Reisebericht Ägypten 2005
Wer uns kennt, weiß, dass wir gerne Urlaub und unseren Beruf verbinden. Da inzwischen einige Bio-Gewürze und –Kräuter aus Ägypten stammen, nutzten wir diesen Sommer, um die reiche Kultur dieses Landes kennen zu lernen und unsere Lieferanten zu besuchen.
Gut vorbereitet mit Geschichtsliteratur, Schmökern über die
Pharaonenzeit und den in Kairo spielenden Romanen des ägyptischen
Literatur-Nobelpreisträgers Nagib Machfus (der uns Kölner an
unseren Heinrich Böll erinnerte – beide beschreiben das Leben in
den 30er-60er Jahren des letzten Jahrhunderts), ging es mit einer
Nilkreuzfahrt los.
Sieben Tage fuhren wir – sehr ruhig und erholsam – auf dem Nasser See
von Abu Simbel (... der große Ramses-Tempel ...) bis zum
Assuan-Staudamm und dann von Assuan auf dem Nil weiter nach Luxor.
Schmale grüne Streifen säumen den Nil, dahinter rote
Wüste aus Sand und Felsen.
Wir besuchten Felsentempel und in die Felsen gehauenen
Grabstätten, in deren Innerem die über 3500 Jahre alten
Reliefs und farbigen Zeichnungen gut erhalten waren.
Große Tempelanlagen mit Obelisken, gigantischen Statuen aus einem
Stein gemeißelt und die detaillierten Zeichnungen an den
Wänden geben das Bild einer grandiosen Hochkultur.
Die Entwicklung der Pharaonischen Religion mit den regionalen und
überregionalen Gottheiten, auch die kurze Zeit der
monotheistischen Sonnenreligion des Pharaos Echnaton, und die
Anklänge und Übergänge zum Christentum waren wie von
bebilderten Wandzeitungen abzulesen.
An diesen Reiseteil in Oberägypten schlossen sich noch einmal 2
Wochen Kairo an. Von den alten Relikten mitten ins tosende Leben der
18-Millionenstadt.
Wir sind tagelang durch die alten Viertel gelaufen, haben im
Verkehrschaos gestanden und gestaunt – scheinbar immer kurz vor
dem Zusammenbruch – jede Straßenüberquerung für
Fußgänger eine Mutprobe – und waren fasziniert, dass dieser
Moloch funktionierte (wahrscheinlich sind dies die Städte der
Zukunft ...). Streifzüge durch die winkligen Marktgassen,
Siesta in den gastfreundlichen Moscheen, Teetrinken zu köstlichen
orientalischen Süßigkeiten im Café, auf den Spuren
der Helden der Kairoer Trilogie des oben erwähnten Schriftstellers
Nagib Machfus.
Und hin und wieder saßen wir einfach an einem
ruhigen Ort mit geschlossenen Augen und haben uns den Lärm der
Stadt wie eine urbane Sinfonie angehört: Geschrei,
Motorenlärm, Hupkonzerte und die melodiöse Kakophonie der
Gebetsrufe vielzähliger, dicht beieinanderliegenden Moscheen.

Über alldem wachen stoisch die Pyramiden, die inzwischen von der ausufernden Stadt fast eingemeindet wurden.
Bio-Anbau in Ägypten
Kairo war dann der Ausgangspunkt unserer Lieferantenbesuche. Hier im
Nildelta und in der nahegelegenen ‚Oase’ Al-Fayum, die durch einen
Nilarm bewässert wird, liegen fast alle bio-zertifizierten
Farmen Ägyptens.

