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Die Frage. Nordindische Kürzestgeschichten
Ram Kumar Atrey: Die Frage
Im Dschungel hatte sich eine schreckliche Unruhe ausgebreitet. Es schien, als stünde ein Angriff von außen bevor. Der Löwe zog immer wieder sein Schwert aus der Scheide und überprüfte dessen Schneide. Der Leopard war damit beschäftigt, die Spitze seines Speers noch mehr zu schärfen. Der Elefant zerrte sein Geschütz zu sich heran und machte sein Gewehr schussbereit. Alle übrigen Tiere standen auf Abruf in Soldatenuniform bereit.
Ein Vogel, der den Grund für diese Unruhe in Erfahrung bringen wollte, fragte den Löwen:
"Bruder Löwe, in was für eine Bedrängnis seid Ihr denn geraten, dass Ihr allesamt plötzlich zu den Waffen greift?"
Da gab der Löwe grollend zur Antwort:
"Eine Ameise hat Flügel bekommen."
"Was macht denn Helden wie Euch so etwas zu schaffen? Wird die arme Ameise Euch etwas Schaden zufügen?", fragte der Vogel verängstigt.
"Die Frage ist doch nicht, ob sie irgendeinen Schaden anrichten wird oder nicht. Die Frage ist vielmehr, warum der Ameise Flügel gewachsen sind", versetzte der Löwe zähneknirschend.
Die Kürzestgeschichten aus Nordindien, in ihrer Art zwischen Weisheits- und Schelmengeschichten, haben es uns angetan. Wir freuen uns über die Erlaubnis von Prof. Kapp, sie hier im Heuschrecke-Blog vorzustellen.
Ram Kumar Atrey: Die Frage (1996), aus: Der Schmuck einer Frau. Kürzestgeschichten aus Nordindien. Ausgewählt, aus dem Hindi übersetzt und herausgegeben: Dieter B. Kapp. Shaker Verlag Aachen 2006; S.47
Prof. Dr. Dieter B. Kapp (geb. 1941), Indologe, zuletzt Professor an der Universität Köln, Übersetzer und Herausgeber zahlreicher wissenschaftlicher Werke, aber auch zeitgenössischer Literatur aus den verschiedenen Regionen und Sprachen Indiens. Träger der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Medaille und des Rabindranath-Tagore-Kulturpreises, und Künstler (Fotografie, Digitalkunst, Komposition).
In ein und demselben Boot. Nordindische Kürzestgeschichten
Schahamschah Alam: In ein und demselben Boot
Der Löwe grollte, starrte die Gazelle mit einem blutrünstigen Blick an und zog sich dann unversehens, ohne der Gazelle etwas angetan zu haben, in die Dunkelheit seiner Höhle zurück.
Beide saßen in ein und demselben Boot ...
Draußen lag ein Mensch auf der Lauer.
Die Kürzestgeschichten aus Nordindien, in ihrer Art zwischen Weisheits- und Schelmengeschichten, haben es uns angetan. Wir freuen uns über die Erlaubnis von Prof. Kapp, sie hier im Heuschrecke-Blog vorzustellen.
Sahamsah Alam: In ein und demselben Boot (1989), aus: Der Schmuck einer Frau. Kürzestgeschichten aus Nordindien. Ausgewählt, aus dem Hindi übersetzt und herausgegeben: Dieter B. Kapp. Shaker Verlag Aachen 2006; S.21
Prof. Dr. Dieter B. Kapp (geb. 1941), Indologe, zuletzt Professor an der Universität Köln, Übersetzer und Herausgeber zahlreicher wissenschaftlicher Werke, aber auch zeitgenössischer Literatur aus den verschiedenen Regionen und Sprachen Indiens. Träger der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Medaille und des Rabindranath-Tagore-Kulturpreises, und Künstler (Fotografie, Digitalkunst, Komposition).
Eine klare Anwort. Nordindische Kürzestgeschichte.
Bharatendu Harischtschandra: Eine klare Antwort
Als ein Bettler einen Reichen um Geld anging, sagte der Reiche zum Bettler:
"Hättest Du Dir von den Menschen Fähigkeiten statt Geld gewünscht, so wärst Du ein tüchtiger Mann geworden."
Prompt versetzte der Bettler:
"Ich erbettle nur das von einem Menschen, was ich in ihm sehe."
Die Kürzestgeschichten aus Nordindien, in ihrer Art zwischen Weisheits- und Schelmengeschichten, haben es uns angetan. Wir freuen uns über die Erlaubnis von Prof. Kapp, sie hier im Heuschrecke-Blog vorzustellen.
Bharatendu Hariscandra: Eine klare Antwort (1990), aus: Der Schmuck einer Frau. Kürzestgeschichten aus Nordindien. Ausgewählt, aus dem Hindi übersetzt und herausgegeben: Dieter B. Kapp. Shaker Verlag Aachen 2006; S.101
Prof. Dr. Dieter B. Kapp (geb. 1941), Indologe, zuletzt Professor an der Universität Köln, Übersetzer und Herausgeber zahlreicher wissenschaftlicher Werke, aber auch zeitgenössischer Literatur aus den verschiedenen Regionen und Sprachen Indiens. Träger der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Medaille und des Rabindranath-Tagore-Kulturpreises, und Künstler (Fotografie, Digitalkunst, Komposition).
Der Verrückte. Nordindische Kürzestgeschichte.
