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Paulus (2)
Paulus, Attac, Weltsozialforum
Am 22. Januar erzählte Peter Kirwel in unserer Rubrik "Heiliger des Monats" - passend zum Paulusjahr - auf seine charmante Art die Paulusgeschichte (Feiertag: 25.1.).
Wie aktuell die Geschichte des Paulus heute ist, zeigte uns das Referat, das Theologe und Paulusspezialist Gerhard Jankowski uns daraufhin zusandte.
Die Geschichte erinnerte uns, läßt man mal die Religion beiseite, an unsere heutigen Netzwerke an alternativen Lebensformen. In der Zeitschrift Contraste berichten diese Projekte regelmäßig über sich selbst, im Februar wurde in der Tageszeitung TAZ ein Projekt nichtkommerzieller Landwirtschaft (Lokomotive Karlshof) beschrieben, und auch im Februar war Weltsozialforum in Porto Alegre, wo solche Gruppen dieser Art Ekklesia sich treffen und vernetzen. Die politisch-sozialen Gedanken der Gleichwertigkeit sind dieselben.
Gerhard Jankowski antwortete hierzu: "Mit den Netzwerken liegst Du überhaupt nicht daneben. Die kleinen Zellen, die Paulus rund um das Mittelmeer gegründet hatte, waren Netzwerke, Netzwerke des Widerstands, Keimzellen einer anderen Gesellschaft, Keimzellen auch des Überlebens."
Paulus
Paulus über sich selbst:
... beschnitten am achten Tag,
von Geburt her Sohn Israels, vom Stamm Benjamin,
Hebräer von Hebräern,
Pharisäer der Tora nach,
Verfolger der Ekklesia dem Eifer nach,
untadelig der Gerechtigkeit nach, die durch die Tora kommt.
(Brief an die Philipper 3, 4-6)
Hebräer sind sie? Ich auch!
Söhne Israels sind sie? Ich auch!
Abrahams Söhne sind sie? Ich auch!
Messiasdiener sind sie? Ich auch!
(2.Brief an die Korinther 11,22-23
Gehört habt ihr von meinem ehemaligen Verhalten im Judaismus:
Ich verfolgte die Ekklesia Gottes über das Ziel hinaus und vernichtete sie,
ich ging im Judaismus weiter als viele meiner Altersgenossen in meiner Nation,
besonders war ich ein strenger, hervorragender Zelot für die Überlieferungen meiner Väter.
(Brief an die Galater l,13-14 )
Paulus,
Sklave des Messias Jesus,
gerufener Gesandter
(Brief an die Römer 1,1)
Die Apostelgeschichte über Paulus:
Als sie aber hörten,
dass er (Paulus) sie in der hebräischen Sprache anredete,
gaben sie Ruhe.
Er sagte:
Ich bin ein Judäer,
geboren in Tarsos in Kilikien,
aufgewachsen in dieser Stadt (Jerusalem),
unterrichtet zu Füßen Gamliels
nach der genauen Bestimmung der Tora der Väter,
ein Zelot Gottes wie ihr, ihr alle, es heute auch seid.
(Apostelgeschichte 22, 2-3)
Der Tribun kam hinzu und sagte zu ihm (Paulus):
Sag mir, bist du Römer?
Der sagte: Ja!
Der Tribun antwortete: Ich habe für viel Geld dieses Bürgerrecht gekauft.
Paulus sagte: Ich bin darin geboren!
(Apostelgeschichte 22, 27-28).
1
Scha'ul, Saulos/Saulus, Paulus. Scha'ul, ein jüdischer Name in hebräischer Schrift, Saulos/Saulus, die griechische bzw. lateinische Umschrift dieses Namens, Paulus, ein lateinisches Cognomen, gewählt wegen der klanglichen Übereinstimmung mit der griechischen Umschrift - schon dieser Name zeigt, auf was wir zu achten haben, wenn wir uns mit dem Mann befassen, der diesen Namen trägt. Er ist Jude, er verkehrt in einer Umwelt, in der Griechisch gesprochen wird, und er lebt in einer Gesellschaft, die vom Imperium Romanum bestimmt ist.
Paulus ist Jude. Alles das, was einen Juden ausmacht, zählt er in seinen seltenen Selbstzeugnissen auf: er ist beschnitten, er ist ein Sohn Abrahams, er gehört zum Volk Israel von Geburt an. Untadelig hat er das von der Tora Gebotene eingehalten. Und er ist der hebräischen Sprache mächtig.
Seine Briefe hat er in Griechisch abgefasst. Das war die Verkehrssprache im Osten des Imperiums, in dem er fast ausschließlich unterwegs war. Es ist ein nicht gerade klassisch zu nennendes Griechisch, durchsetzt von Hebraismen. Je mehr man sich in dieses Griechisch einliest, desto mehr merkt man, dass hier einer hebräisch denkt, aber griechisch schreibt.
Nur die Apostelgeschichte des Lukas erwähnt, dass Paulus in Tarsos, aus der Sicht eines Juden in der Diaspora gelegen, geboren ist, mit jungen Jahren nach Jerusalem kam und dort später Schüler Raban Gamliels wurde. Der war einer der berühmtesten Lehrer seiner Zeit und Führer der Pharisäer. Mit dieser Notiz will Lukas unterstreichen, dass Paulus der Partei der Pharisäer angehört hat. Ebenfalls erwähnt nur Lukas, dass Paulus das römische Bürgerrecht besaß. Gerade diese Behauptung des Lukas ist zu hinterfragen.
