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Heuschrecke wird 35: Wie alles anfing

Porträt Heinz-Dieter Gasper, Heuschrecke Naturkost GmbH



Von Helma Heldberg



Nahrung für Körper und Geist


Heinz-Dieter Gasper bei C u. S, Ende 70erHerbst 1977: Die RAF hat Schleyer entführt. In Köln erscheint die erste Ausgabe der Zeitschrift ›Emma‹ und Heinz-Dieter Gasper übernimmt in einem Kollektiv die Aufgabe, einen Bio-Laden zu führen.

"Es war kompletter Zufall. Es hätten auch Bücher sein können. Die Affinität zu Büchern war größer als zu Nahrungsmitteln."



In dem Kölner Stadtteil Sülz lebten überwiegend Studenten. Man war politisch interessiert und engagiert, suchte eine Opposition gegen die immer stärkere Präsenz des Staates, fürchtete den Überwachungsstaat und wehrte sich dagegen. Heinz-Dieter Gasper studierte Volkswirtschaft mit sozialwissenschaftlichem Schwerpunkt. Statt in den Beruf einzusteigen, arbeitete er nach dem Studium in der alternativen Szene am Aufbau eines Kollektivs mit, in dem man eigene Vorstellungen umsetzen wollte.

"Es war schon die Idee einer politischen, kleinen Community. Es ging nicht um ›Bio‹ oder ›gesund‹, sondern darum, dass man einen echten Freiraum besaß, einen ökonomischen und auch ideologischen."

 

 

 

Die Geschichte vom Bauern war wichtig


Ökonomischer Freiraum bedeutete zum größten Teil Selbstversorgung innerhalb der Szene, die von einer Antikonsumhaltung geprägt war. Die Möbel kamen vom Sperrmüll, in der Stadt bewegte man sich mit dem Fahrrad oder zu Fuß fort. Trampen war die gängige und billigste Form des Reisens.
Zu diesem Selbstversorgungsgedanken gehörte auch eine Versorgung mit Grundnahrungsmitteln, möglichst direkt vom Bauern, um den Zwischenhandel und damit kapitalistisch geprägte Strukturen auszuschalten.
Über eine kleine ›Food-Coop‹, dessen Initiator den Betrieb aufgegeben hatte, weil er sich in Indien verwirklichen wollte, bekam Heinz-Dieter Gasper Kontakt zu Bauern, bei denen er für den Laden einkaufen konnte.

"Die Ideologie war dabei viel wichtiger als ›Bio‹. Es war ohne Zweifel wichtig, bei den richtigen Leuten zu kaufen. Es war gut, wenn man eine Geschichte zum Landwirt erzählen konnte."

 

 

 

Sind Haferflocken ›Convenience Food‹?


Es gab in Deutschland schon einige wenige Marken im Bio-Bereich, zum Beispiel Rapunzel. Vieles kam aber aus den Nachbarländern Frankreich und Holland. Dort war das Angebot an biologischen Lebensmitteln bereits größer. Auch in Holland war die Bio-Bewegung stark ideologisch geprägt.
Bereits kurz nach der Eröffnung des Ladens im sogenannten Deutschen Herbst 1977 musste Heinz-Dieter Gasper bei einer Diskussion in Amsterdam mit den holländischen Kollegen darum kämpfen, weiter Ware von ihnen zu bekommen:

"Die Holländer hatten überlegt, ob sie nicht den Verkauf nach Deutschland stoppen sollten, weil Deutschland irgendwie auf dem Weg in einen faschistischen Staat war. Die Holländer hatten dann in Amsterdam eine große Besprechung, zu der ich auch eingeladen wurde. Dort sollte ich Argumente dafür geben, warum überhaupt noch Ware nach Deutschland geliefert werden sollte. Wir haben uns dann durchgesetzt, aber nicht alle Fraktionen waren derselben Meinung, dass man dieses Deutschland unterstützen sollte, weil es wieder dahin driftete, wovon es nach dem Zweiten Weltkrieg befreit worden war. Das ganze Geschäft war sehr ideologisch und wenn jemand einen Fehler gemacht hatte, wurde er innerhalb der Szene gnadenlos geächtet."

 

Das Angebot im Laden war im Verhältnis zu einem konventionellen Supermarkt stark eingeschränkt. Es gab keine Milch, keine Milchprodukte, keinen Käse und natürlich kein Fleisch. Wer hier kaufte, war in der Regel Vegetarier. Das gehörte zu der ideologischen Grundhaltung dazu.

