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Lieferantenportrait: Honeybusch Tee, Ericaville, Südafrika

Bio-Honeybuschtee: Besuch bei der Cooperative Ericaville

1) Die letzte Etappe unserer Südafrika-Reise 2010 war - nach dem Besuch der Wupperthal Original Rooibos Coop ( Bio-Rooibusch, siehe unser Reisebericht unter "Lieferantenportraits") - Kurland, bzw. mit altem Namen Ericaville.
2) Nach 800 km südostwärts durch Halbwüstenlandschaft näherten wir uns also wieder der Küste - diesmal dem indischen Ozean - noch immer Western Cape, Plettenberg Bay, nähe Knysna an der malerischen Garten-Route. Etwas im Inland liegt die Township Kurland (Ericaville).
3) Im Jahr 1998 wurde die Internationale Kampagne für Entschuldung und Entschädigung im südlichen Afrika ins Leben gerufen. Diese Gelder wurden auch an die Opfer der Apartheid, z.B. Township-Bewohner ausgezahlt. 84 Familien aus Kurland haben sich im Jahr 2000 zusammengeschlossen, gemeinsam Land gekauft und den Ericaville Farming Trust Honeybusch Project gegründet, um die Entschädigungsgelder möglichst nachhaltig existenzsichernd anzulegen.
4) Sidney Le Fleur, Vorsitzender des Trusts, empfing unsere kleine globale Reisegruppe und gab eine Einführung - bei einem erfrischenden Eistee aus Honeybusch gemischt mit Pfirsichsaft. Die Gruppe des Ericaville Farming Trust konnte 2001 auf 40ha Buschland sowie Ausrüstungsmaterial und einem Traktor beginnen.
5) Unter den Alternativen Prothea, Bucchu oder Honeybusch entschieden sie sich, Honeybusch (Cyclopia intermedia) zu pflanzen, wie Rooibusch ein authochtoner Teestrauch. Der Geschmack von Honeybusch Tee ähnelt dem des Rooibusch, hat aber leider nie dessen Bekanntheit erreicht. Durch die Fermentation hat er dieselbe balsamische Weichheit, ist in den Nuancen dabei etwas dunkler in den Aromen und hat eine duftende Blüten-Honignote. Er enthält ebenfalls kein Koffein.
6) Honeybusch wird wegen seiner Empfindlichkeit zunächst unter Folie gepflanzt.
7) In den niedriggelegeneren Lagen machen Klimawandel-Phänomene kräftig zu schaffen - Zeiten der Dürre mit Feuergefahr wechseln sich unkontrollierbar ab mit Flutregen und Überschwemmungen mit der Gefahr, dass die Wurzeln verfaulen.
8) Deshalb wurden nach den ersten 5 ha weitere Flächen auf einem höheren Level mit besserem Klima angelegt. Auch eine neue Tropfenbewässerung und verbesserte Beschneidungstechnik optimieren die Ernte.
9) In den ersten Jahren wurde einfach nur geerntet, und der Tee grün weiterverkauft. Um mehr Wert im Projekt zu schaffen, lassen die Mitglieder den Tee nun selbst bei einem Prozessor weiterverarbeiten (schneiden, fermentieren, trocknen und sterilisieren), und vermarkten ihn unter Projektnamen selbst.
10) Von Anfang an gab es gute Kontakte zum Fair Trade - Markt in Europa. Und es war von Anfang an klar, dass ökologisch angebaut werden sollte. Doch da Zertifizierungen kompliziert und kostspielig sind, hatte dieser formale Teil ein paar Jahre gedauert. Jetzt ist der Tee auf jeden Fall biozertifiziert und bei uns auf Lager.
11) Honeybusch wird während der (unscheinbaren) Blüte geerntet, um die feinen Honigaromen einzufangen.
12) Im Moment werden 20 - 30to im Jahr geerntet. Die Familien erweitern gerade die Anbau-Flächen auf 14ha und rechnen dann mit 45-50 to/Jahr.
13) Die Feldarbeiten werden von den Projekt-Frauen und Männern getan. Als Kleinbauern sind die Ericaviller vernetzt mit anderen Kleinbaueren-Cooperativen wie Wupperthal und Heiveld.
14) In guten Jahren gibt es 2 Ernten - dier erste im Februar, und eine weitere Anfang Oktober. Bei Dürre fällt eine Ernte und damit gut 30% des Ertrags weg.
15) Hier die Prozessbeschreibung für Honeybusch: 1) die frisch geernteten Bündel werden direkt zur Teefabrik transportiert. 2) Das Schneiden, ähnlich wie Rooibusch Tee, erfolgt auf einem alten Tabakschneider. 2) In einer rotierenden Trommel fermentiert der Tee bei 270 - 300°C über 36 Std. 3) Trocknen bei 45°C, 5) Wasserdampfsterilisation. 6) Endtrocknung.
16) Hier sind wir auf dem Weg von den Feldern zur Township Kurland - der Projektname Ericaville ist der alte Name von Kurland.
17) Kurland ist eine hübsch anzusehende Township mit 7000 Einwohnern. Hier erreichen wir das Gemeindezentrum.
18) Cullen Koopman, Präsident des Trusts.
19) Townships entstanden nach 1945 als behelfsmäßige Siedlungen für die nichtweisse Bevölkerung Südafrikas, abgeschnitten und abgelegen, meist am Rande größerer Städten, z.B. für Wanderarbeiter, die nicht in ihren angestammten Homelands lebten - ein Instrument der Apartheid. Unkontrollierter Bevölkerungszuzug, Gewalt und Kriminalität, Armut und Hunger wurden in vielen Townships zum Problem. Nach dem Ende der Apartheid nahm sich die Regierung mit aufgelegten Programmen vor, die Situation der Townships zu verbessern: Straßenbau, Gemeindeeinrichtungen für Bildung und Gesundheit, und versprochen wurde jeder Familie ein eigenes Steinhaus.