Es kam zwar vor, dass Juden sehr vereinzelt das römische Bürgerrecht erwarben, sich jedoch dann völlig vom Judentum abwandten. So z.B. Tiberius Alexander, einer der Prokuratoren Judäas und im Jüdischen Krieg Generalstabschef unter dem späteren Kaiser Titus. Nie würde jedoch ein Pharisäer, wie Paulus einer war, daran denken, römischer Bürger zu werden. Denn die standen zu Teilen in Opposition zu den Römern. Vor allem aber der radikale Flügel der Pharisäer hielt zu anderen radikalen Gruppen Kontakt. Die Gruppen nennt man Zeloten (eigentlich Eiferer). Sie waren auch bereit, den bewaffneten Kampf gegen die Römer zu wagen. Paulus hat sich nach dem Selbstzeugnis in Gal 1,13f zu ihnen gerechnet oder zumindest mit ihnen sympathisiert.
Für Lukas aber muss Paulus nach Rom kommen, um dort, im Zentrum der Macht, sein befreiendes Programm auszurufen. Und deswegen legt er ihm das römische Bürgerrecht zu. Denn ein römischer Bürger kann, falls er eines Vergehens beschuldigt wird, die kaiserliche Appellationskammer anrufen. Und genau das lässt Lukas den Paulus tun. So kommt er nach Rom.
Wahrscheinlich ist Paulus irgendwo in der Diaspora geboren und später nach Judäa gegangen, um sich dort dem radikalen Flügel der Pharisäer anzuschließen und für deren Programm zu agitieren.
2
Die Partei der Pharisäer, hebr. Peruschim, übersetzt die Abgesonderten, hatte ihren Ursprung in den Widerstandsbewegungen der Makkabäerzeit (160 - 130 v. Chr.). Zunächst ein Orden, der strikt nach den Geboten der Tora lebte, wurden die Pharisäer seit der Eroberung Judäas durch die Römer zu einer Partei. Ihr Programm liegt schon in ihrem Namen: Absonderung von allem Nichtjüdischen.
Sie wollten als Juden im eigenen Land nach dem eigenen Gesetz, griechisch autos nomos, leben. Das eigene Gesetz ist die Tora. Sie strebten also nach Autonomie in dem von den Römern eroberten Land. Autonomie versuchten sie durch Verhandlung zu erreichen.
Offenen Widerstand gegen die Römer lehnten sie ab; ebenso lehnten sie aber eine Anpassung an die damalige hellenistisch-römische Lebensart strikt ab. Ihr ganzes Leben war von der Tora bestimmt. Um die Gebote der Tora zu erfüllen, musste man sie genau kennen und wissen, wie sie anzuwenden waren. So begannen sie verbindliche Richtsätze aufzustellen, nach denen jüdisches Leben geführt werden konnte.
Die Richtsätze, zuerst mündlich überliefert, später auch schriftlich fixiert, nannte man halachische Gebote oder auch Halacha.
3
Neben den Pharisäern sammelten sich vor allem in Galiläa kleinere Widerstandsgruppen. Galiläa war ein Gebiet mit einer ausgepowerten Bevölkerung, die es sich gar nicht leisten konnte, die Gebote der Tora im alltäglichen Leben zu beachten. Diese Gruppen propagierten, dass man auf jüdische Art erst leben könne, wenn die Römer aus dem Land vertrieben wären. Im Denken und in der Politik dieser Gruppen spielte die Hoffnung auf den Messias eine große Rolle. Der Messias, eine Königsgestalt, wird im Auftrag Gottes das Volk von allen Feinden, auch von den Römern befreien, so hieß es. Nach der Befreiung werden nicht mehr Menschen über Menschen herrschen. Dann kann jeder auch nach der Tora leben. Das Kommen des Messias war aber schon jetzt aktiv vorzubereiten.
Die Gruppen, die dieser Politik anhingen, nennt man Zeloten, Eiferer, heute würden wir Radikale sagen. Der jüdische Historiker Flavius Josephus (38-100 u. Z.) nennt sie Banditen und Terroristen. Anführer der radikalen Gruppen wurden zum Messias ausgerufen. Einige von ihnen wurden von den Römern verhaftet und hingerichtet. Die Pharisäer lehnten die Politik der zelotisch-messianischen Gruppen vehement ab. Für sie waren sie politische Abenteurer, die das Volk nur in eine Katastrophe führen konnten.
Für den Pharisäer Paulus wird der Kampf gegen diese Art von Messianismus zur Hauptaufgabe. Das wird aus seinem Selbstzeugnis in Gal 1,13f deutlich. Er hat sich im Kampf für den Judaismus hervorgetan und sich für die radikale Einhaltung der väterlichen Traditionen eingesetzt. Dabei ist er besonders fanatisch gegen eine Gruppe vorgegangen, die in dem Rabbi Jeschua (Jesus) aus Galiläa den Messias erkannt hatte. Kahal oder kehila, Versammlung, die Herausgerufene, nannte sich diese Gruppe selbst. Wahrscheinlich war es Paulus, der diese Gruppierung als ekklesia bezeichnete. Ekklesia ist wörtliche Übersetzung von kahal, stimmt aber auch im Wortklang mit dem hebräischen Wort überein.
4
Schüler des Rabbi Jeschua hatten sich zunächst in Jerusalem und in der Umgebung der Stadt in kleinen Gemeinschaften zusammengefunden. Aber auch in den Dörfern Galiläas und im Grenzgebiet zu Syrien bildeten sich messianische Gruppen, die egalitär lebten und untereinander zu unbedingter Solidarität verpflichtet waren. Die Gruppe in Jerusalem war stark von der Familie Jeschuas beeinflusst, besonders von seinem Bruder Jaakov sowie von einem seiner ersten Schüler, Schimon mit dem Beinamen Kephas, gr. Petros, Fels.
