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Gastbeitrag
23.04.2010
15:30

Ohrenkuss: Ich warte auf Veränderung

Interview mit Hubert Hüppe, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen

Svenja Giesler (Jahrgang 1980) ist Gründungsmitglied von Ohrenkuss ...da rein, da raus, dem Magazin, gemacht von Menschen mit Down-Syndrom.
Diesen Text schrieb sie, als die Ohrenkuss-Redaktion die Fragen für das Interview mit Hubert Hüppe vorbereitete. Zunächst einmal war Svenja Giesler der Meinung, dass es ohnehin eine Scheißsituation sei, in der sie lebt: Das Spüren der Ohnmacht.
Von ihr stammt ja auch das Zitat: "Ich habe Down-Syndrom, aber ich stehe dazu. Ich bin kein Alien, denn ich bin so wie ich bin. Jeder soll es verstehen und mich respektieren."
Wir regten an, dass sie sich nicht der Ohmacht und dem Jammern ergeben solle: "Svenja, nutze deine Stärke. Das ist das Schreiben. Verfasse einen Text, der all das ausdrückt, was dich stört, was dich bewegt, was dich verletzt. Bleibe dann aber nicht beim Jammern, sondern sag auch, was du ändern möchtest, was deine Vision ist. Trage diesen Text dem Hüppe vor, er soll verstehen um was es dir geht, überzeuge ihn. Er soll sich immer daran erinnern. Und dann wird er sich darum kümmern, dass sich die Dinge ändern - das ist seine Arbeit, er ist der Politiker. Du bist die Schriftstellerin." Jeder kämpft mit seinen eigenen starken Waffen.
Svenja Giesler hat den Text während des Interviews zur Einstimmung vorgetragen - nachdem die Begriffe "Inklusion und Integration" besprochen wurden und bevor man ans Eingemachte, das Politische ging.
In den mehr als zwölf Jahren unserer Zusammenarbeit habe ich viele bewegende Momente erlebt. Zu erleben, wie Svenja Giesler den Text schrieb und später vortrug, gehört sicherlich dazu.

Dr. Katja de Bragança, Herausgeberin







Ohrenkussredakteurin Svenja Giesler, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen Hubert Hüppe

Ich warte auf Veränderung

 


Man fühlt sich (darf ich ruhig sagen) scheiße und allein gelassen.
Ausgegrenzt.
Man fühlt sich mies.
Man fühlt sich auch in Stich gelassen.
Man möchte anerkannt werden.
Ich möchte, dass die Menschen mich respektieren.
Dass sie Respekt vor mir haben.
Die sehen nicht an mir, wie ich mich fühle.
Dass es mir Angst einjagt und dass es sehr erschreckend für mich ist.
Die sehen die Menschen nicht.
Nur ein Beispiel:
Ich fahre mit meiner Mami in einem Bus.
Es sind mehrere Leute drin, teils stehend, teils sitzend.
Dann fangen die auf einmal an, mich anzustarren und denken folgendes:
"Wie sieht die denn aus? Ich habe noch nie im Leben eine Behinderte gesehen. Wie sieht die denn aus?"
Und dann fühle ich mich scheiße und ich bin auch sehr traurig und in meinen Gefühlen verletzt.
Ich möchte, dass es aufhört mit dieser Anstarrerei.
Wirklich!
Ich möchte respektiert werden - wie ich bin.



    Svenja Giesler   Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.ohrenkuss.de/projekt/portraits/giesler/



 




Ohrenkussredakteure Julian Göpel, Angela Fritzen, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen Hubert Hüppe
Der neue Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Hubert Hüppe, stellte sich im Interview den Fragen der Bonner Ohrenkuss Redaktion zum Thema Integration/Inklusion.
Die Fragen stellten Angela Fritzen, Svenja Giesler, Johanna von Schönfeld, Julian Göpel und der Ohrenkuss Außenkorrespondent Tobias Wolf (am Telefon). Ohrenkuss Außenkorrespondentin Anna Maria Schomburg schickte ihre Fragen per eMail.
Die Begriffe Inklusion und Integration wurden während des Interviews ausführlich mit Hilfe verschiedenfarbiger Gummibärchen erklärt.



