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Nicht gespritzt und doch belastet

Unterstützung bei unverschuldeten Verunreinigungen für Bio-Bauern ist notwendig


Konventionelle Nachbarfelder mit Pflanzen, die einen hohen Pestizideinsatz brauchen (Wind-Abdrift),
schwierige, feuchte Wetterlagen, wo im konventionellen Bereich wie verrückt gespritzt wird,
Hubschraubereinsätze,
Überschwemmungen, die pestizidhaltigen Schlamm in die Bio-Felder spülen
... die Alpträume von Biobauern. In unserem Bereich, Kräuter, Gewürze, Tee, haben wir häufig damit zu tun und haben auch schon öfter darüber geschrieben.

Das unten erwähnte Biphenyl ist nicht nur ein Pestizid, sondern entsteht z.B. auch bei unsachgemäßer Trocknung von Chili in Entwicklungsländern durch die Rauchentwicklung, also auf natürlichem Wege. Da die Analytik immer feiner wird, aber die Interpretationsfähigkeit der differenzierteren Messergebnisse hinterherhinkt, werden schon mal Produkte als pestizidbelastet interpretiert, wo der Eintrag auf natürlichem Wege zustandegekommen ist, oder sogar ein natürlicher Inhaltsstoff ist.

Nicht einfach: es wird also nie so sein, dass bio = rückstandsfrei ist. Dazu haben wir zuviel giftige Chemie in die Welt gesetzt (ca. 1350 Mittel lt. Katalog), und es sieht so aus, als würde es immer noch doller getrieben (Thema Gentechnik-Verseuchungen).

Deshalb fanden wir folgenden Artikel aus unserer Branchenzeitung BNN-Nachrichten (Ausgabe III, Sept. 2011) sehr informativ und möchten ihn auch EndverbraucherInnen zugänglich machen.

Der BNN (Bundesverband Naturkost Naturwaren Herstellung + Handel) leistet neben seiner Öffentlichkeitsarbeit wertvolle Qualitätsarbeit im Hintergrund. So wurde wegen der unten beschriebenen Problematik schon 2001 der BNN-Orientierungswert geschaffen, der heute ein weit anerkannter Standard ist.

Der BNN-Orientierungswert ist 0,01 Milligramm eines Wirkstoffs in einem Kilogramm des unverarbeiteten Ausgangsprodukts. Liegen die Werte darunter, handelt es sich mit Sicherheit um die unvermeidbare ubiquitäre Belastung aus der Umwelt.
Wird der Orientierungswert überschritten, löst seine Überschreitung eine Einzelfallprüfung unter Einbeziehung der zuständigen Öko-Kontrollstelle aus. Untersucht wird dabei, ob die Vorschriften für den ökologischen Anbau eingehalten wurden. In der Regel werden jedoch unbeabsichtigte Prozessfehler aufgedeckt und in der Folge abgestellt, selten dagegen illegales Verhalten.

Unsere Anmerkung zum unten beschriebenen, neuen Instrument der öffentlichen Stellungnahme: wir würden dafür plädieren, das Problem nicht nur wirtschaftlich, sondern auch öffentlich gesellschaftlich / politisch zu behandeln (die konventionelle Landwirtschaft und die Chemiekonzerne sind das Problem - und die Politik folgt den Lobbyisten), und schlagen deshalb vor, das entscheidende Gremium zu erweitern mit Menschen aus kritischen (Naturschutz-)Verbänden, grünen Parteien, Ökotest, Foodwatch usw.



Heinz-Dieter Gasper, Ursula Stübner





Unterstützung bei unverschuldeten Verunreinigungen           

 

Nicht gespritzt und doch belastet



Biobauern setzen keine Pestizide ein, aber dennoch kommt es immer wieder vor, dass in ihrer Ernte Rückstände zu finden sind, die aus der konventionellen Landwirtschaft stammen.


Manchmal bedroht das die Existenz ganzer Betriebe, denn selbst wenn die Belastung weit unter dem gesetzlichen Grenzwert für konventionelle Ware liegt, sind die Produkte oft unverkäuflich. Der BNN Herstellung und Handel wird daher künftig öffentlich Stellung nehmen, wenn der BNN-Orientierungswert aus nachweisbaren und unverschuldeten Gründen nicht eingehalten werden konnte und davon mehrere Unternehmen betroffen sind.


Letztes Jahr standen 300 Kleinbauernfamilien in Brasilien vor einem Scherbenhaufen. Ihre komplette Biosoja-Ernte war in Folge einer ungewöhnlichen Wetterlage und eines massiven Pestizideinsatzes auf konventionellen Feldern in der Region mit dem Insektizid Endosulfan verunreinigt. Die Belastung lag zwar nur bei durchschnittlich 0,03 bis 0,06 Milligramm pro Kilogramm Soja und war damit zehn Mal geringer als zugelassen. Doch selbst diese Rückstandsspuren machten die Ernte auf Biomarkt unverkäuflich.


Die Bauern und Unternehmen, die Bio-Soja verarbeiten, suchten händeringend nach einer Lösung. Auch im Bundesverband Naturkost Naturwaren, der vor zehn Jahren den BNN-Orientierungswert für Pestizide eingeführt hat, rauchten die Köpfe. Wie lässt sich vermeiden, dass Bio-Erzeuger und Bio-Verarbeiter unverschuldet auf Ware sitzen bleiben, wenn nachweislich Dritte für eine Belastung leicht über dem Orientierungswert verantwortlich sind?