Nun war Jeschua von den Römern gekreuzigt worden. Nach der Kreuzigung ihres Messias hatten sich diese Gruppen nicht aufgelöst. Sie behaupteten, dass der Gekreuzigte von den Toten auferstanden sei. Totenauferstehung, so heißt es in der jüdischen Tradition, ist gleichzusetzen mit einer neuen Schöpfung. Damit bezeugten diese Messianisten, dass eine neue Schöpfung, eine neue Lebensordnung ohne gewaltsamen Tod möglich ist.
5
Das Gebiet, in dem Paulus gegen den Messianismus agitierte, war wahrscheinlich das Grenzgebiet zwischen Galiläa und Syrien. Dort hat er wohl zu einer der Gruppen engeren Kontakt bekommen. Dabei muss ihm aufgegangen sein, dass er einer verkehrten Politik anhing. Er verlor völlig seine Orientierung. Die Apostelgeschichte hat das breit und dramatisch in der so genannten Damaskusszene ausgemalt (Apg 9,1-19). Was da passiert ist, wird gewöhnlich als eine Bekehrung verstanden und zwar vom Judentum zum Christentum. Um diese Bekehrung besser zu verstehen, muss man auf ihn selber hören. In Gal 1,11-17 schreibt er:
Ich gebe euch aber zu wissen:
die gute Botschaft, von mir als Bote gebracht,
ist nicht von einem Menschen hergeleitet
noch bin ich darin geschult worden,
sondern ich empfing sie durch eine Offenbarung von Jeshua, dem Messias.
Gehört habt ihr ja von meinem ehemaligen Wandel im Judaismus:
Ich verfolgte die Ekklesia Gottes über das Ziel hinaus und vernichtete sie,
ich ging dabei im Judaismus weiter als viele meiner Altersgenossen in meiner Nation,
besonders aber war ich ein strenger, hervorragender Zelot für die Überlieferung meiner Väter.
Als es aber Gott gefiel,
der mich aus meiner Mutter Leib bestimmt und durch seine Gnade gerufen hat,
seinen Sohn durch mich zu offenbaren,
dass ich ihn unter den Gojim als gute Botschaft bringe,
wandte ich mich nicht an Fleisch und Blut.
Ich ging auch nicht zu den Gesandten, die vor mir waren, nach Jerusalem hinauf,
sondern ich ging in die Arabia
und kehrte wieder nach Damaskus zurück.
Daraus wird deutlich:
1. Was er als befreiende Botschaft zu sagen hat, ist nicht von einem Menschen hergeleitet, d. h. es ist nicht in einer der Traditionsschulen entwickelt, in den er studiert hatte. Vielmehr wurde er auf einen eigenen Weg gebracht, unabhängig von der in Geltung stehenden Überlieferung. Das wird er gerade in der Auseinandersetzung mit seinen Kritikern immer wieder betonen. Er ist überzeugt davon, dass er wie auch immer direkt vom Messias berufen wurde. Aber, und das ist genauso wichtig, seine neue Sicht stimmt mit der Tora überein. Denn nachdem er seine Berufung erkannt hat, zieht er sich für drei Jahre völlig zurück, um sich über darüber klar zu werden. Drei Jahre lang dauerte damals der Zyklus der Toralesung. Er hat also seine neue Sicht an der Tora überprüft.
2. Er gibt sein ehemaliges Verhalten, seinen radikalen und fanatischen Kampf für den Judaismus auf und wendet sich dem Messianismus zu, den er verfolgt hatte. Keine Abkehr vom Judentum also und erst recht keine Bekehrung zum Christentum, wohl aber eine totale Distanzierung von einem radikalen Judaismus, der darauf gerichtet war, das Judentum vom herrschenden Hellenismus abzugrenzen. Judaizein, zu Juden machen, war dessen Parole, wie wir ebenfalls aus dem Galaterbrief erfahren, und das hieß in letzter Konsequenz, erst wenn alle Nichtjuden zu Juden gemacht worden sind, kann man als Jude in dieser Welt leben.
3. Die Berufung geschah in einer Offenbarung. Offenbart wurde ihm, dass die befreiende Botschaft des Messias nicht nur unter Juden zu verkündigen war, sondern vor allem unter den Nichtjuden, den Gojim. Sie sollen, ohne Juden zu werden, mit hineingenommen werden in die befreienden Hoffnung Israels.
So wird aus einem, der im Auftrag der Partei der Pharisäer unterwegs war, ein beauftragter Gesandter, gr. apostolos, Apostel, des Messias und aus einem radikalen Kämpfer gegen den Messianismus einer seiner eifrigsten Befürworter. Es ist freilich ein Messianismus, der konträr zu dem steht, was in der jüdischen Tradition über den Messias gedacht wurde.
In 1 Kor 1,23 schreibt Paulus:
Wir rufen einen gekreuzigten Messias aus,
für Juden ein Skandal,
für die Gojim eine Dummheit,
aber für die, die gerufen sind,
für Juden und Griechen,
den Messias als Kraft Gottes und als Weisheit Gottes.
Der Messias ist der Befreier, der die Feinde Israels endgültig besiegen wird. Folglich kann ein gekreuzigter, ein gescheiteter Messias kein Messias sein. So vom Messias zu reden ist für Juden ein Skandal, für Nichtjuden schlichter Schwachsinn. In Rom hat man in einer Katakombe ein Grafitto gefunden, das einen Gekreuzigten mit einem Eselskopf darstellt, davor eine betende Gestalt, darunter steht geschrieben: Gaius betet seinen Gott an. Wer wird seine Hoffnung auf einen Gekreuzigten setzen? Das ist reiner Blödsinn!
