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DER MÄUSERICH. Nordindische Kürzestgeschichten

Suman Keschri: Der Mäuserich


Es war einmal ein Mäuserich. Er war groß und stark. So groß, dass er aussah wie ein kleiner Kater. Der Mäuserich war so schrecklich, dass sogar die Katze es vermied, in seine Nähe zu kommen. Sie gab ihm den Spitznamen Motu ("Dicker"). Dieser Motu aber hielt sich selbst für einen Löwen, und so hatte er sich den Namen Scheru ("Löwe") gegeben. Sobald er die Katze sah, richtete er seine Schnurrhaare auf und fing an, sie als Leisetreter zu beschimpfen.

Allmählich erfreute er sich unter den Mäusen allseits einer großen Popularität. Es schien den Mäusen, als könnte sie nur Scheru von ihrer Angst vor der Katze befreien. Sie fingen an, sich um ihn herum zu sammeln. Sie fingen an, ihn zu verehren. Weil sie sich nun voll und ganz in seiner Nähe aufhielten, schwoll seine Brust, und er begann mit hocherhobenem Kopf einher zu stolzieren. Infolge der Achtung und Verehrung, die ihn die Mäuse entgegenbrachten, waren seine Schnurrhaare und sein Schwanz noch länger geworden. Sogar an Gewicht hatte er zugenommen.

Die Katze bekam es noch mehr mit der Angst zu tun. Sie fing jetzt an, sich zu verstecken. Auch ihr Mut, den Mäusen aufzulauern, schwand dahin.
Zugleich mit den Anwachsen seiner Macht mehrte sich auch sein Hochmut. Seine Forderung nach Verehrung steigerte sich, und wenn diese nicht erfüllt wurde, mehrte sich sein Geschimpfe auf die Mäuse. Mit Ausnahme von einigen wenigen Mäusen begannen alle übrigen schon vor seinem Namen zu erschauern.

Die Angst vor ihm war bei weitem stärker als die Angst vor der Katze, mit der sie hin und wieder zusammenstießen..

Einige Mäuse begannen sich an alte Zeiten zu erinnern. Sie fingen an, mit der Katze, die außerhalb des Viertels auf dem Ast eines Guava-Baumes schlief, Verstecken zu spielen und dabei Gott um Beistand anzurufen.

Als die Katze ihre alten Bekannten sah, reckte und streckte sie sich. Und nach vielen Tagen setzte sie ihren Fuß wieder in das Viertel. Zwei, drei Mal erschnupperte sie die dortige Luft. Sie putzte ihren ganzen Körper, indem sie ihn ableckte, und schabte mit den Zähnen ihre Krallen ab. Während sie all das tat, schenkte sie den in ihrer Nähe herumspringenden Mäusen keine Beachtung.

Nachdem die Katze ein paar Runden durch das Viertel gedreht hatte, betrat sie Scherus Haus. Ein paar Mäuse waren gerade dabei den halb liegenden, halb sitzenden Scheru zu massieren. Diesmal war die Katze nicht allein. Ihr folgten etliche Mäuse. Die Katze machte mit ihren gesäuberten, gerade vor kurzem geschärften Krallen einen Satz und - Schluss, fertig, aus!


Einige Tage sind nun vergangen. Und ein paar Mäuse machen sich nun Gedanken darüber, welche Tage wohl die besseren waren, die früheren, die dazwischen liegenden oder die jetzigen.










Die Kürzestgeschichten aus Nordindien, in ihrer Art zwischen Weisheits- und Schelmengeschichten, haben es uns angetan. Wir freuen uns über die Erlaubnis von Prof. Kapp, sie hier im Heuschrecke-Blog vorzustellen.



Suman Kesri: Der Mäuserich (1998), aus: Der Schmuck einer Frau. Kürzestgeschichten aus Nordindien. Ausgewählt, aus dem Hindi übersetzt und herausgegeben: Dieter B. Kapp. Shaker Verlag Aachen 2006; S.108



Prof. Dr. Dieter B. Kapp (geb. 1941), Indologe, zuletzt Professor an der Universität Köln, Übersetzer und Herausgeber zahlreicher wissenschaftlicher Werke, aber auch zeitgenössischer Literatur aus den verschiedenen Regionen und Sprachen Indiens. Träger der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Medaille und des Rabindranath-Tagore-Kulturpreises, und Künstler (Fotografie, Digitalkunst, Komposition).


Tags: indien, kürzestgeschichten, sumam keschri
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