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Hintergrund: BioFach 2010 - Nachlese
BioFach Messe 2010: Fairer Handel Kernthema
Für die, die sie bisher noch nicht kannten: Die Biofach-Messe (eine reine Fachmesse) findet jedes Jahr im Februar in Nürnberg statt und gilt als Weltleitmesse für Bio-Produkte. Zugelassen sind nur einwandfrei biozertifizierte Lebensmittel, zertifizierte Naturkosmetik und Naturkleidung.

Nach der Verlegung der Biofach Tage auf Mi - Sa anstatt wie bisher Do - So, und der angekündigten gelichteten Reihen der Aussteller- und Besucherzahlen waren wir natürlich gespannt, wie viel tatsächlich los sein würde.
Am Ende der Messe waren wir zufrieden. Es war ruhiger, aber wir hatten mehr Besuche am Stand als letztes Jahr, ein angenehmes Paradoxon...
Unsere Themen dieses Jahr waren: 
- Kinder- und Jugendtees, wo wir altbewährte und ganz neue Teemischungen mit unse ren mittlerweile bekannt-schrägen Namen vorstellten und verkosteten,
- alle Gewürzmischungen gab es in der Verkostung
- unter dem Titel "Komische Kräuter" zeigten wir - zum Anfassen und Schnuppern - seltene Tee- und Gewürzpflanzen, z.T. Spezialitäten aus dem Ayurveda,
- edle Natursalze (unter 97,5% NaCl, und damit gesetzlich nicht unter Speisesalz fallen) konnten probiert werden, wie Fleur de Sel, Hallstattsalz und Urmeersalz,
- und wir stellten das Thema ‚Fair Handeln' heraus. In Fotoalben konnten BesucherInnen unsere Bauern in Indien und Sri Lanka wenigstens über Bilder kennenlernen.
Erfreulicherweise war das Thema Fairer Handel ein
Kernthema der Messe: die Halle 5 war als "Fair-Halle" deklariert, und man traf dort Verbände und Initiativen, Fair-zertifizierte Bio-Unternehmen und Bio-Projekte, z.B. Kleinbauernprojekte aus der ganzen Welt (z.T. mit viel Flair - wie der Afrika-Gemeinschaftsstand).
Die Kommunikations-, Netzwerk- und Marketing-Initiative "Trust Organic Small Farmers" (TOSF) zur Förderung von Bio-Kleinbauernprojekten (Heuschrecke ist Gründungsmitglied) war erstmals mit einem Stand vertreten. Der kleine Stand unter der Leitung von Harald Gruber und Dr. llse Preiss (beide Journalisten, TOSF ist unter dem Dach der von ihnen gegründeten Comundialis-Stiftung) weckte Neugierde und konkretes Interesse an einer Mitgliedschaft bei einigen europäischen Öko-Unternehmen, sowie bei Kleinbauern-Initiativen aus Kroatien, Laos, Vietnam und Indonesien.
Hinter der Gründung von "Trust Organic Small Farmers" stand u.A. der Gedanke, dass Bio-Kleinbauernprojekte, wie nicht nur viele Wissenschaftler, sondern auch der UN-Weltagrarbericht betonen, unabdingbar für die Welternährung und Erhalt der Umwelt sind, und deshalb bei der drohenden Durch-Industrialisierung der Landwirtschaft (Thema Gentechnik und Patentierung von Saaten und Nahrungspflanzen) besonders zu schützen sind. Am Vorabend der Messe fand die 4. Konferenz von "Trust Organic Small Farmers" statt - darüber berichten wir in den nächsten Wochen ausführlich.
Da diese internationale Messe neben dem bekannten Gesicht, nämlich der Beziehung Lieferant/Hersteller - Kunde und der Präsentation von Produkten, noch ein anderes hat, nämlich Vernetzung von Lieferanten, Herstellern und Anbauern untereinander, fand auch unter uns Ausstellern ein stetiges Hin- und Hergewandere statt. Neue Projekte wurden ausgeheckt, A von B mit C bekannt gemacht, wodurch neue Win-Win-Situationen entstehen sollen, eine global-lebendige, oft familiäre Atmosphäre aufrechterhalten.
Die Präsenz von Halle 5 machte es schön deutlich: Bio geht nicht ohne Fair. Und "Fair Handel" verlangt auch, Konkurrenzdenken zu überdenken. Neue Wege dafür, hier wieder die Stichworte Kommunikation und Vernetzung, zu erfinden und auszutesten wird die nächste wichtige Aufgabe für die Naturkostbranche.
Nach 30 Jahren im Bio-Geschäft liegt für uns das Augenmerk wieder wie am Anfang auf Kommunikation - und im Besonderen auf partnerschaftlichen Netzwerken. Darin sind wir weiß Gott nicht müde geworden, lassen uns weiter begeistern. (Es gibt allerdings auch die andere Seite, scharenweise Bio-Leerverkäufer, Händler, keine Produzenten, typischerweise aus Indien, Ägypten und Osteuropa, wo man nur davon ausgehen kann, dass die "Bioware" kurzzeitig vom konventionellen Markt "ausgeliehen" sein könnte. Gut, da profitiert man von der langjährigen Erfahrung und der Analytik, die dem "Umwidmen" im Moment gewachsen zu sein scheint...)
Wenn es auch gelingt, eine gute öffentliche Kommunikation zu installieren, nehmen auch EndverbraucherInnen gedanklich mehr an der Produktion ihrer Bio-Lebensmittel teil. So ist auch die derzeitige Bio-Kodex-Diskussion des Bundesverbands Naturkost Naturwaren sehr sinnvoll.
Wir stellen natürlich auch auf den kleineren und deshalb leichter zu bearbeitenden Fachmessen BioNord (Hannover) und BioSüd (Augsburg) aus. Doch trotzdem ein Appell an die Naturkostfachgeschäfte: es lohnt sich weiterhin (wenigstens alle 2 Jahre), auch die BioFach Messe zu besuchen, um an der Globalität und Vielfalt teilzuhaben, und den ausstellenden Anbauern, Winzern usw., z.T. von weit her, "Referenz zu erweisen".