Paulus muss bei seiner Berufung aufgegangen sein: messianische Bewegungen können in einem Winkel des Imperiums zeit- und teilweise Erfolg haben, aber sie sind angesichts der herrschenden militärischen Übermacht der Römer zum Scheitern verurteilt. Die Kreuzigung Jeschuas und anderer, die zum Messias ausgerufen worden waren, macht das sehr deutlich.
Dennoch ist ein befreites Leben möglich. Denn der gekreuzigte Messias ist aus den Toten auferweckt worden, und das heißt, dass ein neues Leben in einer neuen Weltordnung nicht undenkbar ist. Das muss unter allen Völkern im gesamten Imperium und nicht nur in einem abgelegenen Landstrich bekannt gemacht werden. Denn alle sollen an der neuen Weltordnung teilhaben, Juden und Nichtjuden, die ganze Menschheit.
Woran aber wird erkennbar, dass der gekreuzigte Messias aus den Toten auferstanden ist? In seinem Leib. Ihr seid ein Leib des Messias, heißt es in 1 Kor 12,27. Ihr, das sind Juden und Nichtjuden in der Ekklesia. Sie, Juden und Nichtjuden, verkörpern den Leib des Messias. In ihrem Zusammenleben zeigen sie, dass eine neue Menschheit möglich ist, eine geeinte und nicht mehr eine zerrissene und versklavte Menschheit. So bildet der Leib des Messias, der in der Ekklesia Gestalt annimmt, die Keimzelle einer neuen Menschheit und einer neuen Weltordnung.
6
Vor allem in den Städten Kleinasiens und Griechenlands haben Paulus und seine Mitarbeiter solche messianischen Gemeinden ins Leben gerufen. Alle sind sie auf dem Boden der jüdischen Gemeinden dieser Städte entstanden, nicht zuletzt deswegen, weil Paulus die Sympathisanten des Judentums im Umkreis der jüdischen Gemeinden, die so genannten Gottesfürchtigen, gewinnen konnte. Sie konnten nun zu Israel gehören, ohne Juden zu werden und das hieß, sich beschneiden zu lassen. In diesen kleinen Ekklesiai lebten Juden und Nichtjuden gleichberechtigt zusammen. In 1 Kor 7,18 heißt es dazu:
Ist jemand als Beschnittener gerufen worden,
soll er sich nicht eine Vorhaut verpassen,
ist jemand mit Vorhaut gerufen worden,
soll er sich nicht beschneiden lassen.
Darüber ist es zwischen Paulus und der Gemeinde der Brüder in Jerusalem zum Streit gekommen, der nur mühsam durch einen Kompromiss beigelegt werden konnte, wie wir aus dem Galaterbrief und der Apostelgeschichte wissen. Dazu werden wir gleich noch kommen.
Für Paulus ist das, was Juden und Nichtjuden trennt, aufgehoben. So heißt es im Brief an die Galater 3, 26-28:
Ihr seid alle Gottes Söhne
durch das Vertrauen im Messias Jesus.
Denn wenn ihr alle auf den Messias hin getauft seid,
habt ihr den Messias angezogen.
Da ist weder Jude noch Grieche,
weder Sklave noch Freier,
weder männlich noch weiblich.
Denn ihr alle seid eins im Messias Jesus.
Die Gegensätze, die die damalige Gesellschaftsordnung bestimmen, sind aufgehoben. An erster Stelle steht für Paulus der Gegensatz zwischen Juden und Griechen. In den hellenistischen Städten mit relativ großen jüdischen Minderheiten, war es Juden von den römischen Behörden erlaubt, ein so genanntes politeuma, ein relativ eigenständiges Gemeinwesen zu organisieren, das mit gewissen Privilegien ausgestattet war. Das führte immer wieder zu Konflikten, die teilweise in antisemitische Tumulte ausarteten. Paulus sah wohl die Gefahr, dass dieser Gegensatz zwischen Juden und Griechen in eine Katastrophe führen konnte.
Der zweite Gegensatz ist der zwischen Sklaven und Freien. Hier war die römische Gesellschaftsordnung berührt, deren Ökonomie auf Sklaverei beruhte. Propagiert Paulus die Aufhebung des Gegensatzes von Sklaven und Freien, so stellt er die römische Gesellschaftsordnung in Frage.
Der dritte Gegensatz, den Paulus in der Ekklesia aufgehoben sieht, betrifft den herrschenden Patriarchalismus sowohl in der hellenistisch-römischen als auch innerhalb der jüdischen Gesellschaft. In den Berakhoth (Segenssprüchen) des jüdischen Morgengebetes heißt es: Ich danke dir Adonai, König der Welt, dass du mich nicht gemacht hast als einen Goij, dass du mich nicht gemacht hast als einen Sklaven, dass du mich nicht gemacht hast als eine Frau. Das betete ein jüdischer Mann, der Gott dafür dankt, dass er mit der Tora umgehen darf. Allein ein jüdischer Mann darf das. Frauen, Sklaven und Nichtjuden haben dieses "Vorrecht" nicht.
Einheit der Verschiedenen, Zusammenleben von Menschen, gleichberechtigt ohne Abgrenzungen, getragen von Solidarität untereinander, das ist die Vision des Paulus. Sie nimmt Gestalt an in der Ekklesia, die der Leib des Messias ist.
7
Wie aber sieht das in der Praxis aus, wenn Juden mit Nichtjuden zusammen leben sollen? Für Juden ist das fast unmöglich, weil die Tora und deren verbindliche Auslegung, die Halacha, ihnen den Verkehr mit Nichtjuden zum größten Teil verbieten. Um ihn dennoch zu ermöglichen, hatten die Nichtjuden die so genannten Kardinalgebote zu beachten. Das waren:
1. sich von der Verehrung anderer Götter fernhalten, wozu auch gehört, kein Fleisch zu verzehren, das den Göttern geopfert wurde;
2. kein Blut essen oder vergießen;
3. sich von Hurerei fernhalten.
