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Pyrrolizidine und Kamillentee erneut in den Medien

Berichterstattung der Medien macht Angst vor Kräutertee

 
Hier noch ein Bonbon zum 1. Mai: ein bemerkenswertes Essay von Matthias Greffrath, das auch diese Thematik berührt: Der Aufstand der Satten. Im  Deutschlandfunk - hier zu lesen oder hören: Opens external link in new windowhttp://www.deutschlandfunk.de/konsum-der-aufstand-der-satten.1184.de.html?dram:article_id=284119

 

Eigentlich ist das Ganze ein Kamillefeld. Der Bio-Bauer in Kroatien hat das Land erst recht spät von der Gemeinde gepachtet, gepflügt, und auf den letzten Drücker noch ausgesät, jedenfalls den linken Teil, der gut aufgegangen ist. Im mittleren Teil liegt eine Drainage zur Entwässerung, deshalb wenig Blüten und sattes Grün. Der rechte Streifen wurde zu spät mit Kamille eingesät, sodass der Mohn das Rennen gewonnen hat. 4) Jetzt ist das Feld abgeerntet. Die Blüten werden getrocknet, und der Mohn von Hand aussortiert - eine Arbeit, die wir uns in Deutschland nicht mehr vorstellen können - oder fast unbezahlbar wäre. Leider konnte in dieser Situation nicht mehr realisiert werden, auch Abnehmer für die getrockneten Mohnblüten zu finden. Mohnblüten sind auch bei uns Bestandteil von Kräuterteemischungen.


Wie schon zuvor der WDR mit der Sendung Markt (14.10.2013) hat nun das ZDF in der Sendung WISO vom 28.4.2014 das Thema Pyrrolizidin-Alkaloide (PA) unter dem Titel "Krebsgefahr durch Kamillentee" aufgegriffen. Kamille ist nur ein Beispiel für die Problematik - ein anderer Sender hatte vor kurzem das Borretschkraut der Frankfurter Grünen Soße an den Pranger gestellt.



Zugrunde liegt die BfR-Studie (Bundesinstitut für Risikoforschung, Pressemitteilung v. 15.7.2013) über eine mögliche Verbrauchergefährdung durch Pyrrolizidin-Alkaloide (PA) in Pflanzen. Hierzu hatten wir bereits eine Stellungnahme veröffentlich, die auch heute noch aktuell ist: Opens external link in new windowhttp://www.heuschrecke.com/blog/blog-post/2013/07/17/stellungnahme-pyrrolizidine-in-kraeutertee-bfr-studie.htm .


Das BfR hatte mit einer neu entwickelten Meßmethode verschiedene, gängige und beliebte Kräuter- und Tees auf Pyrrolizidine getestet, viele verschieden hohe Belastungen ausgemacht und diese veröffentlicht. Das BfR engagierte sich allerdings nicht in weiteren Forschungsreihen, oder klassifizierte die Ergebnisse nach Ursprüngen oder nach Verarbeitungsmethoden, sondern wies die Verantwortung für weitere Aufklärung den Bauern und Herstellern zu - was natürlich keine Systematiken schaffen wird, sondern Überforderung und Geldsegen für die Labore.


In der Sendung WISO wie zuvor in der Sendung Markt wurde die komplexe Thematik formelhaft und verkürzt dargestellt (Krebsgefahr durch Kamillentee), was bei den KonsumentInnen eher dazu geeignet ist, Panik zu erzeugen als aufzuklären.


Ganz kurze Zeit später kam der Hagel und hat innerhalb von 10 Minuten die anderen Felder dieses auf Kamille spezialisierten Bio-Bauers verwüstet, die noch nicht abgeerntet waren. Im Wert macht das ca. 0,5 Mio. EUR aus. Die Häufung solch heftiger Wetterlagen ist Zeichen des Klimawandels (das hören wir auch von unseren anderen Bio-Bauern).
Es sind weiterhin verschiedene Grundlagen-Fragen offen:

  • Kommen die PA aus den Kräuter- und Teepflanzen selbst, oder werden sie durch Beikräuter eingetragen? Kamille und Jakobskreuzkraut bevorzugen z.B. unterschiedliche Böden und kommen laut Erfahrung unseres Kamillebauers nicht zusammen, wenn es typische Kamille-Sandböden sind.
  • Ist es tatsächlich so, was die Fotos der Packungen vermuten lassen, jedoch von BfR und WISO nicht transparent angegeben wurde, dass nur Teebeutel-Tees (meist Feinschnitt, der viel billiger ist), und nicht lose Drogen, belastet sind?
    Die Anforderungen an losen Grobschnitt-Tee oder ganze Blüten wie bei Kamille sind höher - die Sortierungen und die Verlesung sind viel anspruchsvoller als bei Feinschnitt, da man Beikräuter- und Samen sieht. (Im BfR-Test war unsere keltische Hausteemischung mit Kamille PA-frei.)

Geht man von der Theorie aus, die Belastung entstehe durch schlecht sortiertes Erntematerial, gäbe es die logische Vermutung, dass handgepflückte Produkte weniger gefährdet sind, da hier zumindest keine Beipflanzen wie beim maschinellen Ernten gepflückt werden. Das trifft auf die klassischen Teeanbaugebiete Indien und China zu, auf unseren Rooibusch Tee aus Wupperthal, und auf unsere Wildkräuter aus biozertifierter Wildsammlung. Das alleine reicht aber nicht aus - bei maschineller Ernte müssten die stark pyrrolizidinhaltigen Pflanzen als Beikräuter in exorbitanten Mengen wachsen, damit der gezeigte Eintrag erklärlich wäre. Beim Bio-Anbau ist eine händische Unkrautentfernung üblich (höhere Lohnkosten - Hacken usw. - höherer Endpreis). Bei konventioneller Ware kommen Herbizide zum Einsatz.