Ursula Stübner, Heinz-Dieter Gasper
(heupd) Neue Steuern zur Staatsfinanzierung geplant
Von der Nudel- bis zur Sonntagssteuer
BERLIN heupd | Die Bürger und Bürgerinnen müssen noch vor den Landtagswahlen in NRW mit drastischen Steuererhöhungen sowie einer Vielzahl von Sondersteuern rechnen. Dies machen Haushaltsdefizite notwendig, die nach der Steuerbegünstigung einzelner Branchen und Einkommensgruppen noch zusätzlich zu den Schulden aus der globalen Finanzkrise entstanden sind. Der Regierungssprecher von Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt: "Die Wachstumssteuerpolitik zur Motivierung der hohen Leistungsträger kommt gut an. Wir hoffen daher, dass die gemeinen Bürger und Bürgerinnen Verständnis für die notwendigen Maßnahmen haben. Da die Schulden dadurch dramatisch wachsen, nehmen wir davon Abstand, aus wahlstrategischen Gründen bis nach der Wahl Rüttgers zu warten. Wir vertrauen auf den mündigen Bürger und die mündige Bürgerin." Bundeskanzlerin Merkel hebe bei der Durchsetzung unpopulärer Maßnahmen die innovative Rolle ihres Vizekanzlers Guido Westerwelle hervor. "Es ist gut, so junges, streitbares Blut in unserer Regierungskoalition zu haben. Alleine mit der CSU würde ich eingehen."
Nach vorliegenden Informationen sind neben Senkung des Kultur- und Bildungsetats sowie der völligen Privatisierung der sozialen Absicherung inklusive des Gesundheitssystems, moderate Steuern von 25% auf einzelne Konsumgüter und Freizeitaktivitäten angedacht. Nach einem dem heupd zugespielten Papier sind auf jeden Fall dabei: Nudeln mit Ei, Kartoffeln außer Pommes Frites, Windeln, Bücher außer Bestseller, Schuhe mit mehr als 2cm Absatz, Haarshampoo und Strähnchenmittel, Kappen und Fahnen. Letzteres dürfte "im jetzigen Jahr der WM besonders ertragreich" werden. Weitere Ideen werden entwickelt.
Historisches Vorbild ist Ronald Reagan, der zeitweilig erfolgreich eine Ketchupsteuer in Schulkantinen eingeführt hatte. Eine richtungsweisende Innovation ist jedoch das Vorhaben, eine Sonntagsnachmittagssteuer zu erheben, die den Vorteil hat, unterschiedslos auf alle Personen außer auf Leistungsträgern anwendbar zu sein.
Weiterhin wird laut internem Entwurf vorausschauend angenommen, dass sich die Bürger und Bürgerinnen nach ersten Protesten, wobei die nach dem Afghanistan - Krieg trainierte Bundeswehr wie schon länger angedacht auch im Inneren eingesetzt werden soll, bald an die 25%-Steuer nicht nur gewöhnt haben dürften, sondern die bald darauf geplante "Anpassung der Mehrwertsteuer auf einheitliche 25% als Klarheitsgewinn im Steuerdschungel begrüßen werden". us/hg
heupd = Pressedienst für unterbliebene und unterdrückte Nachrichten.
Paulus (2)
Paulus, Attac, Weltsozialforum
Am 22. Januar erzählte Peter Kirwel in unserer Rubrik "Heiliger des Monats" - passend zum Paulusjahr - auf seine charmante Art die Paulusgeschichte (Feiertag: 25.1.).
Wie aktuell die Geschichte des Paulus heute ist, zeigte uns das Referat, das Theologe und Paulusspezialist Gerhard Jankowski uns daraufhin zusandte.
Die Geschichte erinnerte uns, läßt man mal die Religion beiseite, an unsere heutigen Netzwerke an alternativen Lebensformen. In der Zeitschrift Contraste berichten diese Projekte regelmäßig über sich selbst, im Februar wurde in der Tageszeitung TAZ ein Projekt nichtkommerzieller Landwirtschaft (Lokomotive Karlshof) beschrieben, und auch im Februar war Weltsozialforum in Porto Alegre, wo solche Gruppen dieser Art Ekklesia sich treffen und vernetzen. Die politisch-sozialen Gedanken der Gleichwertigkeit sind dieselben.
Gerhard Jankowski antwortete hierzu: "Mit den Netzwerken liegst Du überhaupt nicht daneben. Die kleinen Zellen, die Paulus rund um das Mittelmeer gegründet hatte, waren Netzwerke, Netzwerke des Widerstands, Keimzellen einer anderen Gesellschaft, Keimzellen auch des Überlebens."
Paulus
Paulus über sich selbst:
... beschnitten am achten Tag,
von Geburt her Sohn Israels, vom Stamm Benjamin,
Hebräer von Hebräern,
Pharisäer der Tora nach,
Verfolger der Ekklesia dem Eifer nach,
untadelig der Gerechtigkeit nach, die durch die Tora kommt.
(Brief an die Philipper 3, 4-6)
Hebräer sind sie? Ich auch!
Söhne Israels sind sie? Ich auch!
Abrahams Söhne sind sie? Ich auch!
Messiasdiener sind sie? Ich auch!
(2.Brief an die Korinther 11,22-23
Gehört habt ihr von meinem ehemaligen Verhalten im Judaismus:
Ich verfolgte die Ekklesia Gottes über das Ziel hinaus und vernichtete sie,
ich ging im Judaismus weiter als viele meiner Altersgenossen in meiner Nation,
besonders war ich ein strenger, hervorragender Zelot für die Überlieferungen meiner Väter.
(Brief an die Galater l,13-14 )
Paulus,
Sklave des Messias Jesus,
gerufener Gesandter
(Brief an die Römer 1,1)
Die Apostelgeschichte über Paulus:
Als sie aber hörten,
dass er (Paulus) sie in der hebräischen Sprache anredete,
gaben sie Ruhe.
Er sagte:
Ich bin ein Judäer,
geboren in Tarsos in Kilikien,
aufgewachsen in dieser Stadt (Jerusalem),
unterrichtet zu Füßen Gamliels
nach der genauen Bestimmung der Tora der Väter,
ein Zelot Gottes wie ihr, ihr alle, es heute auch seid.
(Apostelgeschichte 22, 2-3)
Der Tribun kam hinzu und sagte zu ihm (Paulus):
Sag mir, bist du Römer?
Der sagte: Ja!
Der Tribun antwortete: Ich habe für viel Geld dieses Bürgerrecht gekauft.
Paulus sagte: Ich bin darin geboren!
(Apostelgeschichte 22, 27-28).