So war es im Kompromiss vereinbart worden, den Paulus mit der Führung der Brüdergemeinde in Jerusalem ausgehandelt hatte. Darüber hinaus hat Paulus so etwas wie eine messianische Halacha für das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden in der Ekklesia entwickelt. Das wird erkennbar, wenn er Weisung für die Gestaltung des gemeinsamen Lebens mit Formeln wie ich ordne an oder das ist ein Gebot des Herrn einleitet.
Halachische Gebote, besonders die Speisegebote, die das Zusammenleben zwischen Juden und Nichtjuden verhindern konnten, hat Paulus bewusst außer Geltung gesetzt. So war es Juden verboten, an Essen teilzunehmen, die von Nichtjuden ausgerichtet wurden, weil die Möglichkeit bestand, dass die angebotenen Speisen unrein waren. Um zu zeigen, dass es nichts mehr Trennendes zwischen Juden und Nichtjuden gab, stand im Zentrum des gemeinsamen Lebens ein gemeinsames Mahl, von Paulus das messianische Mahl genannt, zu dem die Ekklesia sich wahrscheinlich wöchentlich an dem Tag traf, an dem sie der Auferstehung des Messias gedachte. Dieser Tag galt für sie als der Tag eins einer neune Schöpfung.
Es heißt, dass Paulus mit solchen Grenzüberschreitungen in Bezug auf die Tora, die Tora überhaupt aufgegeben und sich dadurch vom Judentum getrennt hat. Was aber ist Tora?
Tora ist zunächst die am Berg Sinai durch Mosche dem Volk gegebene Weisung für das Leben. Sie sagt ein wahres, erfülltes Leben zu. Sie ist das Leben, wie die Lehrer Israels sagen.
Es waren die Lehrer Israels, die aus der am Sinai gegebenen Tora Regeln entwickelten, damit die einzelnen Gebote der Tora im alltäglichen Leben eingehalten werden können. Diese Regeln, zuerst mündlich überliefert, dann schriftlich fixiert, sind auch darauf gerichtet, jüdische Leben, jüdische Identität zu wahren. Insofern scheiden sie Juden von Nichtjuden. Die Regeln sind, wie bereits weiter oben gesagt, in der Halacha zusammengefasst. Auch sie gilt als Tora. In Mischna-Traktat Aboth ist das so formuliert: Mosche empfing die Tora vom Sinai und überlieferte sie Joschua, , Joschuah den Ältesten, die Ältesten den Propheten, die Propheten den Männern der großen Versammlung. diese sagten drei Dinge: Seid vorsichtig beim Richtspruch, stellt viele Schüler auf, macht einen Zaun um die Tora (mAboth 1,1). Es ist dieser Zaun um die Tora, der Juden von Nichtjuden trennt.
Schließlich sind die ersten fünf Bücher der Schrift Tora.
Um beim letzten anzufangen: Die Tora, wie sie in den ersten fünf Büchern der Bibel aufgeschrieben ist, hat Paulus nie aufgegeben. Er zitiert sie und legt sie aus, um zu begründen, was er vertritt, wobei freilich seine Auslegung der Schrift heterodox ist.
Wie wir gesehen haben, ist der Zaun um die Tora, die Trennwand, wie Paulus auch sagen kann, in der messianischen Ekklesia abgerissen worden. Dennoch bleibt die Tora heilig und gut. Denn sie ist ausgerichtet auf wahres Leben, auf wahre Menschlichkeit. Wer sie tut, wird wahr, hebr. zaddik, gr. dikaios, herkömmlich übersetzt gerecht. Nur, und das hatte Paulus geradezu schmerzhaft erkannt, die Tora kann unter den herrschenden Verhältnissen nicht getan werden, auch nicht, wenn man es will. Das 7. Kapitel des Römerbriefes lässt erkennen, wie sich Paulus zu dieser Erkenntnis geradezu durchgerungen hat. Je mehr man die Tora ernst nimmt, desto mehr erkennt man, dass man das, was man tun soll und auch will, gerade nicht tun kann und auch nicht tut. Ich elender vergewaltigter Mensch, wer wird mich vom Leib dieses Todes befreien, schreibt er am Ende seiner Überlegungen. Dieser verzweifelte Aufschrei zeigt die Hilflosigkeit eines Menschen, der gerechte Verhältnisse will, aber weiß, dass unter den römischen Verhältnissen Gerechtigkeit nicht möglich ist. Paulus folgert, dass gerechte menschliche Verhältnisse nur in einer neuen Weltordnung möglich sind. Erst dann wird auch die Tora wirklich eingehalten werden können. In seinen Worten: telos nomou Christos, herkömmlich übersetzt Christus ist das Ende des Gesetzes, was aber korrekter zu übersetzen ist mit Ziel der Tora: der Messias. Was die Tora ist, nämlich das Leben, kommt im Messias zu ihrem Ziel, zu ihrer Erfüllung. Juden und Nichtjuden, die darauf vertrauen, können endlich und definitiv als wahre Menschen leben. Übrigens begründet Paulus diese These in Röm 10,4ff von der Tora her, indem er Deut 30,11-14 auslegt.
8
Damit Menschen als wahre Menschen leben, beginnen in der Ekklesia Juden und Nichtjuden zusammen zu leben. In ihr bringen sie ihre Begabungen ein und stellen sie in den Dienst aller. Gegenseitige Anerkennung und Solidarität werden zur Richtlinie für das gemeinsame Leben.