Svenja Giesler: "Herr Hüppe, was ist denn der Unterschied zwischen Integration und Inklusion? Wissen Sie, was hilft? Nicht so schnell reden. Deutlich reden. Man muss auch Geduld haben mit mir. Das habt Ihr nicht so alle."

Hubert Hüppe: "Ich würde sagen, bei der Inklusion, da sind von vornherein alle dabei. Da sagen alle: Ist ok, wie du bist, du bist bei uns. Du gehörst zu uns.
Und jetzt Integration: Da wurden Menschen vorher erst mal rausgetan (sortiert verschiedene Gummibärchen raus). Die einen sagen: Du bist anders. Wir tun dir ja nur Gutes. Da gibt's bestimmt sonst welche, die sagen böse Worte oder starren dich an, und das ist ja auch nicht gut. Geh auf eine Sonderschule, da fühlst du dich dann auch wohl. Da ärgert Dich auch keiner, die sind auch alle so wie du.
Dann wird eine Tür aufgemacht und gesagt: So, jetzt kannst du (doch) wieder rein. Das ist die Integration.
Das ist ja immer noch besser, als wenn man sie (die Ausgeschlossenen) da draußen lässt. Es ist aber schwierig, weil man sich ja nie kennen gelernt hat."

Angela Fritzen: "Die Ohnmacht fühlt sich scheiße an, Herr Hüppe. Wie können Down-Syndrom Leute in der Politik mitarbeiten. Ich kenn mich nicht aus mit der Politik.
Wie können wir mitmachen, obwohl wir langsam sind?"

Hubert Hüppe: "Informationen müssen verständlich sein: Ich habe zum Beispiel gefordert, dass im Fernsehen und im Radio einmal am Tag die Nachrichten in einfacher Sprache gesendet werden sollen, damit man auch gucken kann, was passiert im Bundestag, was wird da überhaupt beschlossen? Was machen die da den ganzen Tag?
Sie können mehr über Politik lernen: Sie könnten zum Beispiel Fortbildungen machen. Es gibt politische Stiftungen.
Das sind Einrichtungen, wo man politische Bildung anbietet: Wie und wo Politik gemacht wird. Jetzt gibt's demnächst ein Seminar, wo sich Leute mit und ohne Behinderung treffen und über das, was sie interessiert, reden. Zum Beispiel: Ich will nicht in die Werkstatt, ich will woanders arbeiten. Oder wenn ich in der Werkstatt arbeite, dann will ich mehr Geld haben. Dafür kann man sich auch einsetzen. Man kann auch politisch arbeiten: Es gibt Werkstatträte. Es gibt Menschen, die ihre Interessen in einer Wohneinrichtung - es heißt ja Wohnheim - vertreten. Da könnte man auch mitmachen."
Ohrenkussredakteurin Johanna v. Schönfeld, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen Hubert Hüppe
Johanna von Schönfeld: "Herr Hüppe, ich bin eine Schülerin. Ich bin 18 Jahre alt. In meiner alten Schule - das war eine integrative Realschule - gab es mehr Unterricht und mehr strenges, ernstes Schulleben. Es wird dort die Schuljahre durchgezogen. Jetzt in der Förderschule (seit 2 Jahren) dreht sich alles rum: Es wird kaum richtiger Unterricht gemacht. Ich meine damit: Es gibt keine Stundenpläne. Meine Fächer ändern sich immer. Können Sie sich vielleicht darum kümmern, dass es viele Schulen mit ordentlichem Unterricht Stundenpläne gibt? Wir möchten etwas lernen."

