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Zum Internationalen Frauentag: Nordindische Kürzestgeschichte

Tscharansing Ami: Mit ihr

 

 

 

Es war noch nicht einmal Morgen, als der Sermon ihrer Schwiegermutter schon losging, doch sie sagte nichts. Was hätte sie auch sagen können? Selbst harmlose Worte würden bösartig ausgelegt werden. Drum hielt sie es für besser, still zu bleiben. Auch wenn sie aus Hilflosigkeit weinte - wie lange und vor wem? ‚Wären meine Eltern vermögend gewesen, ja, dann hätten die Schwiegerleute meine Lebensfreude zum Blühen gebracht, doch so ist mein Los ...'

Infolge der täglichen Stichelei in diesem Haus hatte sie das Gefühl, allmählich den Verstand zu verlieren. Unter solchen Umständen war es kein Wunder, dass sie abmagerte und dünn wurde wie ein Strich, doch, je nun, wer machte sich Sorgen um sie? Ein Elternhaus hatte sie ja nicht mehr, und kaum war hier die Sonne aufgegangen, da fing das ganze Theater an und hörte erst wieder am späten Abend auf. Es wäre besser für mich, tot zu sein, doch wo nehme ich jetzt noch die Kraft her, zu sterben?

Ihr hatte schon der Kopf angefangen zu schwirren, aber das Ganze war wie Hanumans Schwanz... Vom Morgen bis zum Abend nahm die Arbeit kein Ende.

Sie nahm ein Bündel Wäsche und schlüpfte damit ins Badezimmer. Das bösartige Gerede der Schwiegermutter war wie jeden Tag im Gange: Sie wurde regelrecht zerfetzt.

"Die Halbtote ist gerade ins Badezimmer gegangen, wird wohl erst in siebzehn Stunden wieder herauskommen, wenn es gerade Abend wird, und welche ‚Mutter' ist dann da, um den Herd anzufachen? Das Geschirr von gestern Abend steht auch noch herum, hier, und im Übrigen gehen einem ja beim Arbeiten die Hände kaputt!"

Es war, als hätte man geschmolzenes Glas in ihre Ohren gegossen. Sie blickte auf ihre müden Hände, die von des Tages Arbeit kraftlos waren. Einen Augenblick lang schwirrte ihr der Kopf. Dann mischte sich Zorn in Hilflosigkeit. In unbändiger Wut hob sie den Waschschlegel hoch und begann mit aller Kraft wie eine Wahnsinnige auf einen Sari ihrer Schwiegermutter einzuschlagen.








Die Kürzestgeschichten aus Nordindien, in ihrer Art zwischen Weisheits- und Schelmengeschichten, haben es uns angetan. Wir freuen uns über die Erlaubnis von Prof. Kapp, sie hier im Heuschrecke-Blog vorzustellen.

Zum Internationalen Frauentag haben wir ausgewählt:

Caransimh Ami: Mit Ihr (1989), aus: Der Schmuck einer Frau. Kürzestgeschichten aus Nordindien. Ausgewählt, aus dem Hindi übersetzt und herausgegeben: Dieter B. Kapp. Shaker Verlag Aachen 2006; S.31



Prof. Dr. Dieter B. Kapp (geb. 1941), Indologe, zuletzt Professor an der Universität Köln, Übersetzer und Herausgeber zahlreicher wissenschaftlicher Werke, aber auch zeitgenössischer Literatur aus den verschiedenen Regionen und Sprachen Indiens. Träger der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Medaille und des Rabindranath-Tagore-Kulturpreises, und Künstler (Fotografie, Digitalkunst, Komposition).


Tags: indien, kürzestgeschichte, tscharansingh ami
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