Das alles lief nicht reibungslos ab. Es gab Kritik an dieser Praxis, von innen und von außen. Die Briefe an die messianischen Gemeinden in Korinth, Philippi und Galatien geben Zeugnis davon. Und dennoch war Paulus unermüdlich unterwegs, die Botschaft von einem neuen Leben in Gerechtigkeit und Gleichheit unter allen Völkern des Imperiums auszurufen und Menschen in messianischen Gemeinschaften zu sammeln. Um die Weltordnung, die von Rom beherrscht war und die als eine heillose Unordnung erfahren wurde, zu heilen und zu verändern, in der Hoffnung, dass die neue Schöpfung mit einer neuen Menschheit möglichst bald anbrechen werde.
Was kam, war die Katastrophe des Jahres 70 u. Z mit der Zerstörung Jerusalems. Diese Katastrophe traf nicht nur die jüdischen Gemeinden in der gesamten Diaspora, sondern auch die Ekklesia. Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit machten sich breit, nachzulesen z. B. im 10.Kapitel der so genannten syrischen Baruchapokalypse oder auch in der Emmausepisode im 24. Kapitel des Evangeliums nach Lukas. Dennoch begannen bald nach der Katastrophe die der Katastrophe entkommenen Lehrer Israels die jüdischen Menschen rund um die Tora wieder zu sammeln. Und auch die messianischen Prediger waren bald wieder unterwegs, um ihre Gemeinden zu sammeln und zu ermutigen. Davon zeugen die Evangelien nach Markus und Matthäus. Markus weist die verzweifelten und entsetzten Frauen am Grab des Messias an, wieder da neu anzufangen, wo alles einmal angefangen hat, in Galiläa. Im Evangelium nach Matthäus gibt der gekreuzigte und auferstandene Messias seinen Schülern die Weisung, alle Nichtjuden zu Schülern zu machen und sie in dem zu schulen, was er ihnen gesagt hatte.
Ein Schüler des Paulus, uns unter dem Namen Lukas bekannt, lässt in der Apostelgeschichte seinen Lehrer mit der befreienden Botschaft das ganze römische Imperium durchwandern bis hin nach Rom, dem Zentrum der Macht. Für Lukas, den man auch einen messianischen Realisten nennen kann, ist das Projekt des Paulus, die Sammlung von Juden und Nichtjuden in der Ekklesia als der Keimzelle einer neuen Welt und Gesellschaft, nicht erledigt, wenn er ihn in Rom sagen lässt: Den Gojim wurde dieses Befreien Gottes gesandt, und sie werden hören.
Gerhard Jankowski
Siegburg, im Februar 2010
Gerhard Jankowski, pensionierter evangelischer Pfarrer, langjähriger Mitherausgeber der exegetischen Zeitschrift Texte & Kontexte, Veröffentlichungen vor allem zu den Briefen des Paulus.
Heiliger Strohsack: Geschichten vom Heiligen des Monats, Februar.
1. Februar: Brigida / Brigitta von Kildare
Schöne Geschichten für das Unterbewusstsein bzw. die archaische Psyche. Das katholische Christentum und insbesondere der rheinische Katholizismus bietet mit seinen unzähligen Heiligen einen ähnlich guten spirituellen Service wie unser altes Kelten- und Germanentum (zum großen Teil wurden deren (Natur-) Gottheiten dem spröden Monotheismus zunutze gemacht).
Patronin Irlands, der Schwangeren, der Kinder und der Haustiere
Auf den ersten Blick könnte uns die liebe heilige Brigida schnurzpiepe sein: viel zu lange her (1.500 Jahre), viel zu wenig Action (nix besonderes passiert). Frommes Mädchen, noch frömmere Nonne, heilige Äbtissin - ich schlaf gleich ein.
Auf den zweiten Blick zeigt uns die Verehrung der heiligen Brigida, wie offenherzig multikulti die Kirche vorhandene spirituelle Kräfte nicht bekämpft, sondern integriert, ja häuft. Indem man ihren Festtag auf den Tag der gleichnamigen keltischen Muttergöttin legte, den alten keltischen Frühlingsanfang am 1. Februar, wurde diese schöne Tradition bewahrt und weiter ausgebaut - insbesondere noch durch "Mariä Lichtmeß" gleich am Tag darauf. Dieses Fest des wiedererstarkenden Sonnenlichtes findet sich in den Erzählungen, daß Brigida Flammen auf dem Haupt erschienen seien - in ihrer Kirche in Kildare unterhielten noch 700 Jahre später ihre Klosterfrauen ein immerwährendes Feuer zu ihrem Gedächtnis. Selbst heute noch flechten in Irland Kinder zum Brigida Tag kleine Kreuze aus Röhricht, die in der Form an das alte Sonnenrad erinnern. - Reiche vergehen, Völker verschwinden, und die Kirche trägt die Tradition weiter und weiter - man mag das ja unwichtig finden, aber ich rheinischer Katholik steh auf die fette barocke volle Dröhnung. Warum weniger?
Und Drittens wird es knallmodern: im Kleingedruckten der Lebensbeschreibung Brigidas findet sich eine weibliche Emanzipationsgeschichte.