Hubert Hüppe: "Ich will mich drum kümmern, und ich sag das auch an jeder Stelle, wo ich es sagen kann, und ich hoffe auch, etwas zu erreichen. Nächste Woche bin ich auf einem Kongress - ‚Eine Schule für alle' - der sich auch dafür einsetzt, dass Menschen, egal ob mit oder ohne Behinderung, auf eine Schule gehen können, und dass jeder soviel lernt, wie er auch lernen kann. Viele Lehrer gucken ja erst immer, was jemand nicht kann, anstatt mal zu gucken, was kann der. Ich möchte, dass jeder soviel lernt, wie er auch lernen kann, und jeder so, wie er ist. Der Eine kann halt gut rechnen, und der Andere kann eben nicht so gut rechnen, aber ich möchte, dass jeder in seinem Bereich soviel lernt, wie er eben lernen kann. Und dafür braucht er auch einen vernünftigen Stundenplan, und dafür braucht er auch vernünftige Lehrer, die auch nicht sagen: ‚Der kann das eh nicht!', sondern die dann eben soviel beibringen, wie man beibringen kann. Und da ist jeder Mensch gleich viel wert."

Johanna von Schönfeld: "Ich habe schon viele Schulbetriebspraktika gemacht. Auch in der öffentlichen Werkstatt.
Das stelle ich mir für mein Leben nicht so vor. Ich würde gerne in einer Kindereinrichtung arbeiten. Da würde ich gerne mitzupacken und zeigen, was ich kann.
Können Sie unterstützen, dass so was an Arbeitsplätzen sinnvoll klappen kann?"

Hubert Hüppe: "Ich will es auf jeden Fall unterstützen, wo es immer geht. Ich möchte natürlich, dass viele, viele Menschen nicht nur zusammen zur Schule gehen, sondern auch zusammen arbeiten. Ich glaube, wenn mehr Leute miteinander schon gelernt haben, in der Schule, im Kindergarten, dann weiß man (irgendwann) überall, wie man miteinander umgeht. Dann glaube ich, dass auch viel mehr (Menschen) eine Chance haben auf dem ersten Arbeitsmarkt und nicht in einer besonderen Werkstatt.
Wenn jemand in die Werkstatt geht, kostet das ja auch Geld. Das nennt man Eingliederungshilfe. Dafür wird Geld bezahlt, das bekommt diese Einrichtung. Ich stelle mir vor, dass Sie zum Beispiel sagen: Ich will lieber woanders arbeiten, gebt mir doch das Geld. Dann gehe ich mit diesem Geld zu einem anderen Arbeitgeber. Meinetwegen zu einem Kinderheim oder einem Kindergarten und sage: Hier, ich habe auch ein bisschen Geld mitgebracht, ihr tut noch was für meine Arbeit drauf, und davon kann ich leben. Dann geht das. Ich hoffe, dass man dadurch noch viele  Arbeitsplätze schaffen kann und dadurch, dass Sie (zeigt auf Johanna von Schönfeld) dann vielleicht auch ihren Traum wahrnehmen können, dort zu arbeiten. Oder ich weiß ja nicht, wo Sie arbeiten wollen, in einer Jugendherberge oder anderswo."

Johanna von Schönfeld: "Später in der Zukunft möchte ich mit einem Partner zusammenleben und es sollte dafür Wohnunterstützer geben, z. B. verschiedene Einrichtungen, die da beruflich arbeiten. Können Sie dafür sorgen, dass es so etwas gibt?"

Hubert Hüppe: "Ich persönlich kann das nicht, ich kann so was immer nur fordern. Ich bin ja Behindertenbeauftragter.
Das heißt, ich muss mich für das einsetzen, was Menschen mit Behinderung betrifft. Ich kann jetzt zum Beispiel sagen: Die meisten Leute wollen jetzt vielleicht alleine leben. Die wollen nicht mit 30 anderen zusammen leben. Das würde ich auch nicht wollen, ich persönlich. Es gibt Menschen, die können alleine leben, ich glaube auch mehr, als es bisher tun. Und es gibt welche, die brauchen Unterstützer. Und das muss auch sein. Man muss das üben und lernen, das Alleine-Leben. Dafür müssen wir dann natürlich auch Leute haben. Das heißt, die arbeiten dann nicht mehr in dem Wohnheim, sondern die unterstützen Sie (zeigt auf Johanna von Schönfeld) und dann möglicherweise auch Ihren Partner, wenn Sie einen haben und sagen: Ok, aber nur soweit wie nötig. Also nicht, dass man sagt: Ich hab keine Lust, ich will nicht mehr kochen. Sondern dass man für die Dinge, die man wirklich selber nicht kann und die man auch nicht lernen kann, dass man da jemanden hat, der einen unterstützt.
So kann jeder unabhängig arbeiten. Das wird auch nicht teurer, die Heime sind ja auch sehr teuer. Und Sie werden viel selbstständiger und könnten dahin gehen, wo Sie wollten und müssen nicht um 10 Uhr zu Hause sein. Und vielleicht gehen Sie mal nach Hause, und vielleicht aber auch nicht nach Hause. Mal wollen Sie vielleicht auch die Verwandten besuchen, und mal sagen Sie auch: Nö, da habe ich jetzt aber keine Lust zu. Ich will jetzt zum Fußball oder tanzen oder sonst was."