Das ist eine typische Gefahr für die Bio-Landwirtschaft. Bei extremen Wetterlagen verwenden konventionelle Bauern mehr Pestizide. Sie kommen einmal durch Abdrift, zum anderen gelangen kontaminiertes Wasser und Schlamm bei den Überflutungen in die Bio-Felder. Und übrigens auch ins Grundwasser und zunehmend in unsere Mineralwasserbrunnen, wie Ökotest in seiner Ausgabe 7/2011 warnt. Das zunehmende Problem durch die Agrochemie kann kein einzelner Bio-Bauer mehr lösen, sondern gehört auf die politische Ebene. Wenn unser Bio-Bauer uns erzählt, seine Kamillefelder liegen nun weiter von konventionellen Tabakfeldern entfernt, ist das wieder weniger Risiko. Kamille ist ein Sammler - diese Pflanzen speichern mehr Pestizide als andere Pflanzen bei Belastung. Deswegen wird jede Charge analysiert. Im Moment werden die Felder zu einem 2. Versuch vorbereitet. Es wird alles untergepflügt und als Zwischensaat Raps eingesät. Im Spätsommer wird dann wieder Kamille eingesät. Wenn das Wetter mitspielt und mit etwas Glück gibt es noch mal eine Ernte.

  • Vorläufige Intransparenz herrscht leider auch bei den Ursprungsländern: gibt es aus bestimmten Regionen gehäuft Belastungen?
  • Der Stand der Analytikmethode ist weiterhin so, wie in unserer Stellungnahme aus Juli 2013 beschrieben. Von den BNN-akkreditierten Labore (diese haben sich in Ringversuchen zu Pestiziden sehr bewährt) haben nur 4 die PA-Methode installiert. Man kann bei keinem der Labor bereits von Routine sprechen. Zu den wenigen überhaupt vorhandenen Testsubstanzen von ca. 350 PA gibt es noch keine ausreichende Validierung durch Ringversuche. Es fehlen Orientierungs-Referenzwerte zur Beurteilung der Ergebnisse. Es ist eine komplizierte und hochpreisige Analytik. Die Voraussetzungen für eine durchgängige PA-Analytik auch für Kleinchargen / kleinere Spezialbetriebe sind vorerst noch nicht gegeben. Zur Grundlagenforschung wollen wir gezielt Jakobskreuzkraut und Beinwell auf 2 gängige PA untersuchen lassen.
  • Die Frage ist noch nicht geklärt, wie viel der in der Pflanze gemessenen PA in die wässrige Lösung übergeht. Darüber könnte man zu Höchstwerten kommen.
  • Aus naturheilkundlicher Sicht kommt die Frage, welchen Anteil PA an der Heilwirkung haben - ob Pflanzen ihre Heilwirkung verlieren, wenn PA-freie Varianten gezüchtet werden (Beispiel Huflattich). Sind PA in Spuren ein interessanter Input in der Nahrung? Wie zum Beispiel auch Nikotin in Nachtschattengewächsen - neuere Studien zeigen, dass dieses z.B. das Risiko einer Parkinsonerkrankung verringert. Dieser Gedanke hier, um der Vorstellung vorzubeugen, nur ein Nullwert wäre tolerabel. Aber die Dosis macht das Gift. Der Volksmund weiß, dass Maß gehalten werden muss - der moderne Mensch vermutet schon mal "viel hilft viel" ...
  • Um ein Gesamtbild zur Situation bezüglich PA zu bekommen, müssten, wie die EFSA rät, im nächsten Schritt Milch, Eier und Fleisch untersucht werden, und weitere Produkte, die in Mengen verzehrt werden wie Getreide, Gemüse, Salate. Warum sich die Autoren auf Tees stürzen (auch Rooibusch, Grüntee, Schwarztee) ist nicht ganz schlüssig.

  • Eine fundierte Höchstmengenordnung zu entwickeln ist nun Aufgabe der Wissenschaft und Gesetzgebung. Das wird sicher nicht in den nächsten Tagen sein -




Die Empfehlung des BfR ist, nicht auf Kräutertees & Co zu verzichten, sondern sie auf jeden Fall öfter zu wechseln.
Wir haben uns über Tausende von Jahren eine Ernährungs- und Volksheilmittel-Tradition (das liegt eigentlich ganz nahe beieinander) angeeignet, in die wir Vertrauen haben, bzw. in der wir unsere Kompetenz erhalten sollten.


Weder die EFSA noch das BfR sehen eine akute Gefährdung durch unsere typischen Nahrungsmittel, wenn übliche Mengen und Abwechslung eingehalten werden.


Fatal wäre es, im Zeitalter der Spuren-Analytik aus Angst vor neuerdings messbaren Einzelstoffen traditionelle Nahrungsmittel auszuschließen.
Industrielle, "clean" hergestellte Nahrung hört sich nicht vertrauenerweckend an. Mehr systemische Spritzmittel für den konventionellen Anbau zur PA-Pflanzen-Vernichtung in die Böden einzubringen, klingt auch nicht betörend - schwer vorzustellen, dass das überhaupt hilft (statt ökologisch zu mähen und hacken).
Ansonsten vorsichtshalber keine mehrwöchigen "Kuren" mit immer gleichen Tees machen - das sagen schon die Kräuterkundigen seit Jahrhunderten.


Unsere Initiative: Mit einer Auswahl unserer Bauern und Sammler beobachten wir die Situation, und arbeiten daran, sie in Kürze auch analytisch begleiten zu können (siehe Grundlagenforschung).
 

Ursula Stübner, Heinz-Dieter Gasper

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