Brigidas Vater war nämlich ein adliger Militärmacho übelster Strickart: obwohl verheiratet, kaufte er sich ihre Mutter, eine Unfreie, als Sexsklavin. Als sein Spielzeug schwanger wurde, verkaufte er es mit Rabatt an irgendeinen Kumpel weiter und fragte nicht weiter danach. Das Mädchen Brigida wird getauft, das Christentum hält Einzug: und gibt Brigida, wie so vielen anderen, die Möglichkeit zur Revolte. Die schöne und intelligente Brigida muss sich nicht wie ihre Mutter verhökern und missbrauchen lassen, ihr bieten sich nun ungeahnte Möglichkeiten. Mit 14 setzt sie durch, Nonne werden zu dürfen und errichtet sich unter einer Eiche - recht hippiemäßig - eine Art Wohnhöhle. Andere stoßen zu ihr: Frauen auf der Flucht vor Männern (die waren damals ja auch nicht besser als heute), Männer auf der Flucht vor dem ewigen Gemetzeln, diesem Dauerblutrausch von Fehde und Blutrache, den sie bis heute nicht so recht sein lassen können. Es werden auf die Dauer mehrere solcher Kommunen, und hätte die Reformation nicht alles platt gehauen, bestünden sie noch heute. - Merke: wo im Mittelalter die Liebe ist, ist Mittelalter Fortschritt. - Und die Neuzeit ? - Nicht zu schnell antworten, die Frage sollte wirken können.
PS (auf unsere Nachfrage)...die heilige Brigida ist eine dieser "Basisheiligen" aus der Zeit der Christianisierung um 500, die einfach vom Volk wegen ihres Vorbildcharakters heiliggesprochen wurden - die offiziellen Heiligsprechungen gab es erst so ab 500 Jahre später. Gilt trotzdem !
Nein, keine wirklich belegten Wunder, kein Martyrium: hier genügte die Coolness eines gelungenen Lebens.
Schutzpatronin der Schwangeren, der Kinder, der Haustiere - und Irlands (zusammen mit Patrick und noch jemandem).

Peter Kirwel
Heiliger Strohsack: Geschichten vom Heiligen des Monats, Januar.
25. Januar: Bekehrung des Heiligen Paulus
Schöne Geschichten für das Unterbewusstsein bzw. die archaische Psyche. Das katholische Christentum und insbesondere der rheinische Katholizismus bietet mit seinen unzähligen Heiligen einen ähnlich guten spirituellen Service wie unser altes Kelten- und Germanentum (zum großen Teil wurden deren (Natur-) Gottheiten dem spröden Monotheismus zunutze gemacht).
Vor 2000 Jahren, türkische Mittelmeerküste. Viel Sand am Strand, die Sonne scheint, das Obst wird süß. Pax Romana, es läßt sich prima leben.
Ein nichtaufdenkopfgefallenes Söhnchen der jüdischen wohlhabenden Mittelschicht, Zelt- oder Tuch- oder Teppichmacher oder -händler, Genaueres gibt die Übersetzung nicht her, will was noch Besseres werden, studiert an der hippen Uni zu Jerusalem Theologie.
Das Sahnehäubchen: man ist Römischer Vollbürger und fühlt sich auch so: the sky is the limit. Keine Sekunde muß der junge Mann überlegen, für welche In-Group sein Herz schlägt: es ist die herrschende Klasse, die Pharisäer, die intellektuelle Elite an den Fleischtöfen, ohne die nichts geht.
"Es ist besser, einer stirbt für das Volk, als das Volk stirbt" sagen sie ("das Volk sind wir") bei einem guten Glas Wein über den Spielverderber Jesus, diesen unberechenbaren Bauerntrampel-Führer aus Galiläa (und Galiläa ist für diese Jeunesse Dorée was die Eifel für Köln ist: Misthaufen, Gummistiefel, Kittelschürzen). Also Schluß mit der Provinzposse und hau weg den Wannabe-King - business as usual.
Ein bißchen Aufräumen ist dann noch noch angesagt: wer nicht hören will muß fühlen. Dem Stephan hauen sie so viele Steine auf den Kopf, daß er gleich liegen bleibt.
Um die Ausbreitung dieser geistigen Pandämie zu verhindern, meldet sich Paulus gern für Syrien. Jugendliche Großmannssucht und das gute Gefühl, etwas für das eigene Portemonnaie zu tun. Die Mächtigen werden sich erkenntlich zeigen.
So reitet er los, aber so kommt er nicht an.
Ein verwirrter Blinder ist es, der schließlich in Syrien um Hilfe bittet: Wirres aus der Wüste erzählt und sich nun zeitlebens als die "Mißgeburt" bezeichnet.
Was lernen wir daraus ?
Erstens, dass der Chef up-in-the-sky reichlich schwarzen Humor hat. Der Killer wird zum Prediger, das ist lustig.
Zweitens, wie schnell man sich verrennt und das Lied "wes Brot ich eß des Fahn´ ich schwenk" für irgendwie moralisch hält.
Drittens: ist nie zu spät, geht auch anders, sicher, auch für uns, für Dich und mich.
P.S. Speziell das Fest "Pauli Bekehrung" ist tatsächlich ein "Fest des Turnaround", der Umkehr: mit der Botschaft "es geht, es ist nie zu spät, mach es, laß Zweifel zu und handele": bei Gott geht alles, da bleibt keiner in seiner Schublade, der nicht will.
OK, für den Februar haue ich dann keinen in die Pfanne, da wird es aufbauend !!
Freundlichst
Peter

Peter Kirwel
Heiliger Strohsack. Geschichten vom Heiligen des Monats, Dezember
28. Dezember: Die heiligen unschuldigen Kinder
Schöne Geschichten für das Unterbewusstsein bzw. die archaische Psyche. Das katholische Christentum und insbesondere der rheinische Katholizismus bietet mit seinen unzähligen Heiligen einen ähnlich guten spirituellen Service wie unser altes Kelten- und Germanentum (zum großen Teil wurden deren (Natur-) Gottheiten dem spröden Monotheismus zunutze gemacht).