Es kommen inzwischen eine solch große Menge an Bio-Früchten,
-Gemüsen und –Gewürzen aus Ägypten nach Deutschland,
dass wir die Vorstellung von großen Monokulturen hatten.
Tatsächlich ist die Agrarwirtschaft hier sehr traditionell. Kleine
Felder, Vielfalt im Anbau, viel Handarbeit, Weiterverarbeitung mit
einfachen Mitteln.
Mit drei Ernten im Jahr wurden vordergründig Fortschritte im
Ertrag erzielt gegenüber den ‚alten Zeiten’, wo das ganze Leben
sich um die einmal im Jahr stattfindende Nilüberflutung drehte, in
deren Anschluss es dann nur eine Ernte gab.
Der Fortschritt macht wie meist auch Probleme. Durch den
Assuan-Staudamm wurde zwar der Nil reguliert, viel Strom erzeugt, und
die Agrarwirtschaft wurde unabhängig von der Überflutung.
Doch der fruchtbare Nilschlamm blieb nun aus: er lagert sich
südlich des Staudamms ab – mit Nachteilen für das
Ökosystem im riesigen Stausee-Gebiet, und mit der Folge
nachlassender Qualitäten der Agrarerzeugnisse. Nördlich des
Staudamms, am Unterlauf des Nils fehlt dem Ackerland nun der
natürliche Dünger. Ebenfalls laugen die zwei
zusätzlichen Ernten die Böden aus. Es werden daher wachsende
Mengen Pestizide und synthetische Dünger benötigt.
Da die Felder recht klein sind, besteht verstärkt die Gefahr, dass
der konventionelle Nachbar die Ränder eines Bio-Ackers
unabsichtlich „mitbehandelt“. Entsprechend ist eine ständige
Überprüfung durch Analysen nötig und wird auch von
Anbauern und Importeuren durchgeführt.
Für die ägyptische Landwirtschaft ist der erfreulich
wachsende Bio-Anbau ein Segen, gleichzeitig der beste Umweltschutz.
Ägyptische Kräuter und Gewürze haben typischerweise eine
einfache, leichtere Qualität, weniger intensiv als
europäische Herkünfte. Sie sind so mild und freundlich wie
die liebliche Nil-Landschaft. Da sie im Preis günstig liegen, sind
sie bei uns gesucht. Typische Bio-Gewürz- und
-Kräuterprodukte aus Ägypten sind: getrocknete Zwiebeln und
Knoblauch, Schwarzkümmel, Basilikum, Kamille, Koriander, Hibiskus,
Süßholz, Zitronengras, Anis, Fenchel, Kümmel,
Kreuzkümmel, Nanaminze und Pfefferminze, Dill und Petersilie,
getrockneter Sellerie, Karotten, Lauch.

Alexandria - Bio-Export
Unser erster Besuch führte uns ans Mittelmeer nach Alexandria. Wir besichtigten eine Bio-Exportfirma,
die ursprünglich konventionell arbeitete, aber seit ca. 15 Jahren aufgrund der Nachfrage mehr und
mehr Bio-Erzeugnisse anbietet. Exportiert
werden hauptsächlich Zwiebeln und Knoblauch sowie getrocknete Datteln
nach Deutschland.
Die
Firma hat Kontrakte mit einer Anzahl kleiner Bio-Bauern
in ganz Ägypten. Die frisch geerntete Ware wird auf den Höfen
vor Ort getrocknet (kein Problem bei dem Klima: ohne Regen, meist 35 –
45°C), und anschließend in der Firma weiterverarbeitet:
gereinigt, sortiert, geschnitten, gemahlen. Laut Firmenphilosophie
liegt der Schwerpunkt eher auf der Qualität der Ware als auf
niedrigen Preisen. Entsprechend sahen wir moderne
Verarbeitungsmaschinen
(Sortierung, Dampfsterilisation usw.). Speziell zu uns kommen Dill,
Petersilie und vor allem Zwiebeln.
Sekem Farm, Belbes - Kairo

Die Sekem – Farm ca. 60km
nordöstlich von Kairo, unser nächster Besuch, ist ein Projekt
mit anthroposophischem Hintergrund (Demeter-Anbau) und ganzheitlichem
Anspruch. Der in Österreich aufgewachsene Ägypter und
Gründer Ibrahim Abouleish ist vor kurzem für sein Lebenswerk
mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet worden.
Neben kleiner, eigener Landwirtschaft und der Verarbeitung von
Produkten von mittlerweile 800! Bio-Vertragsbauern gibt es dort einen
(Waldorf-) Kindergarten und –Schule, bald eine freie
Universität, sowie verschiedene Ausbildungsstätten. Der
soziale Standard für die Arbeiter ist hoch: mit
Gesundheitsversorgung, Fortbildungen, ausgewogene Mahlzeiten usw..
Innerhalb der Sekem – Farm gibt es eine Firma für
Bio-Baumwollkleidung, für Naturheilmittel, und für die
Sekem-Eigenmarke „Isis“. Die Isis-Produkte waren uns vorher schon im
ganzen Land begegnet – wie waren verblüfft über die
Verbreitung dieser Demeter-Produkte in Ägypten.

