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Die Zeugenaussage. Nordindische Kürzestgeschichten

Ghanschyam Agraval: Die Zeugenaussage

 

Gegen einen gewissen Mann lief ein Mordverfahren. Es gab zwei Zeugen, die gegen ihn aussagten.

Der erste Zeuge gab zu Protokoll:
"Ich lag zwei Monate lang im Regierungskrankenhaus. Anfangs herrschte zwischen dem Angeklagten und dem Toten eine starke Sympathie. Wann und wie zwischen den beiden Streitigkeiten aufkamen, weiß ich nicht; denn genau einen Tag vor dem Mordtag bin ich aus dem Krankenhaus nach Hause entlassen worden. An diesem Tag war ich jedenfalls bass erstaunt, als ich hörte, wie der Tote dem Angeklagten gegenüber eine Morddrohung aussprach."

Der zweite machte folgende Zeugenaussage:
"Als ich mich am Mordtag aufmachte, um meine Lebensmittelration abzuholen, hörte ich, wie sich der Angeklagte und der Tote gegenseitig beschimpften. Eine halbe Stunde später, als ich mit meiner Lebensmittelration wieder zurückkam, sehe ich, wie der Angeklagte über dem Toten kniet. Er hatte ein Messer in der Hand. Ich hatte in jeder Hand eine Tasche. Aber noch ehe ich die beiden mit der Lebensmittelration gefüllten Taschen auf den Boden abstellen und die beiden voneinander trennen konnte, stieß der Angeklagte dem Toten das Messer in die Brust."

Es war für den Verteidiger nicht schwer, seinen Mandanten freizubekommen.

Als der Leichendämon von diesem Vorfall hörte, sagte er zu Vikramaditya:
"Nun gut, erzähl' mir mal, wie es dem Verteidiger gelang, den Mann freizubekommen! Wenn Du mir nach reiflicher Überlegung darauf keine Antwort geben kannst, dann - so merke Dir! - wird Deine Rationskarte verschwinden."

Darauf antwortete Vikramaditya, dass der Verteidiger nachwies, dass beide Zeugen gelogen hatten.

Zum ersten Zeugen, der gesagt hatte, dass er nach zwei Monaten, während deren er im Regierungskrankenhaus lag, die Morddrohung gehört hatte: Diese Zeugenaussage ist falsch, denn keiner, der zwei Monate lang in einem Regierungskrankenhaus liegt, ist in der Lage, von dort jemals wieder lebend herauszukommen.

Da sich dieser Vorfall in Indien ereignet hat und es hier noch nicht einmal einem Draufgänger möglich ist, innerhalb von einer halben Stunde seine Ration abzuholen, ist auch der zweite Zeuge falsch.







Die Kürzestgeschichten aus Nordindien, in ihrer Art zwischen Weisheits- und Schelmengeschichten, haben es uns angetan. Wir freuen uns über die Erlaubnis von Prof. Kapp, sie hier im Heuschrecke-Blog vorzustellen.



Ghansyam Agraval: Die Zeugenaussage (1990), aus: Der Schmuck einer Frau. Kürzestgeschichten aus Nordindien. Ausgewählt, aus dem Hindi übersetzt und herausgegeben: Dieter B. Kapp. Shaker Verlag Aachen 2006; S.14



Prof. Dr. Dieter B. Kapp (geb. 1941), Indologe, zuletzt Professor an der Universität Köln, Übersetzer und Herausgeber zahlreicher wissenschaftlicher Werke, aber auch zeitgenössischer Literatur aus den verschiedenen Regionen und Sprachen Indiens. Träger der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Medaille und des Rabindranath-Tagore-Kulturpreises, und Künstler (Fotografie, Digitalkunst, Komposition).


Tags: indien, kürzestgeschichte, agraval
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