Ein von der größten Militärmacht der Welt im Vorderen Orient als
Marionetten-Präsident eingesetzter Warlord regiert mit blanker Gewalt
und übernervös. Bei jedem Schatten von Verrat rollen Köpfe, auch die
der eigenen Familie, Massaker sind Mittel der Innenpolitik. – Nicht
wirklich neu ? Nein, nicht wirklich neu, 2000 Jahre her, der Mann heißt
Herodes, und „homo homini lupus", der Mensch ist des Menschen Wolf.
Als die damalige Sandalen-Stasi meldet, daß es Unruhe wegen eines
angeblich neu geborenen Volkserlösers aus der rechtmäßigen Dynastie
gebe, schickt Herodes eine Einsatzgruppe in die Kernregion von deren
Clan und läßt in und um Bethlehem alle männlichen Kleinkinder
unterhalb des Kindergartenalters töten. Mission accomplished !
Einer aus dem Clan ist mit seinen gastarbeitenden Eltern nach Ägypten
entwischt (auch so ein palästinensisches Dauerschicksal). Den kriegen
sie erst 30 Jahre später: dann aber richtig.
So geht es zu auf der Welt – Fortschritt gibt es nur in der Waffentechnik.
Und da ist die alte Tante Kirche so vorgestrig, einen vernachlässigbaren
Kollateralschaden im „Bemühen um Stabilität in der Region" Jahr für
Jahr als „Fest der heiligen unschuldigen Kinder" zu begehen ? Wo sich
alle anderen doch daran gewöhnt haben, dass Kinder (und Frauen)
immer zuerst dran sind ? Dass niemand, aber auch wirklich niemand,
zivile Opfer zählt ? Und schon gar nicht die Kinder ?
Das sind wirklich wichtige Heilige – und Montag, der 28.12. 2009, könnte
ein prächtiger Tag sein, darüber nachzudenken, wen man heute wählt,
wem man heute Geld schickt, wen man unterstützen und wen man
bekämpfen sollte.

Peter Kirwel
Heiliger Strohsack. Geschichten vom Heiligen des Monats, November
6. November: Heiliger Leonhard (=Lennart, Lenny und Leon)
Festtag: 6.November
Schöne Geschichten für das Unterbewusstsein bzw. die archaische Psyche. Das katholische Christentum und insbesondere der rheinische Katholizismus bietet mit seinen unzähligen Heiligen einen ähnlich guten spirituellen Service wie unser altes Kelten- und Germanentum (zum großen Teil wurden deren (Natur-) Gottheiten dem spröden Monotheismus zunutze gemacht).
Im Speziellen: St. Leonhardsquelle, ein Lieblingswasser der Heuschrecke.
In 2000 Jahren Kirchengeschichte finden sich Verbrecher, Helden des Alltags wie ich und Du - und Heilige. Deren große Schar auseinanderzuhalten helfen die "Attribute": Erkennungszeichen, oft die Marterwerkzeuge (merke: die Guten werden nicht alt). Grauslich schaut das aus: Männer mit dem eigenen Kopf unter dem Arm, flotte Juffern mit einem Dolch im Hals, Jünglinge, von Pfeilen durchbohrt.
Auf uns heutige wirkt das eher leidend, passiv und nicht so richtig sportlich. Wie anders da der heilige Leonhard ! Sein Kennzeichen sind stolz vorgezeigte zerbrochene Ketten - und seine Statuen wirken mitunter recht dritte-welt-revoluzzer-mäßig (fehlt nur die Castro-Cap und die Kalaschnikow - der Bart ist da).
Leonhard war um 500 ein fränkischer Adliger im Umfeld des selbst für fränkische Verhältnisse äußerst blutdurstigen ersten getauften Königs Erst-schlagen-dann-fragen-Chlodwig.
Ihm ging das alles auf den Senkel, und das Christentum mit seiner gänzlich anderen Message schlug bei ihm Funken. Er ließ seine Adelsvorrechte sausen und wurde ein radikaler Nachfolger dieses friedlichen Menschen aus Nazareth. Überzeugter Veganer ! Diakon, Mönch, vor allem Einsiedler und Waldläufer, selber Klostergründer. Ein spirituelles Leben in sehr unspirituellen Zeiten.
Warum er - wie die meisten Guten - nicht längst vergessen ist ? Leonhard hatte halt fränkischen Eroberergeist in den Genen, er brauchte neben dem Gebet auch direkte Action, und zwar reichlich. Seinerzeit war das ganze Frankenreich übersät mit Guantanamos: man führte ständig Krieg, und Kriegsgefangene wurden übelst behandelt. In Ketten geschmiedet, oft schlecht ernährt, den Hofhunden ging es besser als diesen Sklaven. Und Leonhard ging dazwischen, überall, immer wieder: und erreichte mit seinen Amnesty-International-Einsätzen die Freilassung unzähliger Gefangener. Was für eine coole Type !!
Er starb friedlich und steinalt (Veggie !) .Sein Grab findet sich wohlgepflegt in seiner schönen Kirche in Saint-Léonard-de-Noblat nahe Limoges.
Serge Gainsbourg flüchtete sich 1944 erfolgreich an den Ort des Kettenzerbrechers, um der Gefangenschaft der Nazis zu entgehen. Die Power scheint noch zu wirken.
St. Leonhard ist vor allem Schutzpatron der Gefangenen, aber auch der Schwangeren (sein Gebet half der Frau des Königs bei einer Sturzgeburt im Wald) und der Pferde (warum das, weiß ich nicht - aber es gibt sog. "Leonardi-Ritte", Reiterprozessionen).
Peter Kirwel
macht hauptberuflich den Vertrieb bei
Viana/Tofutown.com, und hält nebenberuflich die traditionellen katholischen Prozessionsbräuche (die eigentlich die ganz alten Kulte fortführen) in seinem Eifeldorf am Laufen, auch eine Punkzeit soll es gegeben haben.










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