Nach Deutschland,
unter anderem zu uns, kommen z.B. Knoblauch, Süßholz und
Schwarzkümmel.
Die nebenstehenden Fotos zeigen die Sortierung von Ringelblumen, die
Trocknung von Gewürzpflanzen und die Herstellung des eigenen
Kompost - dies ist bei Demeter-Anbau besonders wichtig.


Tatsächlich fühlten wir uns als Besucher wie in einem kleinen
Paradies. Ein hoher Anteil an europäischen Mitarbeitern
organisiert und lehrt in diesem großen Projekt mit
überdurchschnittlichem Engagement. Für Interessierte sind
hier links zu zwei Internetseiten über Sekem:
www.dreigliederung.de/sekem/
www.sekem-reisen.de/
Familienbetrieb Al-Seadawy in Al-Fayum
Unser dritter Ausflug ging in die ‚Oase’ Al-Fayum. Keine echte Oase,
sondern eine fruchtbare Enklave in der Wüste, die durch einen
natürlichen Nilarm bewässert wird. Das Leben in dieser Region
ist einfach und traditionell, bereits afrikanisch anmutend. Der
geduldige Esel ist das wichtigste Verkehrs- und Transportmittel. Die
kleinen Dörfer mit ihren Lehmhäusern, ungepflasterten
Straßen und dem Leben vor den Häusern sind sehr
ursprünglich.
Die Familie Al-Seadawy, Vater
mit drei Söhnen, beginnt nun, nachdem sie den Familienbetrieb vor
einigen Jahren auf Bio-Anbau umgestellt hat, eine eigene Exportfirma
aufzubauen. Sie vermarkten ebenfalls die Erzeugnisse anderer
Bio-Betriebe mit. 
Die Brüder Ahmed, Nasser und Saed haben uns herzlich empfangen und
uns hinter die Kulissen ihrer Arbeit schauen lassen. Das Programm der
Familie Al-Seadawy ist sehr vielfältig – sie bieten fast alle der
oben aufgezählten Gewürze und Kräuter an. Hauptprodukte
sind Kamille, Zwiebel und Majoran von guter Qualität. Sie bauen
vor allem auf eigenen Flächen an und arbeiten mit einigen
nahegelegenen Bio-Produzenten zusammen.

Ihre Landwirtschaft ist typisch:
kleine Felder, von Palmen umsäumt, durch kleine
Bewässerungskanäle umgeben, hauptsächlich von Hand
bearbeitet. Da es keinen Regen gibt, wird jedes Feld ca. einmal im
Monat geflutet.

Gerade wurden Zitronengras, Nanaminze, Pfefferminze und Basilikum
geerntet, getrocknet und weiterverarbeitet. In der Produktionshalle
werden die getrockneten Kräuter maschinell geschnitten, dann von
Hand auf die verschiedenen Qualitäten eingesiebt und verpackt.
Nach langer Besichtigung und
interessanten Gesprächen nicht nur über Handel, sondern auch
über Kultur und Tradition, kehrten wir erst spät in der Nacht
nach Kairo zurück. Obwohl die Unterhaltung in einem allgemeinen
Englisch stattfand, schien es aufgrund der Kulturunterschiede
öfter so, als ob wir verschiedene Sprachen benutzen.
Der Rückblick: die Reise in dieses Land mit ihren beeindruckenden
Kulturschätzen und der heutigen Lebendigkeit der islamischen
Kultur war sehr intensiv. Wir fühlten uns willkommen (‚welcome’
war das Wort zu jedem Zeitpunkt in jedem Gespräch) und mit reichen
Eindrücken richtig beschenkt. Viele schöne Bilder kehren in
Träumen zurück, und ein wenig haben wir auch von der
orientalischen Gelassenheit verinnerlicht – die manchmal so ‚aufgeregt’
wirkt.

Seite aktualisiert am: 1.09.2005
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