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Heilige des Monats Februar: Anne Line

27. Februar: Anne Line

Schöne Geschichten für das Unterbewusstsein bzw. die archaische Psyche. Das katholische Christentum und insbesondere der rheinische Katholizismus bietet mit seinen unzähligen Heiligen einen ähnlich guten psychologisch-spirituellen Service wie unser altes Kelten- und Germanentum (zum großen Teil wurden deren (Natur-) Gottheiten dem spröden Monotheismus zunutze gemacht). Diese Geschichte liest man heute mit gemischten Gefühlen - aktuell oder nicht mehr vorstellbar? Die Verbindung zu Shakespeare ist eine öfter geäußerte Theorie.




Was tun, wenn man der durch und durch katholische Sproß einer durch und durch katholischen Familie ist, sein Brot aber am Hof einer protestantischen Königin verdient, die aus machtpolitischen Gründen alle Romtreuen im Land mit dem Tod bedroht ? Man endet als Märtyrer oder man hält fein still.

William Shakespeare wählt den lebensverlängernden Weg der Diskretion, gibt seiner ewigjungfräulichen Königin Elisabeth keinen Grund zur Klage: „There will be but one mistress here and no master.“ sagt sie, zu deutsch „Als Gott den Mann schuf, übte Sie nur.“ - und alle parieren, God save the Queen.

Aus anderem Holz geschnitzt dagegen unsere Heilige. Adlig geboren als Alice Higham, konvertiert die Teenagerin zusammen mit ihrem Bruder aus Überzeugung zum katholischen Glauben, nimmt in der Taufe einen neuen Namen an, Anne. Der Vater enterbt beide, sie heiratet heimlich und ohne elterlichen oder amtlichen Segen den ebenfalls katholischen Roger Line. Seiner religiösen Überzeugung halber verfolgt bleibt Roger standhaft,  stirbt 1594 verbannt in Flandern.

Seine Witwe Anne organisiert den katholischen Untergrund in London. Für  Flüchtige und Gefährdete mietet sie sichere Verstecke, in heimlichen Zusammenkünften wird ihr eigenes Haus zur Kirche. Der trotz aller Drohungen und Verbote große Andrang zu Lichtmeß 1601 macht  die staatlichen Schnüffler aufmerksam. Dem anwesenden Priester gelingt dank eines von Anne vorbereiteten Verstecks später die Flucht, Anne selbst jedoch kommt in Ketten, auch Freunde werden eingekerkert. Ein Todesurteil ereilt ausschließlich sie, da ihr Temperament einer Kooperation nicht förderlich ist. Dem Richter sagt sie geradeheraus, was sie einige Tage später vom Schafott herunter laut und deutlich wiederholen wird: "I am sentenced to die for harbouring a Catholic priest, and so far I am from repenting for having so done, that I wish, with all my soul, that where I have entertained one, I could have entertained a thousand." - „Ich bin zum Tode verurteilt, weil ich einem katholischen Priester Obdach gewährt habe, und ich bereue nichts, ganz im Gegenteil, ich wünschte aus vollem Herzen, ich hätte diese Hilfe 1.000 zukommen lassen.“

So läßt eine sehr modern emanzipierte Königin eine ebenso emanzipierte Geschlechtsgenossin hängen, wo gehobelt wird, fallen Späne, Elisabeth hat sich ihr Königreich von Anfang an rücksichtslos mit dem ganz großen Beil zusammengezimmert.

Und was macht unser Poet ? Er schreibt Anne Line ein wunderhübsches Trauer-Gedicht, „Der Phönix und die Turteltaube“, aber aus Vorsicht derart verklausuliert, daß sich die Wissenschaftler seit Jahrhunderten über die Interpretation streiten. Ja, er verwischt die Spuren seiner Überzeugungen so gründlich, daß die protestantische Mehrheit der Doctores bis heute kein Weihwasser in seiner Tinte erkennen will.
Wie auch immer, die Verse seines Gedichts feiern eine große Leidenschaft:



„Liebten sich, wie wenn, verdichtet
Lieb' in Zwei'n zu einem Wesen,
Trennungslos geteilt gewesen.
Da hat Liebe Zahl vernichtet.

Herzen nah im Weiten schienen;
Denn nicht Raum war, und doch Ferne
Zwischen Taub' und ihrem Sterne.
Allen Wunder, außer ihnen.

Eigentum sich so verließ,
Daß im Selbst das Selbst verschwand,
Einzelwesen, zwiebenannt,
Weder zwei noch eines hieß.“



Ob der Dichter hier tatsächlich Anne und Roger ein Denkmal setzt, die  Nebel der Vergangenheit verhüllen es. Sicher ist, daß uns überwältigende Kunstwerke vorenthalten geblieben wären, hätte sich William Shakespeare in diesen Tagen so unverblümt treu-katholisch geäußert wie Anne Line. „Othello“, „König Lear“, „Macbeth“ und „Der Sturm“ entstanden alle nach 1601, und vielleicht hätte es Elisabeth ja sogar vermocht, die Erinnerung an diesen Stückeschreiber ganz auszulöschen.
Shakespeare bleibt Dichter, er wird so wenig Held oder Heiliger wie die meisten von uns, bei ihm fließt nur  Theaterblut. Während Anne Line Gottes Stadtguerilla lebt, spricht Williams Hamlet sein Unbehagen an unserem  angepaßten Alltag auf offener Bühne entschuldigend aus:

 

„So macht Bewußtsein Feige aus uns allen;
Der angebornen Farbe der Entschließung
Wird des Gedankens Blässe angekränkelt;
Und Unternehmen, hochgezielt und wertvoll,
Durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt ….“

 

 

 

 





Peter Kirwel, Autor der Heiligen des Monats


Peter Kirwel

macht hauptberuflich den Vertrieb für Topas (Bio-Hersteller veganer Wheaty-Produkte) und hält nebenberuflich die traditionellen katholischen Prozessionsbräuche (die eigentlich die ganz alten Kulte fortführen) in seinem Eifeldorf am Laufen, auch eine Punkzeit soll es gegeben haben.



 

 

 

 

 

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