BLOG | Neueste Nachrichten

Joshuas Gewürzreise: Safran
10.12.2017 10:41
Buchrezension: Achim Priester -...
03.12.2017 09:32
Vanille - Der Star der Desserts
19.11.2017 13:13
Ohrenkuss: Mütter
09.11.2017 18:00
Ajowan - Gar nicht so entfernter...
05.11.2017 12:38
heupd-Reportage: Bio-Anbau in der...
25.10.2017 13:31

Blog-Text-Suche

Meist gelesene Posts

Trocknungsverfahren für Kräuter und Gewürze
96265 mal gesehen   21.03.2014
Heiliger des Monats März: Oscar Romero
94669 mal gesehen   24.03.2014
Blogst Du hier!
77546 mal gesehen   21.10.2009
Verschwörungstheorien
75599 mal gesehen   19.05.2010

Archiv

Abonnieren für RSS-Reader

RSS 0.91Nachrichten
RSS 2.0Nachrichten

Heiliger des Monats April: Werner von Bacharach

19. April: Werner von Bacharach



Schöne Geschichten für das Unterbewusstsein bzw. die archaische Psyche. Das katholische Christentum und insbesondere der rheinische Katholizismus bietet mit seinen unzähligen Heiligen einen ähnlich guten psychologisch-spirituellen Service wie unser altes Kelten- und Germanentum (zum großen Teil wurden deren (Natur-) Gottheiten dem spröden Monotheismus zunutze gemacht).
Und auch - seltsam aktuelle - Lehrstücke in Politik (Religion ist immer politisch). Manchmal auch der reinste Krimi.




Schutzpatron der Winzer oder:
Schutzpatron des Antisemitismus, der Judenverfolgung und der reuelosen Mörder




Gründonnerstag 1287 wird in Bacharach am Rhein der erst 16 jährige Winzer-Tagelöhner Werner ermordet aufgefunden. Seine Leiche ist schlimm zugerichtet, es war wohl ein Sexualmord an dem völlig mittellosen Teenager. Wer immer sich an ihm vergangen hat, suchte sich gezielt einen schwachen und arglosen jungen Menschen ohne Familie und Anhang aus, das perfekte Opfer, der arme Kerl wurde schon im Hunsrücker Heimatort vom Stiefvater geprügelt, schließlich rausgeworfen. Vielleicht ist alles lange geplant, der Täter aus der Nachbarschaft - wie es so zugeht in dieser besten aller Welten.


Jetzt sollten die lieben Bürger nachfragen: wer hat den Werner zuletzt gesehen, wer waren seine Freunde – oder auch Feinde, gab es Streit ?
Die Honoratioren von Bacharach wählen nach ausgiebiger gemütlicher Beratung bei ein paar Gläschen Rheinwein eine Abkürzung des üblichen Procedere. Man beschließt, nicht den Mörder des Habenichts zu suchen (der sich möglicherweise in den eigenen Reihen fände, sehr unangenehm), sondern statt dessen – Überraschung ! - gleich noch ein paar Nachbarn mehr umzubringen. Die überschaubare christliche Gemeinde von wenigen Hundert Einwohnern schlachtet daraufhin über Ostern gut 30 der jüdischen Bacharacher ab. Die haben zwar rein gar nichts mit dem Mord zu tun, aber Vorteil 1: man plündert zusätzlich deren gesamten Besitz und spart sich so die Ausgaben für Ostergeschenke; Vorteil 2: man ist all der lästigen Schulden ledig, die man bei den weinhandelnden jüdischen Geschäftspartnern hatte und kann den bereits verkauften Wein erneut losschlagen - oder selber saufen, Wohlsein !


Eine Begründung für ihr doch sehr durchschaubares Gemetzel liefern die arischen  Bacharacher auf Anfrage nach. Böse böse Juden hätten den Werner nach der Gründonnerstagsmesse abgefangen, in einem Keller an den Füßen aufgehangen, damit er die Hostie des Abendmahls wieder ausspucken solle, und ihn folgends zu Tode gefoltert.


Diesen haarsträubenden Quatsch glaubt ihnen kein Mensch, so dumm ist nicht mal das Mittelalter, auch nicht den Bacharachern zuliebe. Die übergeordneten Obrigkeiten (Bischof, König, Kaiser) verurteilen das Blutbad an friedlichen, unschuldigen Untertanen scharf mit deutlichen  Worten. Höheren Orts ist man sogar richtig gründlich sauer, denn alle Juden im Reich zahlen ihre Steuern an Bischof König Kaiser, jetzt haben aber die Bacharacher die schönen, blutigen Talerchen alleine eingesackt, und natürlich gibt eine tote Kuh keine Milch.


