegrenzung angezeigt ist (Liste B) oder die Pflanzen und Pflanzenteile bislang ausschließlich in Nahrungsergänzungsmitteln eingesetzt wurden und als Lebensmittel neuartig sind (Liste C).

 

Für Interessierte hier der Opens external link in new windowLink zur Liste ....


Mit einem Schlag sind dadurch jetzt die allermeisten Probleme behoben für Kräuterbetriebe, die gerne die heimische, traditionelle Pflanzenvielfalt für die KonsumentInnen erhalten wollen.


Bei der Übergabe der Stoffliste wurde vom Vorsitzenden des Arbeitskreises Lebensmittelchemischer Sachverständiger geäußert, dass mit der Stoffliste nicht alle Probleme in der Beurteilung gelöst werden können, sie wird aber als Hilfe bei der Einstufung von Pflanzen und Pflanzenteilen durch die Lebensmittelüberwachung gesehen. Sie soll auch Inverkehrbringern von Lebensmitteln als Orientierungshilfe dienen. Bei der Erstellung der Liste wurden Stofflisten anderer EU-Mitgliedstaaten, der Novel-Food Katalog der EU, neueste Rechtsprechung und Stellungnahmen von Stakeholdern berücksichtigt.

 

(Wir bilden uns ein, dass auch unsere 4 Jahre dauernden Proteste ein kleines bisschen bewirkt haben.)


Beim ersten Durchschauen der 170 Seiten kann man von einem richtigen Fortschritt sprechen.


Pflanzen mit einer Null-Monografie sind jetzt größtenteils als Lebensmittel eingestuft (aber es fehlen immer noch welche). Das hatten wir insbesondere an der alten Stoffliste kritisiert, und das war vorher auch so eine kleine Idiotie:
die vom ehemaligen Bundesgesundheitsamt beauftragte wissenschaftliche Sachverständigen-Kommission E stellte alle traditionellen Heilkräuter auf den Prüfstand - und diejenigen, die keine wissenschaftlich nachweisbare Wirkung zeigten, aber auch nicht schadeten, erhielten eine Null-Monografie. Von den Behörden wurden sie dann, warum auch immer, schnell zu Novel Food erklärt, anstatt sie für Lebensmittel-Kräutertees freizugeben, was ja auch der Sinn der Null-Monographie war.


Aber es gibt noch einige offene Punkte bei der neuen Stoffliste:
Ein unklares Beisiel in der neuen Liste ist Beinwell. Dieser steht in Liste A und ist nur zur äußeren Anwendung zugelassen. Das entspricht aber nicht der Realität. Beinwellblätter und Blüten werden traditionell in der Küche verwandt, und der Volksmund weiß auch, dass nur wenig gebraucht werden darf. In Kräuterkochbüchern kommen Beinwellblätter regelmäßig vor.
Erst mal müsste die Einstufung nach Blatt/Blüte und Wurzel getrennt werden.
Die Einordnung für Blatt/Blüte müsste neu geklärt werden.
Einige Pflanzen, die in der gesundheitsbewussten Küche jetzt schon eine Rolle spielen, z.B. Moringa oleifera, fehlen leider komplett in der Liste. Moringa ist aber schon durch die EU-Behörde EFSA als Lebensmittel eingestuft und darf damit verkauft werden. Es gilt jetzt, die weiteren Unklarheiten oder Widersprüche herauszuarbeiten und beim Wissenschaftlichen Arbeitskreis damit vorstellig zu werden.


Insgesamt ist die Liste aber eine gute Arbeit und eine echte Erleichterung.

 

Und: eine vielfältige, mit vielen verschiedenen pflanzlichen Produkten bereicherte, und nicht tot-sterilisierte Ernährung ist unbedingt von Vorteil.



Heinz-Dieter Gasper, Ursula Stübner

  •  
  • 1 Kommentar(e)
  •  
Michael Hinterauer
25.09.2014
16:54

Vielen Dank !

Vielen Dank für euren Einsatz in der Sache und die Info hier im Blog - wie immer sehr wertvoll ! SG, Michael Hinterauer

Mein Kommentar

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