1
Scha'ul, Saulos/Saulus, Paulus. Scha'ul, ein jüdischer Name in hebräischer Schrift, Saulos/Saulus, die griechische bzw. lateinische Umschrift dieses Namens, Paulus, ein lateinisches Cognomen, gewählt wegen der klanglichen Übereinstimmung mit der griechischen Umschrift - schon dieser Name zeigt, auf was wir zu achten haben, wenn wir uns mit dem Mann befassen, der diesen Namen trägt. Er ist Jude, er verkehrt in einer Umwelt, in der Griechisch gesprochen wird, und er lebt in einer Gesellschaft, die vom Imperium Romanum bestimmt ist.
Paulus ist Jude. Alles das, was einen Juden ausmacht, zählt er in seinen seltenen Selbstzeugnissen auf: er ist beschnitten, er ist ein Sohn Abrahams, er gehört zum Volk Israel von Geburt an. Untadelig hat er das von der Tora Gebotene eingehalten. Und er ist der hebräischen Sprache mächtig.
Seine Briefe hat er in Griechisch abgefasst. Das war die Verkehrssprache im Osten des Imperiums, in dem er fast ausschließlich unterwegs war. Es ist ein nicht gerade klassisch zu nennendes Griechisch, durchsetzt von Hebraismen. Je mehr man sich in dieses Griechisch einliest, desto mehr merkt man, dass hier einer hebräisch denkt, aber griechisch schreibt.
Nur die Apostelgeschichte des Lukas erwähnt, dass Paulus in Tarsos, aus der Sicht eines Juden in der Diaspora gelegen, geboren ist, mit jungen Jahren nach Jerusalem kam und dort später Schüler Raban Gamliels wurde. Der war einer der berühmtesten Lehrer seiner Zeit und Führer der Pharisäer. Mit dieser Notiz will Lukas unterstreichen, dass Paulus der Partei der Pharisäer angehört hat. Ebenfalls erwähnt nur Lukas, dass Paulus das römische Bürgerrecht besaß. Gerade diese Behauptung des Lukas ist zu hinterfragen.
Es kam zwar vor, dass Juden sehr vereinzelt das römische Bürgerrecht erwarben, sich jedoch dann völlig vom Judentum abwandten. So z.B. Tiberius Alexander, einer der Prokuratoren Judäas und im Jüdischen Krieg Generalstabschef unter dem späteren Kaiser Titus. Nie würde jedoch ein Pharisäer, wie Paulus einer war, daran denken, römischer Bürger zu werden. Denn die standen zu Teilen in Opposition zu den Römern. Vor allem aber der radikale Flügel der Pharisäer hielt zu anderen radikalen Gruppen Kontakt. Die Gruppen nennt man Zeloten (eigentlich Eiferer). Sie waren auch bereit, den bewaffneten Kampf gegen die Römer zu wagen. Paulus hat sich nach dem Selbstzeugnis in Gal 1,13f zu ihnen gerechnet oder zumindest mit ihnen sympathisiert.
Für Lukas aber muss Paulus nach Rom kommen, um dort, im Zentrum der Macht, sein befreiendes Programm auszurufen. Und deswegen legt er ihm das römische Bürgerrecht zu. Denn ein römischer Bürger kann, falls er eines Vergehens beschuldigt wird, die kaiserliche Appellationskammer anrufen. Und genau das lässt Lukas den Paulus tun. So kommt er nach Rom.
Wahrscheinlich ist Paulus irgendwo in der Diaspora geboren und später nach Judäa gegangen, um sich dort dem radikalen Flügel der Pharisäer anzuschließen und für deren Programm zu agitieren.
2
Die Partei der Pharisäer, hebr. Peruschim, übersetzt die Abgesonderten, hatte ihren Ursprung in den Widerstandsbewegungen der Makkabäerzeit (160 - 130 v. Chr.). Zunächst ein Orden, der strikt nach den Geboten der Tora lebte, wurden die Pharisäer seit der Eroberung Judäas durch die Römer zu einer Partei. Ihr Programm liegt schon in ihrem Namen: Absonderung von allem Nichtjüdischen.
Sie wollten als Juden im eigenen Land nach dem eigenen Gesetz, griechisch autos nomos, leben. Das eigene Gesetz ist die Tora. Sie strebten also nach Autonomie in dem von den Römern eroberten Land. Autonomie versuchten sie durch Verhandlung zu erreichen.
Offenen Widerstand gegen die Römer lehnten sie ab; ebenso lehnten sie aber eine Anpassung an die damalige hellenistisch-römische Lebensart strikt ab. Ihr ganzes Leben war von der Tora bestimmt. Um die Gebote der Tora zu erfüllen, musste man sie genau kennen und wissen, wie sie anzuwenden waren. So begannen sie verbindliche Richtsätze aufzustellen, nach denen jüdisches Leben geführt werden konnte.
Die Richtsätze, zuerst mündlich überliefert, später auch schriftlich fixiert, nannte man halachische Gebote oder auch Halacha.
3
Neben den Pharisäern sammelten sich vor allem in Galiläa kleinere Widerstandsgruppen. Galiläa war ein Gebiet mit einer ausgepowerten Bevölkerung, die es sich gar nicht leisten konnte, die Gebote der Tora im alltäglichen Leben zu beachten. Diese Gruppen propagierten, dass man auf jüdische Art erst leben könne, wenn die Römer aus dem Land vertrieben wären. Im Denken und in der Politik dieser Gruppen spielte die Hoffnung auf den Messias eine große Rolle. Der Messias, eine Königsgestalt, wird im Auftrag Gottes das Volk von allen Feinden, auch von den Römern befreien, so hieß es. Nach der Befreiung werden nicht mehr Menschen über Menschen herrschen. Dann kann jeder auch nach der Tora leben. Das Kommen des Messias war aber schon jetzt aktiv vorzubereiten.
Die Gruppen, die dieser Politik anhingen, nennt man Zeloten, Eiferer, heute würden wir Radikale sagen. Der jüdische Historiker Flavius Josephus (38-100 u. Z.) nennt sie Banditen und Terroristen. Anführer der radikalen Gruppen wurden zum Messias ausgerufen. Einige von ihnen wurden von den Römern verhaftet und hingerichtet. Die Pharisäer lehnten die Politik der zelotisch-messianischen Gruppen vehement ab. Für sie waren sie politische Abenteurer, die das Volk nur in eine Katastrophe führen konnten.