Wer Unrecht hat, der häuft es gern. Als die fröhlichen Winzersleute merken, daß der Shitstorm an ihnen vorbeirauscht und ihre Mordorgie ungestraft bleiben wird, legen sie gleich noch eins drauf. Aus dem armen Werner, der in seinem kurzen Leben außer schlechtbezahlter Arbeit und dem letztlichen Todesstoß nichts von ihnen bekommen hat, machen sie mit atemberaubender Frechheit einen Märtyrer.  Man investiert einen Teil des gestohlenen Geldes schlau und nachhaltig in Infrastruktur, in den Bau einer weithin sichtbaren Werner-Kirche, die dem verkehrsgünstig am Rhein gelegenen Wein-Ort viele durstige Pilger mit vollem Geldsack bringen soll. Zuerst bockt der nachtragende Bischof zwar, beschlagnahmt ihnen einmal sogar die Baukasse unterm Hintern weg, aber Zähigkeit siegt und irgendwann ist ihr Werner richtig amtlich heiliggesprochen.


Und jetzt ratet einmal, liebe Leserinnen und Leser, wann dieses außergewöhnlich schäbige Verbrechen samt dessen extra dummdreister Vertuschung namhaft gemacht und der falsche Heilige wieder  kassiert wird ? In der Reformation ? In der alte Zöpfe abschneidenden Gegenreformation, in der Aufklärung, in der französischen Revolution ?
Im 1882 erschienenen 5. Band des offiziösen, bischöflich genehmigten „Vollständigen Heiligen=Lexikons (Stadler)“ werden die mittelalterlichen Lügen unverändert als Fakten aufgetischt, die Opfer zu Tätern gemacht, „weshalb sie der verdienten Strafe nicht entgingen“, man traut seinen Augen nicht.   Verdiente Strafe ? Selbst wenn das blöde Horror-Märchen komplett wahr wäre und einige Juden so zum Spaß vor Ostern einen Christen filetiert hätten (was für ein irrer Käse überhaupt !), wäre das doch überhaupt keine Entschuldigung dafür, im Gegenzug 30 Menschen zu ermorden, allen (!) Juden den Besitz zu nehmen, die Überlebenden zu vertreiben. Wie dunkel muß es im Oberstübchen von Herrn Pastor Ginal und dem seiner geistlichen Mitautoren ausgesehen haben, wie wenig paßt solch ein dummer, finsterer Haß in ein Lexikon von Heiligen, die doch dem Gott der Liebe inbrünstig nachgelebt und entgegengestrebt haben.


Nein, auch wenn es richtig weh tut, der Kelch des Fremdschämens will bis zur Neige ausgetrunken werden: erst 1963, ein Jahr nach dem „Love me do“ der Beatles, 6 Jahre vor dem Flug zum Mond, streicht der zuständige Trierer Bischof den so vielfach mißbrauchten Werner aus dem Festkalender. 1963 ! Vorher, also auch nach 1945, wurde sein Tag fleißig gefeiert, ohne schlechtes Gewissen darüber, daß dieser wirklich tiefbraune Mist den Nazis schön breit den Weg geebnet hat, nicht aber dem Herrn.


Es gibt Fortschritte, klar: eine Werner-Kapelle in Oberwesel wurde kürzlich umgeweiht, und in den eindrucksvollen Resten der Werner-Kirche in Bacharach wurde ein „Sorry“-Plakettlein angebracht – um weiter mit der pittoresken Ruine touristisch werben zu können, das unrechte Gut gedeiht und läßt das Geld im Kasten klingen.
Zu später Stunde unterwegs auf der A61 heimwärts Richtung Eifel winkt das Hinweisschild der „Bacharacher Werner-Kapelle“  dem Wissenden recht schaurig zu, und oft habe ich mich gefragt: was denken sich jüdische Automobilisten in solchen Augenblicken, in deutscher Nacht auf deutschen Autobahnen „den Straßen des Führers“ ?


In seinem heute evangelischen Hunsrücker Geburtsort Womrath steht bis dato ein schmuckes Wernerkapellchen, und die Website der Verbandsgemeinde faselt, auch nach über 700 Jahren von keinerlei Kenntnis getrübt, vom „Märtyrerknaben Werner“ ( www.kirchberg-hunsrueck.de/wissenswertes38.html ).


Warum in drei Teufels Namen dauert die Aufarbeitung so vieler so platt offensichtlicher Dinge so befremdlich peinlich endlos lange ? Hat das Papamobil ein Gaspedal ? Und kann mal jemand Super tanken ?
Die Geduld vieler mit vielem ist gänzlich am Ende, so bahnen sich Revolten an.

Freundlichst

Peter Kirwel






Peter Kirwel, Autor der Heiligen des Monats


Peter Kirwel

macht hauptberuflich den Vertrieb für Topas (Bio-Hersteller veganer Wheaty-Produkte) und hält nebenberuflich die traditionellen katholischen Prozessionsbräuche (die eigentlich die ganz alten Kulte fortführen) in seinem Eifeldorf am Laufen, auch eine Punkzeit soll es gegeben haben.



 

 

 





Tags: krimi, bacharach, mittelalter, ostern
Anzahl Aufrufe: 4513
  •  
  • 0 Kommentar(e)
  •  

Mein Kommentar

Bitte obigen Code eintragen

Benachrichtige mich, wenn jemand einen Kommentar zu dieser Nachricht schreibt.



Ihr Kommentar wird in der Regel am nächsten Arbeitstag freigeschaltet.

Spams, Links, rechtswidrige und anonyme Kommentare können nicht berücksichtigt werden.


Zurück