Anil Dschanvidschay: Der Verrückte
Die Kürzestgeschichten aus Nordindien, in ihrer Art zwischen Weisheits- und Schelmengeschichten, haben es uns angetan. Wir freuen uns über die Erlaubnis von Prof. Kapp, sie hier im Heuschrecke-Blog vorzustellen.
Sowohl in der heißen als auch in der kalten Jahreszeit als auch während der Regenzeit zieht er in halbnacktem Zustand, nur in Lumpen gehüllt, einfach so umher. Hin und wieder sucht er sich hier und dort eine große Menge kleiner Hölzchen zusammen. Dann arrangiert er sie stundenlang mit großer Sorgfalt. Gleichzeitig murmelt er:
"Bitte nehmen Sie doch Platz, Herr Birla! Setzen Sie sich hierher, neben Herrn Tata! Und Herr Bharatram, lassen Sie sich doch bitte zusammen mit Herrn Dalmiya dort nieder, wo Sahu Sahab sitzt! Pilu Modi wird neben Herrn Atal Platz nehmen. Was? Sollten sie etwas dagegen einzuwenden haben, so gehen Sie doch bitte dorthin und setzen sich zu Tscharansingh! Für Jaggu Bhai dürfte doch wohl dort neben Morarji der passende Platz sein. Der Platz dort in der vorderen Reihe ist für Frau Indira reserviert. Dange dürfte sich wohl neben sie setzen. Ja, und wo Nambudripad und Jyoti Basu zu sitzen wünschen, ist ihnen freigestellt. Kommen Sie und führen Sie für uns mal das Schauspiel auf: ‚Wie sitzt man neben der Gegenpartei?'..."
In dieser Art und Weise redet er so lange, bis die Unmenge der gesammelten Hölzchen nicht mehr das Aussehen eines Hölzchenhaufens hat. Dann holt er Streichhölzer heraus und zündet sämtliche Hölzchen an. Kaum aber fangen die Hölzchen an zu brennen, da gerät er außer sich. Er fängt an, in die Hände zu klatschen, er fängt an, lauthals zu lachen, er fängt an, zu jubilieren, er fängt an, vor lauter Freude zu schreien.
Dann sagen die Leute:
"Er ist verrückt geworden!"
Anil Janvijay: Der Verrückte (1989), aus: Der Schmuck einer Frau. Kürzestgeschichten aus Nordindien. Ausgewählt, aus dem Hindi übersetzt und herausgegeben: Dieter B. Kapp. Shaker Verlag Aachen 2006; S.85
Prof. Dr. Dieter B. Kapp (geb. 1941), Indologe, zuletzt Professor an der Universität Köln, Übersetzer und Herausgeber zahlreicher wissenschaftlicher Werke, aber auch zeitgenössischer Literatur aus den verschiedenen Regionen und Sprachen Indiens. Träger der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Medaille und des Rabindranath-Tagore-Kulturpreises, und Künstler (Fotografie, Digitalkunst, Komposition).
Die Ziege. Nordindische Kürzestgeschichte.
Sandschay ‚Karunesch': Die Ziege
Die Kürzestgeschichten aus Nordindien, in ihrer Art zwischen Weisheits- und Schelmengeschichten, haben es uns angetan. Wir freuen uns über die Erlaubnis von Prof. Kapp, sie hier im Heuschrecke-Blog vorzustellen.
Der Gesellschaftsreformer hatte eine Familie des Friedens geschaffen, in der neben Tiger, Löwe, Leopard und Gepard auch eine junge Ziege aufgenommen war. Überaus friedlich lagen sämtliche Raubtiere um die Ziege herum, wenn man sie Besuchern vorführte. Ja, sie ließen nicht das geringste Anzeichen von Gewalt oder Feindseligkeit erkennen.
Da erschien eines Tages der Minister Seiner Majestät, um sich die Tiere anzuschauen. Er zeigte sich außerordentlich beeindruckt von der Artigkeit und Friedfertigkeit, die die Raubtiere dank der Bemühungen des Gesellschaftsreformers an den Tag legten.
Schon im Aufbruch fragte er mit einem Mal, ohne dabei sein Erstaunen zu verbergen:
"Schön! ... Aber kommt es unter den Tieren denn niemals zu Reibereien?"
"O nein!" tönte es da aus dem Mund des Gesellschaftsreformers.
"Sie verhalten sich stets so wie jetzt. Allerdings", fügte er hinzu, "muss in der Regel täglich eine neue Ziege beschafft werden."
Ohne eine weitere Frage zu stellen, wandte sich darauf der Herr Minister lächelnd zum Gehen.
Samjay ‚Karunes': Die Ziege (1991), aus: Der Schmuck einer Frau. Kürzestgeschichten aus Nordindien. Ausgewählt, aus dem Hindi übersetzt und herausgegeben: Dieter B. Kapp. Shaker Verlag Aachen 2006; S.177
Prof. Dr. Dieter B. Kapp (geb. 1941), Indologe, zuletzt Professor an der Universität Köln, Übersetzer und Herausgeber zahlreicher wissenschaftlicher Werke, aber auch zeitgenössischer Literatur aus den verschiedenen Regionen und Sprachen Indiens. Träger der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Medaille und des Rabindranath-Tagore-Kulturpreises, und Künstler (Fotografie, Digitalkunst, Komposition).










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