20) Zur Fussballweltmeisterschaft im Jahr 2010 in Südafrika wurden die Anstrengungen, in Vorzeigeregionen zumindest, deutlich sichtbar vorangetrieben - eine ungeheure Bautätigkeit.
21) In Kurland sind von den 7000 Einwohnern 70% "Legale" - in den Steinhäusern - und 30% "Informelle" in selbstgebauten, mehr oder weniger komfortablen Holzhäusern.
22) Mehr als 60% der Bewohner sind arbeitslos. Sie zogen vom Eastcape zu, wo sie ihren Lebensunterhalt zuvor im Baugewerbe verdienten. In Folge der globalen Finanzkrise gingen viele Bauunternehmen kaputt, und die Menschen verloren ihren Arbeitsplatz.
23) Sidney erzählt, dass Drogenprobleme und Gewalt schon Thema in ihrer Township seien. Es gäbe aber auch einen sozialen Zusammenhalt zwischen den Alteingesessenen und den Zugezogenen. Es gibt 8 verschiedene Kirchen in Kurland, die miteinander konkurrieren, aber als Wichtigstes eben ihren sozialen Aufgaben nachkommen.
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31) Kurz vor unserem Besuch sind bei einem Brandunglück 20 der Holzhäuser abgebrannt. Die jetzt zeitweise Obdachlosen bewohnen provisorisch das Gemeindehaus, die Kinder werden betreut, und gerade werden die Häuser wieder aufgebaut.
32) Faszinierend an Südafrika sind die vielfältigen Bevölkerungsgruppen - die ganz alten Ethnien der Urbewohner, Khoi San und Khoi Khoi, aber auch sehr differenzierte Identitäten, die aufgrund Vermischungen mit den Kolonisatoren, aus der Sklaverei, Wanderbewegungen und Clangeschichten entstanden sind.
33) Sidney erzählt uns, dass die Ericaviller zu den Griqua gehören. Wikipedia: "Griqua (afrikaans: Griekwa) ist eine Sammelbezeichnung für Gesellschaften im südlichen Afrika, die sich aus der Verbindung von Khoikhoi oder Nama und Buren entwickelten (Baster und Orlam). In der Zeit der Apartheid wurden sie zur Kategorie der „Coloureds“ gerechnet. (...) Die Griqua waren vor allem im 19. Jahrhundert eine bedeutende Bevölkerungsgruppe, viele verloren aber nach und nach ihre ethnische Identität, so dass sie heute nicht mehr die Rolle von einst spielen. Heute wird gelegentlich versucht, die Identität der Griqua wieder zu stärken und ihnen die Anerkennung als indigenes Volk zu verschaffen." Aber dahinter steckt natürlich eine Geschichte ...
34) Ein freigelassener Sklave, Adam Kok , der Bürgerrechte erhielt und eine Farm nahe Piketberg verwaltete, gründete eine ethnisch sehr lebhaft gemischte Gemeinschaft. Der Legende zufolge heiratete er um 1750 die Tochter des Chef eines Khoikhoi Clan und zog mit einer Anhängerschaft von Piketberg nach Little Namaqualand. Sein Sohn Cornelius Kok gründete eine weitere Gemeinschaft aus Baster (Bastaards), Khoikhoi und entflohenen Sklaven. Weitere Wanderungen und Gründungen staatsähnlicher Gemeinschaften unter der Führung von „Kapitänen“, wie Griqualand West und Griqualand East folgten. Seit 1813 gibt es offiziell anerkannt die Bezeichnung Griqua für diese Volksgruppen.
35) Im Laufe ihrer Geschichte wurden die Griqua durch Missionare christianisiert, und sie kämpften an Seite der Briten gegen die Buren.
36) Es gab Zeiten des Aufschwungs (Mineralien, Diamanten) und des Machtverlusts (Annektionen, Landverlust und Unterdrückung durch die Kolonialmächte). Die fast autonomen Griquasiedlungen innerhalb Südafrikas sind vollständig verschwunden. Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Griquas eine durch den Verlust ihrer Unabhängkeit demoralisierte Minderheit.
37) Es gibt aber immer noch die „Griqua National Independent Church“. Der Ursprung war, datiert auf 1891, eine Vision, ein „Gottesruf“ von Andrew Abraham Stockenström Le Fleur, später “Der Reformer” genannt. Es war die erste unabhängige, indigene christliche Kirche in Südafrika. Sie diente dazu, sich von den Missionaren abzugrenzen, denen die Schuld für den Landverlust der Griquas zugeschrieben wurde.
38) Das ist nun sehr verkürzt dargestellt die Geschichte der Griqua. Doch wie bei den Wupperthalern begegnet man, wenn man in historische Texte hineinschaut, immer wieder denselben Familiennamen (Abraham Le Fleur, Sidney Le Fleur ...).
39) Und wenn man sich die Zeit nimmt, das alles genau zu studieren, ist es eine lebendige, dramatische und schillernde Abfolge von sich regelmäßig auf ähnliche Weise wiederholenden Ereignissen. Das ist bei unseren mittelalterlichen Rittergeschlechtern sicher nicht anders. Stoffe für Romane und für Serien.
40) Irgendwie beruhigend, dass diese menschlichen Grundmuster überall und immer gleich sind.
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44) Abschied von Kurland, in 4 Stunden die Garden-Route abgefahren (wofür andere 2 Wochen brauchen), aber ein kurzer Strandspaziergang am Indischen Ozean. Ein wunderschönes, vielfältiges Land!



Heinz-Dieter Gasper, Ursula Stübner
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