"Der Idee nach ging es um Grundnahrungsmittel. Es wäre keiner wie heute auf die Idee gekommen, irgendwelche hoch verarbeiteten Lebensmittel zu kaufen; man hat damals darüber diskutiert, ob man überhaupt Flocken, also Weizenflocken, Haferflocken im Laden haben darf, weil die ja wärmebehandelt sind. Und eigentlich darf man ja nur das Getreide nehmen, das heißt, möglichst Rohware, möglichst unverarbeitet, keine Konserven und vor allen Dingen kein Fleisch."

 

 

 

Kundenberatung? Nur auf Nachfrage


Der Laden funktionierte auf der Basis von kollektiver freiwilliger Hilfe. Wer Lust und Zeit hatte, arbeitete mit, bekam dafür aber kein Geld, sondern konnte sich mit Lebensmitteln versorgen. Jeder durfte sich proportional zu dem, was er dachte geleistet zu haben, etwas mitnehmen. Auch die Kunden mussten ihre Kaufentscheidungen weitgehend alleine treffen. Die Idee des Konsumverzichts verbot eine offensive Verkaufshaltung im Laden. Der Kunde wurde nur beraten, wenn er eine Frage hatte:

"Wenn jemand fragte ›Wie koche ich diese Körner‹, oder ›Können Sie mir die mahlen‹, haben wir gesagt ›Ja klar, können wir machen‹, aber wir wären jetzt nicht zum Kunden gegangen - ›Darf es noch etwas mehr sein‹ oder ›Wollen sie nicht auch das mal probieren?‹ Ganz im Gegenteil, man musste sich eigentlich zurückhalten und hat den Kunden möglichst sich selbst bedienen lassen, man hat es ihm nicht einfach gemacht."


Und dennoch lief das Geschäft. Am ersten Tag lagen abends 300 Mark in der Kasse, erinnert sich Heinz-Dieter Gasper. Das reichte schon aus, um die Monatsmiete für den Laden zu bezahlen. Die betrug zur damaligen Zeit nur 200 Mark. Bei der Preisgestaltung einigte man sich mit den anderen Bio-Läden in Köln. Man wollte nicht mit ihnen konkurrieren. Im Schnitt wurden 40 Prozent auf den Einkaufspreis aufgeschlagen inklusive der Mehrwertsteuer. Ein Unterschied zu anderen fällt Heinz-Dieter Gasper aber doch ein, wenn er an seinen ersten Laden denkt:

"Unser Laden war der erste, der nicht auf Drogengeschäften aufgebaut war. Fast alle anderen Ladengründungen in Köln, das waren Leute, die haben nebenbei noch mit Haschisch gedealt oder mit Trips oder so was. Das war die Grundlage um ins Bio-Geschäft zu kommen, im Prinzip war die ganze Szene eigentlich immer kurz davor in den Knast zu kommen wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz."

 

 


Spezialisierung auf Kräuter - die ›Heuschrecke‹

Heinz-Dieter Gasper mit Tee-und Gewürz-Kleinbauern in Sri Lanka, 2008
Der Laden war nur der Anfang. Die Idee von der Selbstversorgung mit BioLebensmitteln entwickelte sich in allen Teilen Deutschlands weiter. Es bildete sich ein erstes Netzwerk. Alle paar Monate trafen sich Großhändler und Ladenbesitzer aus verschiedenen Regionen und diskutierten, was gut und richtig sei. Die Ergebnisse dieser Gespräche veröffentlichte die Zeitschrift ›Der Zopf‹.
Bei den Gesprächsrunden entstand auch die Idee von einer Bio-Messe, der ›müsli 83‹. Organisation und Abwicklung liefen über den Verein Naturkost e. V. Den hatte Heinz-Dieter Gasper aus rein formalen Gründen kurz vor der Messe gegründet. Aus diesem Verein heraus entwickelte sich dann der Bundesverband Naturkost und Naturwaren (BNN).
Ein Schwerpunkt der Arbeit bestand darin, Kriterien für wirksame Kontrollverbände aufzustellen. In Deutschland gab es schon Naturland, Bioland und Demeter, die als gute Kontrollverbände galten. Um die Kontrollen im Ausland besser zu überprüfen, stellte der BNN einen Anbauberater ein, der herumreiste und die ausländischen Kontrollverbände kontrollierte. Noch immer war es schwierig Waren in Bio-Qualität zu bekommen.

"So war zum Beispiel bis Ende der Achtzigerjahre kein Tee in Bio-Qualität verfügbar und auch kein Bio-Pfeffer." 