Für den Pharisäer Paulus wird der Kampf gegen diese Art von Messianismus zur Hauptaufgabe. Das wird aus seinem Selbstzeugnis in Gal 1,13f deutlich. Er hat sich im Kampf für den Judaismus hervorgetan und sich für die radikale Einhaltung der väterlichen Traditionen eingesetzt. Dabei ist er besonders fanatisch gegen eine Gruppe vorgegangen, die in dem Rabbi Jeschua (Jesus) aus Galiläa den Messias erkannt hatte. Kahal oder kehila, Versammlung, die Herausgerufene, nannte sich diese Gruppe selbst. Wahrscheinlich war es Paulus, der diese Gruppierung als ekklesia bezeichnete. Ekklesia ist wörtliche Übersetzung von kahal, stimmt aber auch im Wortklang mit dem hebräischen Wort überein.
4
Schüler des Rabbi Jeschua hatten sich zunächst in Jerusalem und in der Umgebung der Stadt in kleinen Gemeinschaften zusammengefunden. Aber auch in den Dörfern Galiläas und im Grenzgebiet zu Syrien bildeten sich messianische Gruppen, die egalitär lebten und untereinander zu unbedingter Solidarität verpflichtet waren. Die Gruppe in Jerusalem war stark von der Familie Jeschuas beeinflusst, besonders von seinem Bruder Jaakov sowie von einem seiner ersten Schüler, Schimon mit dem Beinamen Kephas, gr. Petros, Fels.
Nun war Jeschua von den Römern gekreuzigt worden. Nach der Kreuzigung ihres Messias hatten sich diese Gruppen nicht aufgelöst. Sie behaupteten, dass der Gekreuzigte von den Toten auferstanden sei. Totenauferstehung, so heißt es in der jüdischen Tradition, ist gleichzusetzen mit einer neuen Schöpfung. Damit bezeugten diese Messianisten, dass eine neue Schöpfung, eine neue Lebensordnung ohne gewaltsamen Tod möglich ist.
5
Das Gebiet, in dem Paulus gegen den Messianismus agitierte, war wahrscheinlich das Grenzgebiet zwischen Galiläa und Syrien. Dort hat er wohl zu einer der Gruppen engeren Kontakt bekommen. Dabei muss ihm aufgegangen sein, dass er einer verkehrten Politik anhing. Er verlor völlig seine Orientierung. Die Apostelgeschichte hat das breit und dramatisch in der so genannten Damaskusszene ausgemalt (Apg 9,1-19). Was da passiert ist, wird gewöhnlich als eine Bekehrung verstanden und zwar vom Judentum zum Christentum. Um diese Bekehrung besser zu verstehen, muss man auf ihn selber hören. In Gal 1,11-17 schreibt er:
Ich gebe euch aber zu wissen:
die gute Botschaft, von mir als Bote gebracht,
ist nicht von einem Menschen hergeleitet
noch bin ich darin geschult worden,
sondern ich empfing sie durch eine Offenbarung von Jeshua, dem Messias.
Gehört habt ihr ja von meinem ehemaligen Wandel im Judaismus:
Ich verfolgte die Ekklesia Gottes über das Ziel hinaus und vernichtete sie,
ich ging dabei im Judaismus weiter als viele meiner Altersgenossen in meiner Nation,
besonders aber war ich ein strenger, hervorragender Zelot für die Überlieferung meiner Väter.
Als es aber Gott gefiel,
der mich aus meiner Mutter Leib bestimmt und durch seine Gnade gerufen hat,
seinen Sohn durch mich zu offenbaren,
dass ich ihn unter den Gojim als gute Botschaft bringe,
wandte ich mich nicht an Fleisch und Blut.
Ich ging auch nicht zu den Gesandten, die vor mir waren, nach Jerusalem hinauf,
sondern ich ging in die Arabia
und kehrte wieder nach Damaskus zurück.
Daraus wird deutlich:
1. Was er als befreiende Botschaft zu sagen hat, ist nicht von einem Menschen hergeleitet, d. h. es ist nicht in einer der Traditionsschulen entwickelt, in den er studiert hatte. Vielmehr wurde er auf einen eigenen Weg gebracht, unabhängig von der in Geltung stehenden Überlieferung. Das wird er gerade in der Auseinandersetzung mit seinen Kritikern immer wieder betonen. Er ist überzeugt davon, dass er wie auch immer direkt vom Messias berufen wurde. Aber, und das ist genauso wichtig, seine neue Sicht stimmt mit der Tora überein. Denn nachdem er seine Berufung erkannt hat, zieht er sich für drei Jahre völlig zurück, um sich über darüber klar zu werden. Drei Jahre lang dauerte damals der Zyklus der Toralesung. Er hat also seine neue Sicht an der Tora überprüft.
2. Er gibt sein ehemaliges Verhalten, seinen radikalen und fanatischen Kampf für den Judaismus auf und wendet sich dem Messianismus zu, den er verfolgt hatte. Keine Abkehr vom Judentum also und erst recht keine Bekehrung zum Christentum, wohl aber eine totale Distanzierung von einem radikalen Judaismus, der darauf gerichtet war, das Judentum vom herrschenden Hellenismus abzugrenzen. Judaizein, zu Juden machen, war dessen Parole, wie wir ebenfalls aus dem Galaterbrief erfahren, und das hieß in letzter Konsequenz, erst wenn alle Nichtjuden zu Juden gemacht worden sind, kann man als Jude in dieser Welt leben.
3. Die Berufung geschah in einer Offenbarung. Offenbart wurde ihm, dass die befreiende Botschaft des Messias nicht nur unter Juden zu verkündigen war, sondern vor allem unter den Nichtjuden, den Gojim. Sie sollen, ohne Juden zu werden, mit hineingenommen werden in die befreienden Hoffnung Israels.
So wird aus einem, der im Auftrag der Partei der Pharisäer unterwegs war, ein beauftragter Gesandter, gr. apostolos, Apostel, des Messias und aus einem radikalen Kämpfer gegen den Messianismus einer seiner eifrigsten Befürworter. Es ist freilich ein Messianismus, der konträr zu dem steht, was in der jüdischen Tradition über den Messias gedacht wurde.
