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Heiliger Strohsack: Geschichten vom Heiligen des Monats, März.
17. März: Gertrud von Nivelles
Schöne Geschichten für das Unterbewusstsein bzw. die archaische Psyche. Das katholische Christentum und insbesondere der rheinische Katholizismus bietet mit seinen unzähligen Heiligen einen ähnlich guten spirituellen Service wie unser altes Kelten- und Germanentum (zum großen Teil wurden deren (Natur-) Gottheiten dem spröden Monotheismus zunutze gemacht).
Festtag: 17. März 659 (Todestag)
Schutzpatronin der Reisenden und Pilger (auch reisender Gesellen) sowie der Gärtner (besonders gegen Mäuseplagen)
Noch dominiert in der Öffentlichkeit der männliche Blick auf die Leben von Frauen. Einfache Nonnen stopft man in die Schublade "verhärmt, weltfremd, im Kloster dahingedämmert", zu reichen Äbtissinen assoziiert man "von der Familie in den goldenen Käfig abgeschoben, langweiliges und nutzloses Leben hinter hohen Mauern". - Immer unausgesprochen im Hinterkopf: ein Leben ohne Mann, das kann ja nichts sein.
Im Februar hat uns das arme Mädchen Brigida schon gezeigt, wie viel Frauenpower in Nonnen steckt - jetzt im März werfen wir einen Blick auf die Upperclass.
Gertrud wurde 626 irgendwo im heutigen Belgien in die damalige Hochpolitik hineingeboren. Ihre Familie mischte überall mit - sie selbst ist die Ur-Ur-Großtante Karl des Großen. Mädchen ihrer Herkunft wurden zwar nicht so billig verschachert wie Brigidas Mutter, aber verschachert wurden sie doch. Die Versuchung war einfach zu groß: ein Fleckchen Land billig zu erheiraten, statt es teuer zu erobern ... so verplante man kleine Mädchen (und die Mütter gleich mit, wenn sie Witwen wurden). Und bist Du nicht willig, so brauch ich Gewalt.
So weit die Macho-Theorie - und leider häufig auch die Praxis.
Aber Frauen sind ja nicht dumm. Als es für Gertrud und ihre Mutter 640 brenzlich wird (der Politikergatte stirbt und Gertrud wird 14, also "mannbar"), ziehen beide in trauter Einigkeit die Reißleine. Mutter und Tochter gründen ein Kloster und werden dessen erste Bewohnerinnen. So behalten Sie ihren Besitz, brauchen sich nicht irgendeinem nach selbigem schielenden Tuppes zu unterwerfen, bleiben Chef im eigenen Haus und können ihren Neigungen nachgehen. Gertrud ist nämlich ein schlaues Kind, sie liest: was damals selbst mancher Priester nicht konnte (der hatte das Allernotwendigste halt auswendig gelernt). Sie baut eine Bücherei auf, lässt sogar Bücher aus dem fernen Rom kommen. Nach dem Tod der Mutter wird Gertrud mit 26 Jahren Äbtissin des Klosters und wirkt tatkräftig. Sie engagiert sich für den Unterricht ihrer Nonnen (die später auch heiliggesprochene Amelberga ist ihre Schülerin), unterstützt Arme, Witwen, Waisen und Gefangene, baut den mittellosen irischen Wandermönchen, die den einfachen Leuten die neue Botschaft der Liebe bringen, ein kleines Krankenhaus.
Als Gertrud mit 33 Jahren stirbt (im Mittelalter lebte und stirbt man schneller ...), hat sie ein Frauenkloster in Gang, Licht ins Dunkel und viele Köpfe gebracht, ihr Ding gemacht. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es - Gertrudentag ist ein prima Tag, um ein erstes Mal im Garten rumzuwuseln und der jungen, energischen Patronin der Gärten zu gedenken.
P.S.: Aus dem Krieg gegen Napoleon hat sich eine schöne Geschichte zu unserer Heiligen überliefert:
Da die Legende erzählt, Gertrud hätte einmal eine Mäuseplage mit ihrem Gebet abgewendet, gehören oft Mäuse zu ihren Attributen. Als sich nun 1815 ein siegestrunkener, übermütiger protestantischer preußischer Offizier von einem Einheimischen in Luxemburg durch die Kathedrale führen ließ (und natürlich alles für katholischen, abergläubischen Mumpitz befand), entsetzte ihn eine geschnitzte Figur der Gertrud besonders, da an deren Äbtissinnenstab kleine vergoldete Mäuse als Dank für abgewandte Plagen angebracht waren. "Ja guter Mann: glauben sie denn tatsächlich an so einen zum Himmel schreienden Unsinn ?!" - "Nicht wirklich, Herr Offizier: sonst hätten wir schon längst auch ein paar kleine vergoldete Preußen schnitzen lassen."

Peter Kirwel
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