 


Diese Probleme bringen Heinz-Dieter Gasper dazu, sich von 1980 an verstärkt um den Großhandel zu kümmern. Zunächst stellt er ein Sortiment von Tee, Wein und Getreide zusammen. Als Lagerraum dient der Hinterhof seiner Eltern.
Heute führt er gemeinsam mit seiner Partnerin Ursula Stübner das Unternehmen ›Heuschrecke Naturkost GmbH‹.
Die Firma hat 17 MitarbeiterInnen und ist mit der Fachhandelsmarke Heuschrecke in den Bio-Läden mit Tee, Kräutern und Gewürzen präsent. Sie beliefert viele Fachhandelsmarken und Naturkosthersteller mit Gewürzen.
Aus dem im Kollektiv mitarbeitenden Betreiber eines kleinen Bio-Ladens ist ein Firmenchef geworden, der aber der Sache treu geblieben ist.

"Wir hatten natürlich einen ökologischen Gedanken im Hintergrund, das heißt, die Welt wird besser, wenn alles in ›Bio‹ ist. Aber wir haben auch schon indirekt oder direkt gewusst, dass wir komplett überflüssig wären, wenn es ›Bio‹ überall gibt - und das könnte jetzt im Moment so die Tendenz sein."

 

 

 

 

 

 

 



Helma Heldberg: Die Müslimacher. Oekom-Verlag

Das Portrait ist veröffentlicht in:
Heldberg, Helma: Die Müslimacher. Erfolgsgeschichten des Biomarktes und seiner Pioniere. © 2008 oekom, München (Opens external link in new windowwww.oekom.de), S. 98ff.


Unser Lesentipp: Die Geschichten der Pioniere, Männer und Frauen, sind anschaulich, kurzweilig und aus heutiger Sicht manchmal auch amüsant zu lesen. Tolle Initiativen, viel (junge) Energie für Neues, Unkonventionelles. Man stellt sich beim Lesen automatisch die Frage, wo denn in der jetzigen Zeit diese Energie hinfließt und sich äußert, was beschäftigt die junge Generation heute? Aber auch: die damaligen Pioniere haben ganz schön viel erreicht.
Und jetzt nochmal Ernest Callenbachs "Ökotopia" lesen ...


Helma Heldberg arbeitet als freie Autorin für Hörfunk und Fernsehen. Sie hat Literaturwissenschaft, Biologie, Englisch und darauf aufbauend Diplom-Journalistik studiert. Im Tante-Emma-Laden ihrer Eltern lernte sie bereits als Kind den Einzelhandel aus der Nähe kennen. In diesem Umfeld wurde der Grundstein für ihr Interesse an der Naturkostbewegung in Deutschland gelegt.









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  • 4 Kommentar(e)
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Renate Schatz
11.09.2012
09:24

OASIS Teehandel

Lieber Heidi, liebe Ursula, vielen Dank für Heidis Geschichte. Ja, damals.... Ich gratuliere euch sehr herzlich zu euren 35 Jahren und der Pionierarbeit, die auch Ihr in vielen Bereichen geleistet habt. Viele liebe Grüße Reni

Hildegard Fuchs
12.09.2012
09:44

Produktmanagement

Hallo Heidi, HERZLICHEN GRLÜCKWUNSCH, spannend zu lesen, sehr autentisch, dabei auch unterhaltsam, ja, so war es in den 80ger Jahren. Und wir kennen uns seit Anfang der 90gerJahre (!) und hatten insebesondere mit Bio Tee und Bio Gewürzen gemeinsam zu tun :) Auf jeder Messe freue ich mich, dass du deinen Zopf noch hast:) Liebe Grüße und weiterhin viel POWER und Erfolg, Hildegard

Franziska Geyer
12.09.2012
16:54

Mitglied der Geschäftsleitung

Liebe Ursula und lieber Heidi, es ist sehr schön die Küchenschublade gut mit den leckersten Gewürzen gefüllt zu wissen: Politisch korrekt erzeugt, aus einer bunten und vielschichtigen Welt, die Ihr mit Eurem Handel besser macht. So schmeckt es natürlich auch den Bauern und den Kunden sowieso. Wann steigt die Party? Vielen liebe Grüße von allen Ökotopen www.oekotopia.org

Michael Hinterauer
28.09.2012
21:11

Gratulation !

Zur langen und erfolgreichen Arbeit - doch "Aber wir haben auch schon indirekt oder direkt gewusst, dass wir komplett überflüssig wären, wenn es ›Bio‹ überall gibt - und das könnte jetzt im Moment so die Tendenz sein." daran glaube ich nicht, es gibt immer etwas zu tun für Menschen mit Ideen und Engagement, nach dem Einen folgt das Andere, nichts ist für ewig, loslassen ist eine lebenslange Übung und somit gibt es immer wieder Platz für Neues ohne alles Alte aufgeben zu müssen. SG, Michael Hinterauer

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