In 1 Kor 1,23 schreibt Paulus:
Wir rufen einen gekreuzigten Messias aus,
für Juden ein Skandal,
für die Gojim eine Dummheit,
aber für die, die gerufen sind,
für Juden und Griechen,
den Messias als Kraft Gottes und als Weisheit Gottes.
Der Messias ist der Befreier, der die Feinde Israels endgültig besiegen wird. Folglich kann ein gekreuzigter, ein gescheiteter Messias kein Messias sein. So vom Messias zu reden ist für Juden ein Skandal, für Nichtjuden schlichter Schwachsinn. In Rom hat man in einer Katakombe ein Grafitto gefunden, das einen Gekreuzigten mit einem Eselskopf darstellt, davor eine betende Gestalt, darunter steht geschrieben: Gaius betet seinen Gott an. Wer wird seine Hoffnung auf einen Gekreuzigten setzen? Das ist reiner Blödsinn!
Paulus muss bei seiner Berufung aufgegangen sein: messianische Bewegungen können in einem Winkel des Imperiums zeit- und teilweise Erfolg haben, aber sie sind angesichts der herrschenden militärischen Übermacht der Römer zum Scheitern verurteilt. Die Kreuzigung Jeschuas und anderer, die zum Messias ausgerufen worden waren, macht das sehr deutlich.
Dennoch ist ein befreites Leben möglich. Denn der gekreuzigte Messias ist aus den Toten auferweckt worden, und das heißt, dass ein neues Leben in einer neuen Weltordnung nicht undenkbar ist. Das muss unter allen Völkern im gesamten Imperium und nicht nur in einem abgelegenen Landstrich bekannt gemacht werden. Denn alle sollen an der neuen Weltordnung teilhaben, Juden und Nichtjuden, die ganze Menschheit.
Woran aber wird erkennbar, dass der gekreuzigte Messias aus den Toten auferstanden ist? In seinem Leib. Ihr seid ein Leib des Messias, heißt es in 1 Kor 12,27. Ihr, das sind Juden und Nichtjuden in der Ekklesia. Sie, Juden und Nichtjuden, verkörpern den Leib des Messias. In ihrem Zusammenleben zeigen sie, dass eine neue Menschheit möglich ist, eine geeinte und nicht mehr eine zerrissene und versklavte Menschheit. So bildet der Leib des Messias, der in der Ekklesia Gestalt annimmt, die Keimzelle einer neuen Menschheit und einer neuen Weltordnung.
6
Vor allem in den Städten Kleinasiens und Griechenlands haben Paulus und seine Mitarbeiter solche messianischen Gemeinden ins Leben gerufen. Alle sind sie auf dem Boden der jüdischen Gemeinden dieser Städte entstanden, nicht zuletzt deswegen, weil Paulus die Sympathisanten des Judentums im Umkreis der jüdischen Gemeinden, die so genannten Gottesfürchtigen, gewinnen konnte. Sie konnten nun zu Israel gehören, ohne Juden zu werden und das hieß, sich beschneiden zu lassen. In diesen kleinen Ekklesiai lebten Juden und Nichtjuden gleichberechtigt zusammen. In 1 Kor 7,18 heißt es dazu:
Ist jemand als Beschnittener gerufen worden,
soll er sich nicht eine Vorhaut verpassen,
ist jemand mit Vorhaut gerufen worden,
soll er sich nicht beschneiden lassen.
Darüber ist es zwischen Paulus und der Gemeinde der Brüder in Jerusalem zum Streit gekommen, der nur mühsam durch einen Kompromiss beigelegt werden konnte, wie wir aus dem Galaterbrief und der Apostelgeschichte wissen. Dazu werden wir gleich noch kommen.
Für Paulus ist das, was Juden und Nichtjuden trennt, aufgehoben. So heißt es im Brief an die Galater 3, 26-28:
Ihr seid alle Gottes Söhne
durch das Vertrauen im Messias Jesus.
Denn wenn ihr alle auf den Messias hin getauft seid,
habt ihr den Messias angezogen.
Da ist weder Jude noch Grieche,
weder Sklave noch Freier,
weder männlich noch weiblich.
Denn ihr alle seid eins im Messias Jesus.
Die Gegensätze, die die damalige Gesellschaftsordnung bestimmen, sind aufgehoben. An erster Stelle steht für Paulus der Gegensatz zwischen Juden und Griechen. In den hellenistischen Städten mit relativ großen jüdischen Minderheiten, war es Juden von den römischen Behörden erlaubt, ein so genanntes politeuma, ein relativ eigenständiges Gemeinwesen zu organisieren, das mit gewissen Privilegien ausgestattet war. Das führte immer wieder zu Konflikten, die teilweise in antisemitische Tumulte ausarteten. Paulus sah wohl die Gefahr, dass dieser Gegensatz zwischen Juden und Griechen in eine Katastrophe führen konnte.
Der zweite Gegensatz ist der zwischen Sklaven und Freien. Hier war die römische Gesellschaftsordnung berührt, deren Ökonomie auf Sklaverei beruhte. Propagiert Paulus die Aufhebung des Gegensatzes von Sklaven und Freien, so stellt er die römische Gesellschaftsordnung in Frage.
Der dritte Gegensatz, den Paulus in der Ekklesia aufgehoben sieht, betrifft den herrschenden Patriarchalismus sowohl in der hellenistisch-römischen als auch innerhalb der jüdischen Gesellschaft. In den Berakhoth (Segenssprüchen) des jüdischen Morgengebetes heißt es: Ich danke dir Adonai, König der Welt, dass du mich nicht gemacht hast als einen Goij, dass du mich nicht gemacht hast als einen Sklaven, dass du mich nicht gemacht hast als eine Frau. Das betete ein jüdischer Mann, der Gott dafür dankt, dass er mit der Tora umgehen darf. Allein ein jüdischer Mann darf das. Frauen, Sklaven und Nichtjuden haben dieses "Vorrecht" nicht.
Einheit der Verschiedenen, Zusammenleben von Menschen, gleichberechtigt ohne Abgrenzungen, getragen von Solidarität untereinander, das ist die Vision des Paulus. Sie nimmt Gestalt an in der Ekklesia, die der Leib des Messias ist.