Julian Göpel: "Herr Hüppe, was möchten Sie in den nächsten vier Jahren genau erreichen?"


Hubert Hüppe
: "Ich möchte erreichen, dass eben tatsächlich mehr Menschen eine gemeinsame Lebenswelt haben. Dass man in einer Welt lebt, dass mehr Menschen zusammen arbeiten, lernen, spielen. Das ist schon eine ganze Menge! Und dann gibt es das Thema noch mit den Ansprüchen ..."

Julian Göpel: "Ja, wir brauchen manchmal Unterstützung, wir haben auch Ansprüche."

Hubert Hüppe: "Das Problem ist eigentlich nicht der Anspruch. Den hat man, der steht auch so im Gesetz. Aber wenn man dann zur Behörde kommt und sagt: Hier, ich habe im Gesetz gelesen, ich kriege das und das, dann sagen die: Moment mal, Sie sind hier gar nicht richtig. Ich schick Sie mal woanders hin. Und wenn Sie dahin kommen, dann sagt der: Ne, ne, hier sind Sie nicht richtig. Ich schick Sie woanders hin. Dann kommt man von einem zu anderen und jeder sagt, er sei gar nicht der Richtige, er sei gar nicht zuständig. Und oft wird das solange gemacht, bis man irgendwann aufgibt. Deswegen möchte ich, dass man eine Stelle schafft, die einem hilft und berät, und einem erklärt, was man für Ansprüche hat. Eine Stelle, die einen nicht sofort wieder wegschickt. Die hilft, dass man das, was man braucht auch bekommt. Das ist eins meiner Hauptziele. "

Hubert Hüppe: "War das heute so in Ordnung, was ich gesagt habe? War das zu schwierig? Konnten Sie das verstehen?"

Johanna von Schönfeld: "Ich hab das gut verstanden, was Sie gesagt haben. Und ich bin damit einverstanden."

Svenja Giesler: "Es geht mir schon jedenfalls viel besser. Mir geht's jedenfalls besser, auf jeden Fall. Ich hoffe auf Veränderung!

Angela Fritzen: "Wir bedanken uns für das Gespräch."

Hubert Hüppe: "Mir hat's Spaß gemacht, danke auch."

Tobias Wolf: "Thank you, Mr. Hüppe, for coming."


Einen Bericht über das Interview im Bonner General Anzeiger und die komplette Version des zweistündigen Gesprächs finden Sie hier:  Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.ohrenkuss-interview.de




 

 


Einige Ohrenkuss-AutorInnen  in einem Kölner Hinterhof.

... mongolisch ist mongolisch und klingt wie mongolisch ...
Ohrenkuss ...da rein, da raus, das Magazin, gemacht von Menschen mit Down-Syndrom gibt es seit mehr als zehn Jahren.
Das Projekt ist einmalig auf der ganzen Welt und mehrfach preisgekrönt.
Es erscheint zweimal jährlich - mit jeweils einem Thema, Texten der bis zu 50 AutorInnen mit Down-Syndrom und professionellen Fotos.
Öffnet externen Link in neuem  Fensterwww.ohrenkuss.de


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Fotos: Peri de Bragança

 

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