Orientierungswert ist kein Grenzwert


Für den Orientierungswert gilt normalerweise: Ist er bei einer Probe überschritten, veranlasst das betroffene Unternehmen - oder im Rahmen des BNN-Monitorings die Koordinationsstelle -  eine Einzelfallbetrachtung. Denn eine Belastung von mehr als 0,01 Milligramm eines Wirkstoffs pro Kilogramm kann ein Hinweis auf unerlaubte Anwendung und damit Betrug sein. Meist stellen sich jedoch ungewollte Verunreinigungen beim Transport oder beim Verpacken oder Abdrift von konventionellen Flächen als Ursache heraus. In solchen Fällen führt die Anwendung des Orientierungswerts regelmäßig zu einer Verbesserung im Prozess, oft durch einfache Maßnahmen wie konsequente räumliche Trennung der biologischen und konventionellen Verarbeitung.


Dennoch wird der BNN-Orientierungswert nach wie vor von vielen auf dem Biomarkt als Grenzwert interpretiert, obwohl er eine "Auslöseschwelle" für die Ursachenrecherche ist. Selbst Bescheinigungen der Kontrollstellen reichen daher meist nicht aus, um davon zu überzeugen, dass Bio-Ware mit Verunreinigungen im leicht überhöhten Spurenbereich immer noch Bio-Ware ist, wenn die Belastung nachgewiesenermaßen unverschuldet und unvermeidbar erfolgt ist. Denn Bio-Produkte werden nicht durch Rückstandsfreiheit definiert, sondern über den besonderen Prozess ihrer Erzeugung und Herstellung sowie ihre gesetzliche Kontrolle. Die gesetzlichen Vorschriften für den Ökolandbau sehen bewusst keinen eigenen Grenzwert für Pestizide bei Bio-Produkten vor.


Niemand kann Wind und Regen stoppen


Das Beispiel der brasilianischen Bio-Soja zeigt deutlich, warum das nicht anders sein darf: Manchmal lässt sich die Ursache für eine Kontamination eben schlicht nicht abstellen. Niemand kann Regen abschalten, der zu stark mit Insektiziden verschmutzt ist, und niemand kann den Wind beschwören, der ungewöhnlich viele Pestizidpartikel mit sich trägt.
Wird in solchen Fällen der BNN-Orientierungswert überschritten, ohne dass Betrug oder Fehler in Erzeugung und Verarbeitung nachzuweisen sind, ist Biobauern kein Vorwurf zu machen. Sie sind Opfer der allgemeinen Belastung der Umwelt mit Schadstoffen aus der konventionellen Landwirtschaft. Solange die Belastung unter den gesetzlichen Grenzwerten liegt und keine Gesundheitsgefahr besteht, sollten ihre Produkte weiter verkauft werden dürfen.


Damit sie künftig auch gekauft werden, hat der BNN Herstellung und Handel beschlossen, ein neues Instrument einzuführen: die "Öffentliche Stellungnahme zur Anwendung des BNN-Orientierungswerts für Pestizide". Einen Antrag können betroffene Unternehmen an den Verband richten. Erforderlich sind eine ausführliche Schilderung des Sachverhalts, Analysen eines anerkannten Labors und in der Regel eine Stellungnahme der zuständigen Kontrollstelle. Der Wissenschaftliche Beirat verfasst zum jeweiligen Fall eine Stellungnahme, die alle wichtigen Argumente zusammenfasst und bewertet. Am Ende entscheidet der Vorstand des Verbandes, ob die Anforderungen in Bezug auf den BNN-Orientierungswert eingehalten wurden oder nicht. Es ist auch möglich, dass keine Stellungnahme zustande kommen kann, weil entscheidende Informationen fehlen oder der Fall nicht verallgemeinert werden kann.


Stellungnahme, die erste!


Die erste "Öffentliche Stellungnahme" ist bereits veröffentlicht, denn für die brasilianischen Bio-Sojabohnen ließ sich eine unvermeidbare Kontamination aus der Umwelt zweifelsfrei nachweisen. 2010 war in der Anbauregion fast doppelt so viel Endosulfan verkauft worden wie in den Vorjahren. Bis zu 70 Prozent des sehr flüchtigen Stoffes verdunsten in den ersten beiden Tagen nach der Anwendung, und über Regen und Wind hat er sich dann über weite Strecken in der Umwelt verteilt. Im regenreichen und heißen Jahr 2010 gelangte Endosulfan so auch auf die Felder der Biobauern, wo die ölhaltigen Sojabohnen es aufnahmen und anreicherten.


Weil Endosulfan vor allem im direkten Kontakt die Gesundheit der Menschen gefährdet, hat die 5. Vertragsstaatenkonferenz zum Stockholmer Übereinkommen über persistente organische Schadstoffe (POPs) den Wirkstoff jüngst zur  Nummer 22 des einst "Dreckigen Dutzends" deklariert. Endosulfan darf danach nicht mehr für den Pflanzenschutz eingesetzt werden. Allerdings gelten mehrjährige Übergangsfristen. Andere längst verbotene Pestizide tauchen immer noch in der Nahrungskette auf, zum Beispiel Biphenyl in deutscher Petersilie. Mit weiteren Fällen unverschuldeter Kontamination im Biosektor  muss also gerechnet werden, bis eines schönen Tages alle Pestizide von der Erde gebannt sind.





Katja Niedzwezky (aus: BNN-Nachrichten III/2011, Öffnet externen Link in neuem FensterBundesverband Naturkost Naturwaren Herstellung + Handel)





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