7
Wie aber sieht das in der Praxis aus, wenn Juden mit Nichtjuden zusammen leben sollen? Für Juden ist das fast unmöglich, weil die Tora und deren verbindliche Auslegung, die Halacha, ihnen den Verkehr mit Nichtjuden zum größten Teil verbieten. Um ihn dennoch zu ermöglichen, hatten die Nichtjuden die so genannten Kardinalgebote zu beachten. Das waren:
1. sich von der Verehrung anderer Götter fernhalten, wozu auch gehört, kein Fleisch zu verzehren, das den Göttern geopfert wurde;
2. kein Blut essen oder vergießen;
3. sich von Hurerei fernhalten.
So war es im Kompromiss vereinbart worden, den Paulus mit der Führung der Brüdergemeinde in Jerusalem ausgehandelt hatte. Darüber hinaus hat Paulus so etwas wie eine messianische Halacha für das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden in der Ekklesia entwickelt. Das wird erkennbar, wenn er Weisung für die Gestaltung des gemeinsamen Lebens mit Formeln wie ich ordne an oder das ist ein Gebot des Herrn einleitet.
Halachische Gebote, besonders die Speisegebote, die das Zusammenleben zwischen Juden und Nichtjuden verhindern konnten, hat Paulus bewusst außer Geltung gesetzt. So war es Juden verboten, an Essen teilzunehmen, die von Nichtjuden ausgerichtet wurden, weil die Möglichkeit bestand, dass die angebotenen Speisen unrein waren. Um zu zeigen, dass es nichts mehr Trennendes zwischen Juden und Nichtjuden gab, stand im Zentrum des gemeinsamen Lebens ein gemeinsames Mahl, von Paulus das messianische Mahl genannt, zu dem die Ekklesia sich wahrscheinlich wöchentlich an dem Tag traf, an dem sie der Auferstehung des Messias gedachte. Dieser Tag galt für sie als der Tag eins einer neune Schöpfung.
Es heißt, dass Paulus mit solchen Grenzüberschreitungen in Bezug auf die Tora, die Tora überhaupt aufgegeben und sich dadurch vom Judentum getrennt hat. Was aber ist Tora?
Tora ist zunächst die am Berg Sinai durch Mosche dem Volk gegebene Weisung für das Leben. Sie sagt ein wahres, erfülltes Leben zu. Sie ist das Leben, wie die Lehrer Israels sagen.
Es waren die Lehrer Israels, die aus der am Sinai gegebenen Tora Regeln entwickelten, damit die einzelnen Gebote der Tora im alltäglichen Leben eingehalten werden können. Diese Regeln, zuerst mündlich überliefert, dann schriftlich fixiert, sind auch darauf gerichtet, jüdische Leben, jüdische Identität zu wahren. Insofern scheiden sie Juden von Nichtjuden. Die Regeln sind, wie bereits weiter oben gesagt, in der Halacha zusammengefasst. Auch sie gilt als Tora. In Mischna-Traktat Aboth ist das so formuliert: Mosche empfing die Tora vom Sinai und überlieferte sie Joschua, , Joschuah den Ältesten, die Ältesten den Propheten, die Propheten den Männern der großen Versammlung. diese sagten drei Dinge: Seid vorsichtig beim Richtspruch, stellt viele Schüler auf, macht einen Zaun um die Tora (mAboth 1,1). Es ist dieser Zaun um die Tora, der Juden von Nichtjuden trennt.
Schließlich sind die ersten fünf Bücher der Schrift Tora.
Um beim letzten anzufangen: Die Tora, wie sie in den ersten fünf Büchern der Bibel aufgeschrieben ist, hat Paulus nie aufgegeben. Er zitiert sie und legt sie aus, um zu begründen, was er vertritt, wobei freilich seine Auslegung der Schrift heterodox ist.
Wie wir gesehen haben, ist der Zaun um die Tora, die Trennwand, wie Paulus auch sagen kann, in der messianischen Ekklesia abgerissen worden. Dennoch bleibt die Tora heilig und gut. Denn sie ist ausgerichtet auf wahres Leben, auf wahre Menschlichkeit. Wer sie tut, wird wahr, hebr. zaddik, gr. dikaios, herkömmlich übersetzt gerecht. Nur, und das hatte Paulus geradezu schmerzhaft erkannt, die Tora kann unter den herrschenden Verhältnissen nicht getan werden, auch nicht, wenn man es will. Das 7. Kapitel des Römerbriefes lässt erkennen, wie sich Paulus zu dieser Erkenntnis geradezu durchgerungen hat. Je mehr man die Tora ernst nimmt, desto mehr erkennt man, dass man das, was man tun soll und auch will, gerade nicht tun kann und auch nicht tut. Ich elender vergewaltigter Mensch, wer wird mich vom Leib dieses Todes befreien, schreibt er am Ende seiner Überlegungen. Dieser verzweifelte Aufschrei zeigt die Hilflosigkeit eines Menschen, der gerechte Verhältnisse will, aber weiß, dass unter den römischen Verhältnissen Gerechtigkeit nicht möglich ist. Paulus folgert, dass gerechte menschliche Verhältnisse nur in einer neuen Weltordnung möglich sind. Erst dann wird auch die Tora wirklich eingehalten werden können. In seinen Worten: telos nomou Christos, herkömmlich übersetzt Christus ist das Ende des Gesetzes, was aber korrekter zu übersetzen ist mit Ziel der Tora: der Messias. Was die Tora ist, nämlich das Leben, kommt im Messias zu ihrem Ziel, zu ihrer Erfüllung. Juden und Nichtjuden, die darauf vertrauen, können endlich und definitiv als wahre Menschen leben. Übrigens begründet Paulus diese These in Röm 10,4ff von der Tora her, indem er Deut 30,11-14 auslegt.
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Damit Menschen als wahre Menschen leben, beginnen in der Ekklesia Juden und Nichtjuden zusammen zu leben. In ihr bringen sie ihre Begabungen ein und stellen sie in den Dienst aller. Gegenseitige Anerkennung und Solidarität werden zur Richtlinie für das gemeinsame Leben.
Das alles lief nicht reibungslos ab. Es gab Kritik an dieser Praxis, von innen und von außen. Die Briefe an die messianischen Gemeinden in Korinth, Philippi und Galatien geben Zeugnis davon. Und dennoch war Paulus unermüdlich unterwegs, die Botschaft von einem neuen Leben in Gerechtigkeit und Gleichheit unter allen Völkern des Imperiums auszurufen und Menschen in messianischen Gemeinschaften zu sammeln. Um die Weltordnung, die von Rom beherrscht war und die als eine heillose Unordnung erfahren wurde, zu heilen und zu verändern, in der Hoffnung, dass die neue Schöpfung mit einer neuen Menschheit möglichst bald anbrechen werde.
Was kam, war die Katastrophe des Jahres 70 u. Z mit der Zerstörung Jerusalems. Diese Katastrophe traf nicht nur die jüdischen Gemeinden in der gesamten Diaspora, sondern auch die Ekklesia. Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit machten sich breit, nachzulesen z. B. im 10.Kapitel der so genannten syrischen Baruchapokalypse oder auch in der Emmausepisode im 24. Kapitel des Evangeliums nach Lukas. Dennoch begannen bald nach der Katastrophe die der Katastrophe entkommenen Lehrer Israels die jüdischen Menschen rund um die Tora wieder zu sammeln. Und auch die messianischen Prediger waren bald wieder unterwegs, um ihre Gemeinden zu sammeln und zu ermutigen. Davon zeugen die Evangelien nach Markus und Matthäus. Markus weist die verzweifelten und entsetzten Frauen am Grab des Messias an, wieder da neu anzufangen, wo alles einmal angefangen hat, in Galiläa. Im Evangelium nach Matthäus gibt der gekreuzigte und auferstandene Messias seinen Schülern die Weisung, alle Nichtjuden zu Schülern zu machen und sie in dem zu schulen, was er ihnen gesagt hatte.
Ein Schüler des Paulus, uns unter dem Namen Lukas bekannt, lässt in der Apostelgeschichte seinen Lehrer mit der befreienden Botschaft das ganze römische Imperium durchwandern bis hin nach Rom, dem Zentrum der Macht. Für Lukas, den man auch einen messianischen Realisten nennen kann, ist das Projekt des Paulus, die Sammlung von Juden und Nichtjuden in der Ekklesia als der Keimzelle einer neuen Welt und Gesellschaft, nicht erledigt, wenn er ihn in Rom sagen lässt: Den Gojim wurde dieses Befreien Gottes gesandt, und sie werden hören.
Gerhard Jankowski
Siegburg, im Februar 2010
Gerhard Jankowski, pensionierter evangelischer Pfarrer, langjähriger Mitherausgeber der exegetischen Zeitschrift Texte & Kontexte, Veröffentlichungen vor allem zu den Briefen des Paulus.
Authentic Art: Verheiratet werden
Die Sehnsucht ist manchmal groß ...
„Mir fällt ein junger Ritter ein, fast wie ein alter Spruch.
Der kam. So kommt manchmal im Hain der große Sturm und hüllt dich ein.
Der ging. So läßt das Benedein der großen Glocken dich allein.
Oft mitten im Gebet...
Dann willst du in die Stille schrein,
und weinst doch nur ganz leis hinein
tief in dein kühles Tuch.“
Rainer Maria Rilke
Die Sehnsucht ist manchmal groß und
die Bewegungen des Lebens unergründlich.
Tränen zeigen uns unsere Wünsche und sänftigen unser Herz.
Dann bekommen unsere Bewegungen eine Richtung
und unsere Träume werden zum Himmlischen getragen,
dort, wo das Warten endet. Liebe.
Kathrin Franckenberg

Kathrin Franckenberg ist Künstlerin, Meisterschülerin von M. Cassou, USA ("Point Zero Painting"), Kunstglaserin, ausgebildet im "Begleiteten Malen", Ergotherapeutin, SI-Therapeutin (DVE) für Kinder, tätig in der Erwachsenenbildung und begleitet seit mehreren Jahren kleine und große Menschen auf ihrem kreativen Weg.
www.malfreude.de
Rilke-Gedicht aus dem Buch der Bilder, veröffentlicht im Insel-Verlag
Bilder vergrößern = bitte einmal anklicken.
SEED-Award für KAITE, Bio-Kleinbauernprojekt Zimbabwe
KAITE: ein neues Bio-Kleinbauernprojekt in Zimbabwe für Kräuter und Gewürze
Vorbemerkungen:
Wir freuen uns, dass KAITE soeben den begehrten SEED Award for Entrepreneurship in Sustainable Development in Gold gewonnen hat. einem 2002 von UNEP, UNDP und IUCN gegründeten Netzwerk zur Unterstützung innovativer Entwicklungsprojekte in der Dritten Welt, dem auch das deutsche Bundesumweltministerium angehört.
Wir lernten Dominikus Collenberg auf der BioFach Messe 2008 kennen. Dominikus ist Agraringenieur und Demeterbauer, arbeitete viele Jahre für die GTZ, als Berater u.a. in verschiedenen Ländern Asiens, Lateinamerikas und Afrikas (u.A. Zimbabwe), sowie China, wo er beim Aufbau der organischen Zertifizierung beteiligt war.
In Zimbabwe begründete er 2007 schließlich die umfassende Initiative KAITE.
KAITE - Struktur:
- Bio-Kleinbauernprojekt in Kooperation mit 2 Trainingscentern, die durch NGOs finanziert werden: ein Center ist das Trainigscenter der Jesuiten, das u.A. durch Miserior, aber auch die EU und andere potente Geber finanziert wird, dann Kufunda, ein kleines Center, dass für KAITE ideal gelegen und von sehr engagierten Menschen geführt und implementiert wird.
- KAITE hat ein Unternehmen in Zimbabwe, das zur Erreichung der ökonomischen Ziele notwendig ist, sowie eine Stiftung in Zimbabwe und einen Verein in Deutschland, die zur Erreichung der gemeinnützigen Ziele wichtig ist:
- - KAITE Stiftung - Vertreter der örtlichen Prominenz, denen die Entwicklung des Landes am Herzen liegt, sind im Stiftungsrat vertreten
- - in Deutschland ein gemeinnütziger Verein KAITE Trust (u.A. für AIDS-Waisen)
KAITE verhält sich unpolitisch und verzichtet auf eigenen Landbesitz. KAITE arbeite mit gegenwärtig 500 Kleinbäuerinnen und Kleinbauern zusammen. Diese bauen Kräuter, Gewürze und Ätherische Ölpflanzen an. Die Produkte werden alle bei den Bäuerinnen und Bauern auf den Gehöften weiterverarbeitet und veredelt. Damit entsteht der Mehrwert vor Ort und die Menschen finden Beschäftigung. Das Engagement von KAITE kann schon in dem ersten Jahr zu einer Verdoppelung des Einkommens führen. Das Einkommen wird meist für die Schulausbildung der Kinder und die medizinische Versorgung, aber auch den Zukauf von Nahrungsmitteln und Hygieneartikeln genutzt.
Auf der BioFach 2008 ging es darum, im Voraus potentielle Abnehmer auf dem Naturkostmarkt für Bio-Gewürze und -Kräuter zu finden, die nun verstärkt angebaut werden sollten. Bis dahin flossen KAITE-Produkte in die Kosmetikherstellung.
Die Aufgabe für unsere Firma Heuschrecke bis zu den geplanten ersten Ernten bestand darin, ein Netz von Interessenten zu gewinnen, und auch, mitzudenken, welche Gewürze und Kräuter für den deutschen Markt Erfolg versprechend sind, sodass es dann genügend Abnehmer für einen Container geben würde. Klimatisch ist Zimbabwe ideal für Kräuter, Blüten, und auch z.B. Chili (klein, sehr scharf, Bird-eye-Qualität).
Doch die Wirklichkeit ist anders als der Plan, und dieses Beispiel zeigt, welch langer Atem für ein Projekt benötigt wird.
Es folgte 2007/08 die Hungersnot und dann die Cholera-Epidemie in Zimbabwe. Die galoppierende Inflation und die einseitige Subventionspolitik Mugabes für Mais verzögerten den Anbau in größerem Umfang und Export von Bio-Kräutern erstmal.
2009 stieß KAITE zu unserer Kommunikations- und Netzwerk-Initiative "Trust organic small farmers". 2010 gewinnt die KAITE Initiative den renommierten SEED AWARD, und der erste große Export von Chilischoten im Herbst (diese werden wir unter der Marke Heuschrecke dann natürlich in den Naturkostläden anbieten) ist realistisch.
Wir freuen uns mit KAITE! Lesen Sie hier die Original-Pressemeldung von SEED:
Her zunächst die englische Kurzvorstellung des Kleinbauernprojekts KAITE, Zimbabwe, vom SEED Komitee:
About KAITE: Since 2007, KAITE trains small-scale farmers to produce, process and certify organic essential oils, herbs and spices. It is the first local enterprise in Zimbabwe to work with small-scale women farmers to produce these products for export. The 30 employees at KAITE connect the 500 cooperating partner farmers to local and international fair trade markets in order to target key markets in Europe and the US in the flavouring, fragrance, cosmetics and pharmaceutical industries.
Each KAITE partner farmer increases its family's income by 150% while fulfilling international customers' demands for organic products and derivatives. This provides a sustainable income base for farmer families, in addition to a marked improvement in food security.
Trainings organised by KAITE not only involve sharing of knowledge about production and processing skills but also about, nutrition, schooling and HIV/Aids prevention. The initiative thus contributes to better health and education levels of participating communities and particularly of households headed by women. This results in direct community involvement and empowerment.
Organic farming promotes sustainable, ecological and holistic approaches to land use. This leads to a marked improvement in soil fertility of partner farmers' plots; elimination of harmful agrochemicals and persistent organic pollutants; and reversal of land degradation in the wards practising conservation agriculture.
SEED Award presented by Dutch Minister of Agriculture to Zimbabwe based organisation KAITE
Nuremberg 17 February 2010 - To celebrate the 2009 SEED Award Gold Winner from Zimbabwe, KAITE, the Dutch Minister of Agriculture, Gerda Verburg, and SEED will hold an Award Ceremony at the Biofach in Nuremberg on 17th February 2010. The Award Ceremony will celebrate the success of KAITE, which has been selected as Gold Winner for the 2009 SEED Awards for Entrepreneurship in Sustainable Development. KAITE trains small-scale farmers to produce, process and certify organic essential oils, herbs and spices. It is the first local enterprise in Zimbabwe to work with small-scale women farmers to produce these products for export.
"The inspiring partnership between KAITE and local communities demonstrates the importance of recognising the connection between community development and organic farming for sustainable development," said Gerda Verburg. "It is this type of innovation in knowledge transfer and community development that the Ministry of Agriculture promotes. As a SEED partner, I congratulate KAITE on their outstanding achievements and leadership."[MZ1]
Constance Hybsier, Programme Manager of the SEED Initiative, said: "Over the last five years SEED has had the privilege of working with exceptional and promising social and environmental entrepreneurs. We are very happy to count KAITE as one of the five 2009 SEED Gold Winners. The partnership of KAITE is inspiring in many different ways, be it in the way they engage with local communities, or tackle the future challenge of sustainable land use. Most importantly however KAITE is an example of how business opportunities can be combined with conserving natural resources and creating positive social, environmental and economic benefits. "
Dominikus Collenberg, Director of KAITE, said: "We and our local partners are overjoyed. We look forward to developing our existing partnerships and developing new ones; KAITE and those with whom we work will genuinely benefit from the support that SEED has to offer."[MZ2]
KAITE's Director furthermore stated: There is an enormous enthusiasm when we approached farmers: "We want to work with you," they tell us, "because we feel that you know how to treat us as your equals. [MZ3]Our main challenge working in Zimbabwe is the lack of finance - there is simply no credit line available banks ask for up to 80% interest. We are sure that SEED will help us to access credit and be able to grow for the benefit of the rural poor!"
KAITE was selected as one of the five SEED Gold Winners from more than 1100 applications from close to 100 countries worldwide, representing the collaborative efforts of about 5000 organizations from the private sector, non-governmental organizations, women's groups, labour organizations, public authorities, international agencies and academia.
Rather than the traditional monetary prize, the Gold Winner will receive individually-tailored business and partnership support services. This includes access to relevant expertise and technical assistance, meeting new partners and building networks, developing business plans and identifying sources of finance. The specific nature of the support is decided by KAITE, hence tuning it to local needs - SEED helps locate and provide the services required, drawing mainly on local know-how and expertise and well as national and international networks.
For more Information:
KAITE - Dominikus Collenberg, Email: Info@KAITE.biz
SEED Initiative - Constance Hybsier, Email: constance.hybsier@seedinit.org
In den folgenden Wochen werden wir hier im Blog über die BioFach 2010 und die "Trust organic small farmers"-Konferenz 2010 berichten.
Ursula Stübner, Heinz-Dieter Gasper























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